Affentheater oder: Immer Ärger mit den Nachbarn

Die Stimmung ist nervös, der Ton gereizt, die Atmosphäre vergiftet. Hektische Aktivität im Londoner Außenministerium, mediales Säbelrasseln, gegenseitige Vorwürfe, Schuldzuweisungen, verdeckte und offene Drohungen. Von Portsmouth aus sind mehrere Schiffe in Marsch gesetzt worden, in erprobter Kanonenboot-Diplomatie traf die HMS Westminster bereits vor einigen Tagen im Mittelmeer ein.

GibraltarHouse1Nicht von Syrien ist die Rede, noch von irgend einer anderen unglücklichen Region dieser Welt, wo der Westen glaubt, militärisch eingreifen zu müssen. Der Gegenstand der Aufregung heißt Gibraltar.

Gibraltar – Da war doch was? Stimmt, der Affenfelsen an der Südspitze Europas gehört ja gar nicht zu Spanien, wie die Geografie nahelegen würde, sondern zu Großbritannien. Und das schon ziemlich lang*. Der dortige Abgesandte der britischen Krone ist eilig nach London gereist, um mit Premier Cameron und Außenminister Hague zu beraten, was tun tun sei. Währenddessen wird die ständige Vertretung in der Hauptstadt, Gibraltar House am Strand, mit tausenden Schmäh-E-Mails bombardiert, in „imperfect English“, wie der Guardian meldet. Und im Internet kursieren die ersten Fotomontagen von Kampfflugzeugen über Gibraltar samt wehender spanischer Flagge über dem befreiten/besetzten Territorium. Der Bürgermeister einer spanischen Nachbarstadt soll es auf Facebook gepostet haben.

Gibraltar mock-upIn unschöner Regelmäßigkeit werden die Briten an die Größe erinnert, die ihr Empire einst gewesen, und an das, was davon jetzt noch übrig ist. Nämlich immer dann, wenn mal wieder ein Konflikt um eins der sogenannten Overseas Territories aufflackert, der Überseegebiete also – jenen meist winzigen, über die Erdkugel verstreuten Flecken, die formal keine Kolonien sind, aber irgendwie unter britischer Verwaltung stehen; die zu klein sind, als dass sich normalerweise irgendein Minister dafür zuständig fühlt, auf denen aber Menschen leben, die sich in ihrem britischen Patriotismus von niemandem übertrumpfen lassen. Union Jack, rote Telefonhäuschen, Royal Mail, das volle Programm.

14 von diesen Überseegebieten gibt es insgesamt – was sich halt so zusammen läppert im Lauf der Jahrhunderte: angefangen bei solchen, von denen man noch nie gehört hat (Akrotiri und Dhekalia auf Zypern, Turks and Caicos Islands in der Karibik), über die notorischen Steuerparadiese wie die Jungfrauen- und die Kayman-Inseln, bis zu Pitcairn, der kleinen Insel im Südpazifik, auf die sich die Bounty-Meuterer flüchteten, und auf der heute noch ihre Nachfahren leben, 51 an der Zahl.

Meist kümmert es niemanden, welcher Felsen in welchem Weltmeer welcher ehemaligen Großmacht gehört (Frankreich zum Beispiel hat im Pazifik auch noch eine Reihe Altlasten). In manchen Fällen aber greift ein nationaler/nationalistischer Reflex derjenigen Nation, die dem entsprechenden Gebiet am nächsten ist. So ist es Teil der Argentinischen Staatsraison, den Anspruch auf die Malvinas nie aufzugeben, wie die Falklandinseln dort genannt werden, jenem 300 Kilometer weit (!) vor der Südamerikanischen Küste gelegenen, nackten Felsen, auf dem nichts wächst außer Gras, Schafe, Pinguine und Armee-Garnisonen. Die schrille Rhetorik von Präsidentin Kirchner war ebenso absehbar wie der daraus entstehende Zoff, der vergangenes Jahr die Gedenkfeiern zum 30. Jahrestag des Krieges begleitete.

Im aktuellen Fall Gibraltar geht es vordergründig um Fischereirechte, also darum, wer wo vor wessen Nase seine Netze auswerfen darf, und ob es einen Eingriff in spanische Hoheitsrechte bedeutet, wenn die Verwaltung von Gibraltar in seiner Hafeneinfahrt ein künstliches Riff anlegen lässt, um dort spanische Schleppnetzfischerei zu unterbinden. Die lautstarke spanische Reaktion auf diesen Affront: verzögerte Grenzabfertigung nach Spanien, Androhung von saftigen Einreisegebühren, sowie die vieldeutige Aussage der Regierung, man sei bereit, „alles Notwendige“ zu unternehmen, um Spaniens Rechte zu wahren. Seit einem Monat bereits wabert der Konflikt hin und her.

Die Auslandskorrespondenten der hiesigen Presse sind sich einig darin, dass es sich bei dieser rabiaten Rhetorik vor allem um ein Ablenkungsmanöver der konservativen Spanischen Regierung handelt, die gerade einen ziemlichen Korruptionsskandal am Hals hat. Das heißt aber nicht, dass die Zündelei nicht eskalieren könnte: In Argentinien waren 1982 auch innenpolitische Gründe ausschlaggebend dafür, dass auf dem 300 Kilometer weit entfernten Felsen namens Falkland plötzlich eine Invasionsarmee stand.

Argentinien ist nicht Spanien, eine Militärdiktatur keine Demokratie. Und kaum jemand kann sich vorstellen, dass zwei EU-Mitgliedsstaaten sich militärisch an die Gurgel gehen. Aber schon so vergiftet das absurde Affentheater die Beziehungen zwischen den beiden Ländern.

GibraltarHouse2Nun ist es leicht, den Kopf zu schütteln und/oder sich lustig zu machen über das britische Festhalten an diesen kläglichen Resten einstiger kolonialer Größe. Oder wie der Rheinländer sagt: Wat soll dä Quatsch? Sollen die Briten doch die paar Quadratkilometern Felsen aufgeben, damit Argentinier und Spanier endlich Ruhe geben. Dafür lohnt es nicht, das Leben eines einzigen Soldaten auf’s Spiel zu setzen! Die diplomatischen und finanziellen Kosten für Abenteuer wie den Falklandkrieg, und die immer wieder aufpoppenden Konflikte mit ansonsten befreundeten Ländern stehen in keinem Verhältnis zu – ja, zu was eigentlich? Dem Wissen darum, dass mitten im Südatlantik jeden Morgen der Union Jack gehisst wird?

Wie man hört, sehen das die zuständigen Abteilungen des Außenministeriums seit Jahrzehnten ähnlich, natürlich nicht offiziell. (In einem Interview sagte mir vor einigen Monaten eine Argentinische Historikerin mit Bezug auf eine Quelle im Foreign Office: Wären die Argentinischen Invasionstruppen 1982 nach ein paar Tagen wieder abgezogen, hätte die britische Regierung einige Monate später Argentinien die Falklands auf dem Silbertablett serviert. Gespräche darüber hatte es in den Jahren zuvor bereits gegeben).

Eigentlich. Denn da gibt es noch die Kleinigkeit der bereits erwähnten Bevölkerung, gut 2000 im Falle der Falkland-Inseln, 30.000 auf Gibraltar. Und die wollen nun mal partout nicht argentinisch respektive spanisch werden. Dabei spielt Nationalfolklore eine gewisse Rolle, vor allem aber wohl die direkten finanziellen Hilfen aus London (Falklands), und die steuerlichen Vorteile (Gibraltar).  Das mögen keine moralisch sonderlich ehrenwerte Motive sein, aber durchaus legitime – und völkerrechtlich ist das Argument schwer zu widerlegen. Weswegen sich Großbritannien daran fest hält, sehr zum Ärger der jeweils anderen Seite. Allen Forderungen nach „Rückgabe“ begegnet London mit dem achselzuckenden „Na, dann fragen wir doch mal die Bevölkerung“ (wie in diesem Frühjahr auf den Falklands geschehen, wo – surprise, surprise! – 90 Prozent der Bevölkerung für den Verbleib bei Britannia votierten).

Und so werden uns diese diplomatischen Hahnenkämpfe erhalten bleiben, immer in der Hoffnung, dass es bei Spiegelfechtereien bleibt. Im Fall Gibraltar darf man aber zuversichtlich sein. Allein schon deswegen, weil sonst auf absehbare Zeit den Briten ihr Lieblings-Urlaubsziel abhanden käme, und der geschundenen spanischen Wirtschaft ein Großteil ihrer touristischen Einnahmequellen…

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* Gibraltar gehört schon lang zu Großbritannien: seit 300 Jahren, um genau zu sein. 1713 trat Spanien das Küsten-Streifchen an Großbritannien ab, und zwar im Frieden von Utrecht, bei dem das Spanische Weltreich nach einem endlosen Erbfolgekrieg ziemlich zerrupft, ich möchte sagen: zerschmettert wurde. Im Friedensvertrag musste Spanien die bis dahin so genannten Spanischen Niederlande abtreten, die Königreiche Neapel, Sizilien und Sardinien, sowie das Herzogtum Mailand.

Obwohl das alles schon etwas länger her ist, hegen die Spanier immer noch (oder eher: wieder) einen Groll, dass England diesen südlichen Zipfel kassierte und wollen ihn nun zurück. Mit welcher Begründung, außer einer rein geografischen, ist mir nicht ganz klar. Von spanischen Forderungen nach Rückgabe der BeNeLux-Staaten ist mir zum Beispiel nichts bekannt (tatsächlich beruft sich Spanien auf das UN-Recht und reklamiert territoriale Integrität wegen dieser Abspaltung vor 300 Jahren. Mit der gleichen Argumentation könnte Deutschland Venedig beanspruchen, gesamt Norditalien, und noch ein bißchen mehr. War schließlich alles mal Teil des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation). Zudem gehörte Gibraltar auch nur 250 Jahre zu Spanien, also nicht ganz so lang wie inzwischen zu Großbritannien. Davor war es über sieben Jahrhunderte lang Teil des maurischen Reichs. Von arabischen Ansprüchen auf das Territorium habe ich ebenso wenig gehört.

Die beliebte Begründung durch die Geschichte á la „…. gehörte schon immer zu …“ (bitte Punkte durch entsprechende Namen-Kombi einsetzen: Malvinas-Argentinien, Gibraltar-Spanien, Böhmen-Deutschland) wird immer wieder bemüht, an Stammtischen wie in politischen Talkrunden, doch erweist sie sich in den meisten Fällen als sehr wackelig auf den Beinen.

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