Vom Zauberlehrling zum Krüppel – Ganz ohne Magie

StageDoorDer Applaus war nicht frenetisch aber ok, vier Vorhänge oder so. Das Publikum strömt plappernd aus dem Seitenausgang des Noel Coward Theatre im Londoner Westend, zufrieden mit der gebotenen Darstellung. Wir auch. Die nächste Tube Station ist Covent Garden.

Der Weg dorthin führt am Bühneneingang vorbei. Massenauflauf. „Was ist denn hier…?“ frage ich und halte inne, als mir der halb mitleidige, halb spöttische Blick meiner Begleitung begegnet. Na klar, da drinnen war er der Krüppel der Irischen Insel Inishmaan. Hier draußen verwandelt er sich in Daniel Radcliffe, den Weltstar.

Der Weltstar lässt auf sich warten. Die Security-Leute schaffen es, gleichzeitig aufmerksam-alarmiert und professionell-gelangweilt zu schauen (lernt man wahrscheinlich in der Security-Leute-Lehranstalt). Von Herrn Radcliffe keine Spur, wird aber wohl noch kommen. Er war jedenfalls drinnen, wir haben ihn ja gesehen.

Plakat_CrippleDie Tickets für das Stück haben wir mittags geschossen. 15. Reihe, 30 Pfund, für hiesige Verhältnisse ein Schnäppchen. Das ist eins der angenehmen Dinge, wenn man in London wohnt: Dass man hier Leinwandhelden zum vertretbaren Preis auf der Bühne bei der Arbeit zuschauen kann. Und bisweilen sogar bei der Verwandlung eines Kinderstars in so etwas wie einen richtigen Schauspieler. Ganz ohne Zauberei.

Daniel Radcliffe jedenfalls geht mit Schwung daran, sich vom Harry-Potter-Erbe freizustrampeln, indem er möglichst viele, möglichst diametrale Rollen zum edlen Zauberlehrling spielt – als dreißigjähriger Familienvater im Gruselfilm The Woman in Black, als schwuler Schriftsteller Allen Ginsberg (Kill Your Darlings, soll im Herbst in die Kinos kommen), oder eben in der schwarzen Komödie The Cripple of Inishmaan, in der er als Waisenjunge Billy trotz verkrüppeltem Arm und Bein von einer Filmkarriere in Hollywood träumt (Humor hat er…).

Und in Anlehnung an das, was die Süddeutsche über Radcliffes Kollegin Emma Watson alias Hermine jüngst schrieb, möchte ich sagen: Es ist ein Vergnügen, ihm bei der Exmatrikulation aus der Zauberschule Hogwarts zuzusehen. Er selbst hat ebenfalls sichtlich Spaß daran, zumindest wenn man das Strahlen in seinem Gesicht beim Schlussapplaus als Maßstab nimmt.

Im Herbst steht hier übrigens Jude Law an der gleichen Stelle auf der Bühne in Shakespeare’s Henry V. Keine Ahnung, wovon das handelt oder ob ich irgendetwas verstehen werde. Aber auf jeden Fall werden wir es uns anschauen. Nur der Theaterkunst wegen, natürlich.

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