Mülleimer für London

AbfalleimerDer Termin war früher zuende als gedacht. Ich trat ich auf die Whitechapel High Street, und zog eine Banane aus meinem Rucksack, während ich Richtung Finanz-Viertel schlenderte. Die Bananenschale ist bekanntermaßen die in jeder Hinsicht eleganteste Verpackung der Welt (und ihr Prinzip in weiten Teilen der Verpackungs-Industrie bis heute unverstanden). Wenn sie aber ihren Dienst getan hat, bleibt das Problem allen Mülls: wohin damit?

Bis ich mir die Banane nach und nach einverleibt hatte, war ich am Rand der City of London angelangt, und die Abfalleimer, die bis gerade noch alle paar Meter die Einkaufsstraße von Whitechapel gesäumt hatten, ließen jetzt auf sich warten. Wird schon gleich wieder einer kommen, dachte ich so fröhlich wie naiv, und trug die Bananenschale weiter wie eine Trophäe vor mich her, unter den teils erstaunten, teils skeptischen Blicken der Gehweh-Bevölkerung, die sich binnen weniger Schritte von levantinisch inspiriertem Multikulti in Armani-Aschgrau, Aschblau und Schwarz verwandelte.

Wird schon gleich einer kommen, sagte ich mir einen Kilometer weiter immer noch, wobei meine innere Stimme mittlerweile deutlich weniger überzeugend klang. Erstaunlich: Die Straßen und Bürgersteige waren ohne Abfalleimer sauberer, obwohl nicht weniger Menschen unterwegs waren. Ob alle Versicherungsbroker und Key-Account-Manager das Trio aus Chicken-Wrap-Karton, Mulitvitaminsaft-Fläschchen und Crisps-Tüte ihres Sainsbury-Sandwich-Deals nach der Mittagspause auf der obligatorischen Parkbank zurück an ihren Schreibtisch schleppen? Oder ob nur die Straßenreinigung schneller ist?

CityOfLondonWas auch immer der Grund – mein Problem blieb: kein Abfalleimer, nirgends. So trug ich meine Bananenschale vorbei an der Gurke (vulgo: the Gherkin, der emblematische Norman-Foster-Glaspalast), und immer verdrießlicher an den anderen blitzblanken Hochhäusern der Hochfinanz – bis das Schaufenster eines Bürgerbüros mich innehalten ließ. Ein Holzmodell der City war dort ausgestellt. Der zugehörige Text verwies auf künftige Planungsaktivitäten der Stadt, lud den interessierten Passanten ein, sich drinnen über Details zu informieren, und – vor allem – Vorschläge zur Verbesserung des städtischen Zusammenlebens zu machen. Ich betrat also die Räumlichkeiten mit vorgehaltener Bananenschale und bedeutete den beiden freundlichen Herrschaften am Empfang, dass ich da so eine Idee hätte…

Ob jener, mit handfester Beweiskraft vorgetragene Vorschlag Einfluss auf die Entscheidung der Londoner Stadtväter gehabt hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls hat jetzt, ein Jahr später, die Stadtverwaltung entschieden, 20 Abfalleimer in Bishopsgate aufzustellen – „versuchsweise“ wie der Evening Standard verlautet – um der wachsenden Vermüllung der Londoner City entgegen zu wirken, vor allem dort, wo die Touristen sich tummeln, also zwischen Shoreditch, Brick Lane und Spitalfields Market.

Meine prophetische Begabung hält sich in Grenzen. Dennoch wage ich hier die Prognose, dass dieser „Versuch“ einen gewissen positiven Effekt auf die allgemeine Stadthygiene haben wird. Langfristige Feldversuche in Siedlungen unterschiedlicher Größe und in unterschiedlichen Kulturkreisen während der vergangenen zwei bis drei Millennia haben recht eindrucksvolle empirische Hinweise darauf geliefert, dass Menschen Mülleimer nutzen, wenn sie ihnen angeboten werden.

Nun ist von Wiedereinführung der Mülleimer die Rede, und der Grund dafür, dass man diese überaus praktische Einrichtung in der Londoner City einst abgeschafft hat, ist ein betrüblicher: Vor ziemlich genau 20 Jahren, im April 1993 explodierte ein mit Sprengstoff vollgestopfter LKW in Bishopsgate und verheerte den gesamten Straßenzug des Finanzdistrikts. Ein Nachrichtenfotograf kam ums Leben, 44 Menschen wurden verletzt, 350 Millionen Pfund Sachschaden.

CCTVMedien, die City und Bankenverbände riefen damals nach mehr Sicherheit auf Londons Straßen, und alle waren sich einig, dass etwas getan werden muss, um weitere Anschläge zu verhindern. Aber was? Alle LKW von den Straßen verbannen? Das ging natürlich nicht. Neben der Einrichtung von Straßen-Checkpoints und tausenden Überwachungskameras wurde in einem typischen Fall von Übersprungshandlung entschieden, alle Mülleimer zu demontieren. Mülleimer hatten beim Anschlag zwar keinerlei Rolle gespielt, aber andernorts in London waren die gusseisernen Gesellen von der IRA perfide als Splitterbomben missbraucht worden – was der Grund dafür ist, dass man Mülleimer auch in der Tube und den meisten Bahnstationen vergeblich sucht.

Als ob es für jemandem mit finsteren Absichten in einer Stadt nicht genügend Alternativen gäbe, eine Bombe zu platzieren! Gibt es einen verborgenen Sinn hinter solchen Maßnahmen? Oder gehören sie in die selbe Kategorie wie das Flüssigkeitsverbot an Bord von Flugzeugen: Erhöht zwar nicht die Sicherheit, aber das Sicherheitsgefühl der Passagiere?

Im nun stattfindenden Feldversuch jedenfalls will die Huffington Post einen allgemeinen Trend zu mehr gesundem Menschenverstand ausgemacht haben in Sachen Sicherheitsdenken. Auch der Bahnnetz-Betreiber Network Rail überlasse es inzwischen den Stations-Managern der Bahnhöfe, ob sie Mülleimer aufstellen oder nicht.

Entspannung an der Terrorismus-Front also. So entspannt, dass man die allgegenwärtigen CCTV-Kameras in die neu aufgestellten Mülltonnen entsorgen würde, ist man allerdings nicht. Längst nicht.

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