Things to do (When in London) – Zuhaus bei Batman

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Alle Fotos in diesem Artikel (c) 2013 Martin Herzog

Das Arbeitszimmer des britischen Premiers sieht aus, als komme er gleich zurück. Gehrock, Zylinder und Spazierstock auf den Sessel geworfen, die Aktentasche auf dem Schreibtisch-Stuhl halb geöffnet. „Wir zeigen hier einen Moment der Geschichte, als Disraeli vom Berliner Kongress zurück kehrt“, erklärt Nicholas Witherick vom National Trust. Für den alternden Premierminister war es der Höhepunkt seiner Karriere. Die Londoner hatten ihm einen begeisterten Empfang bereitet, als er im Juli 1878 vom großen Geschacher um den Balkan zurück kehrte, im Gepäck „peace with honour“. Viele hatten zuvor einen großen Europäischen Krieg befürchtet.

Auf Disraelis Schreibtisch liegen die Karten des Osmanischen Reiches ausgerollt mit den Gebietsänderungen, die gemacht wurden. An der Wand das Bild einer Statue, die in London errichtet wurde zu Ehren Disraelis. Und der Holzfächer über dem Kaminsims? „Auf dem haben alle Teilnehmer des Berliner Kongresses unterzeichnet, und am Ende des Berliner Kongresses wurde er ihm überreicht.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAuch Konferenzleiter Otto von Bismarck erhielt einen solchen Fächer. Das Foto des Reichskanzlers hängt gleich daneben, so wie die Bilder der anderen Kongressteilnehmer, sämtlich mit persönlicher Unterschrift. Kurios: Ich dachte immer, Autogrammkarten seien eine Erfindung neueren Datums, entstanden vielleicht mit dem beginnenden Filmstar-Kult in den 30er und 40er Jahren. Aber nein: „Der Austausch von Autogrammen war eine verbreitete Art, seine Zuneigung auszudrücken im Viktorianischen Zeitalter.“

Disraelis Arbeitszimmer ist das Herzstück der Ausstellung in Hughenden Manor, dem Landsitz des „alten Juden“, wie Bismarck ihn auf der Konferenz anerkennend nannte, des Staatsmannes, Schriftstellers und Busenfreunds von Queen Victoria. Der erste Earl of Beaconsfield (sprich: Beckensfield) lebte hier über 30 Jahre lang in der Nähe von High Wycombe (sprich: Hai Wickomm) auf halbem Wege zwischen London und Oxford.

IMG_0832Hughenden Manor gehört heute samt großzügigem Garten zum National Trust, einer von zwei Institutionen, die das architektonische Erbe Englands verwalten. Auf ähnliche Weise sorgt auch die Konkurrenzveranstaltung English Heritage für den Erhalt von Parkanlagen, Landhäusern, alten Mühlen und Leuchttürmen, Schlössern und Burgen, von denen es hier ja reichlich gibt.

Der Grund für die Überschreibung  an eine der beiden Stiftungen war in der Regel nicht überbordendes Geschichtsbewusstsein der Eigentümer, sondern schlicht Geldnot: Der Landsitz, das Stadthaus, der Privatpalast waren zu groß geworden, vor allem zu teuer, und als Wohnsitz der traditionsreichen Familie wurde es eh nicht mehr richtig genutzt. Was sich der Duke of Irgendwas und der 3. Earl of Hastenichgehört  einst zur Förderung des eigenen Glanzes errichten ließ, konnten ihre verarmten Nachfahren erst nur mit Mühe und schließlich gar nicht mehr erhalten.

Irgendwann überschrieben sie die Immobilie dem Staat, meist unter der Bedingung eines dauerhaften Wohnrechts in einem Seitenflügel des Gebäudes, während die repräsentativen Speise-, Fest- und Empfangssäle restauriert und der Allgemeinheit zugänglich gemacht wurden.

IMG_2020Bisweilen scheinen die Stiftungen ordentlich zu keuchen unter den Kosten, die ihre Schätzchen jedes Jahr verursachen. Weswegen die historischen Räumlichkeiten nicht nur der Öffentlichkeit zugänglich sind, sondern gern auch für die Produktion von Mantel- und Degenfilme vermietet werden, für Geschichtsschinken und Superhelden-Filme.

Wer also durch die Ballsäle und Empfangsräume wandert, und denkt „das kommt mir hier alles so vertraut vor,“ der erliegt nicht unbedingt einem Deja Vu, sondern hat nur vielleicht den letzten Batman-Film geschaut. Für „The Dark Knight Rises“ wurden die Innenaufnahmen von Bruce Wayne’s Anwesen in Gotham City nämlich im Westen Londons gedreht, im Osterley House, dem einstigen Landschloss des Bankiers Sir Francis Child.

IMG_1992Der damals zweit reichste Mann Englands ließ Mitte des 18. Jahrhunderts das bestehende, eher bescheidene Gebäude vom Londoner Star-Architekten Robert Adam im damals angesagten klassizistischen Stil um- und ausbauen. Nach Child’s Tod übernahm sein Bruder das Anwesen und ließ es so richtig krachen: Aus dem Landsitz wurde ein regelrechter Party-Palast. Wer damals eine Einladung zu einer von Childs legendären Bällen erhielt, der gehörte zur Scene. Schon Wochen vorher und Monate danach waren die Fêten in Osterley House Gegenstand von Klatsch und Tratsch der Londoner High Society.

IMG_1965Wie es dabei zuging, das illustriert wochenends eine Gruppe junger Damen  in zeitgenössischer Kostümierung. In einem kompakten, halbstündigen Benimm-Kurs demonstrieren sie den Party-Knigge des 18. Jahrhunderts, beispielsweise die subtile Kommunikation per Handfächer, führen ein in die angesagten Mode-Tänze der Zeit, und geben Schminktipps Abteilung Spät-Barock. Wer glaubt, Botox und Lippenfiller sei der nicht zu übertreffende Gipfel menschlicher Eitelkeit: Alles schon mal da gewesen.

IMG_1974So basierte das damalige Makeup auf Blei. Richtig, das Schwermetall. Da das dem Teint langfristig eher abträglich war, bestand die Grundierung für das Gesicht zunächst aus Wachs. Das deckte die schlimmsten Pockennarben gnädig zu – weshalb die Damen in den zugigen Räumen meist froren, denn nun wagten sie sich nicht mehr allzu nah an die wärmenden Kaminfeuer heran (der Ausdruck „to drop one’s face“ soll daher stammen: wenn das Wachs weich wurde, schmolz das ganze Gesicht dahin). Mit Kork wurden die Wangen von innen aufgepolstert, die durch den exzessiven Gifteinsatz eingefallen waren, und die bald fehlenden Zähne wurden durch Elfenbein ersetzt, oder aus der Kauleiste von Toten.

Die gepuderten Perücken dienten als ideales Habitat für allerlei Geziefer und juckten natürlich allenthalben. Weil es aber extrem unschicklich war, sich ordinär zu kratzen, klopfte die Trägerin in der Regel gegen ihren Perückenturm, woraufhin sich dessen Bewohner aufgefordert sahen, zur Nachbarin überzusiedeln (der alten Schnepfe!).

IMG_1959Wie meist in den historischen Stätten Englands, ist der Eintrittspreis für Osterley House stattlich: 9 Pfund Sterling. Aber natürlich sind die Unterhaltskosten für ein solches Anwesen enorm, in diesem Fall rund 1 Million Pfund jährlich für Haus und Parkanlagen.

Dafür bekommt man auch etwas geboten. Es ist teuer, aber kein Nepp (Ähnliches gilt übrigens für die berühmteren Sehenswürdigkeiten wie St. Paul’s Cathedral, den Tower of London oder Windsor Castle, die noch mal ein paar Pfund mehr kosten). Für das Geld gibt es nicht nur die Repräsentationsräume und üppigen Ballsäle zu sehen, sondern auch die Küche, Vorratsräume, Dienstzimmer, also die tieferen Eingeweide, die es unten brauchte, damit die Herrschaften oben standesgemäß einen drauf machen konnten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEbenfalls einen Ausflug wert und ebenfalls von Robert Adam umgebaut, wurde Syon House, im Südwesten Londons gleich an der Themse. Anders als Osterley ist Syon House noch im Besitz der Familie, in diesem Fall der Earls of Northumberland. Aber weil auch hier das Geld irgendwie rein kommen muss, kann man für 11 Pfund Haus und Garten besichtigen. Und auch hier wurde und wird fleißig gefilmt. Fans von The Cure werden das zugehörige Konservatorium aus dem Video The Caterpillar wiedererkennen aus dem Jahr 1984.

OLYMPUS DIGITAL CAMERASyon House diente im frühen 19. Jahrhundert als Wohnsitz der Gouvernante von Prinzessin Victoria, die hier auch immer wieder übernachtete – zu ihrem Kummer stets begleitet von ihrer gluckenden Mutter: Das Zimmer mitsamt beiden Betten ist noch zu bestaunen. Bis zu ihrem 18. Geburtstag verbrachte Victoria keinen Augenblick allein, nicht einmal nachts: Ihre Mutter schlief neben ihr, egal, wo sie waren.

Solcherlei Einblicke geben dem neugierigen Besucher die Volunteers, freiwillige (also unbezahlte) Helfer, die aus Enthusiasmus hier ihre Wochenenden verbringen. Der angenehme Effekt: Die Mitarbeiter stehen nicht nur gelangweilt in der Gegend rum und passen auf, dass der Besucher nichts anfasst, sondern geben bereitwillig Auskunft über geschichtliche Details des jeweiligen Raumes und freuen sich über Nachfragen. Eine Art interaktiver Audioguide also. Man kann durch die Räume schlendern und einfach die Atmosphäre genießen, oder sich die Raffinessen der Pariser Stoff-Tapeten oder des Heizungssystems erklären lassen (das sich trotz ansonsten allfälliger Pracht sehr bescheiden ausmachte).

IMG_2045Ein wenig zentraler gelegen, ist Apsley House, der Wohnsitz des Earl of Wellington, nicht nur Namensgeber des Filet Wellington, sondern – und damit verwoben – als Feldherr verantwortlich für Napoleons Niederlage bei Waterloo (gleich nach der Schlacht soll er sich das rosé gebratene Rinderstück serviert haben lassen).

Sein Domizil steht gleich an Hyde Park Corner, von der anderen Straßenseite grüßt sein Bronzenes Reiterstandbild. Für diese Adresse würde wohl manch einer was geben: Number One London lautet die Anschrift (offenbar deshalb, weil das Haus exakt an der Stadtgrenze erbaut wurde, und deshalb das erste Gebäude war, wenn man von Westen her nach London kam).

IMG_2063Drinnen erfährt man einiges über den erzkonservativen Kriegshelden und späteren Premierminister, im Keller haben die Kuratoren mit feinem Sinn für Humor seine vielen Orden gleich neben den zahlreichen Karikaturen ausgestellt, die ihn und seinen Standesdünkel zu Lebzeiten mit viel Spott überzogen. Und mit gleichem Feinsinn haben sie die Totenmaske Wellingtons in stiller Eintracht neben die Napoleons drapiert. Memento Mori!

Eindrucksvoller als dieses Gruselkabinett sind die Staatsräume im ersten Stock, wo der alte Earl gelegentlich sein Kabinett zusammen rief, mit seinen Kriegskumpanen weinselig von Waterloo schwadronierte, und wo sich die feine Londoner Gesellschaft im 19. Jahrhundert unter schicken Rubens-Schinken zu Gala-Diners versammelte.

Auch Apsley House ist ein Fall von verarmtem Adel: Im Zweiten Weltkrieg musste die Familie einsehen, dass der Unterhalt des Stadthäuschens zu kostspielig wird. Nach Verhandlungen mit dem britischen Staat ging es in die Trägerschaft von English Heritage über. Der Haupteingang ist nun dem historisch interessierten Besucher vorbehalten. Wer zur Familie derer von und zu Wellingtons will, die immer noch hier lebt, muss den Seiteneingang nehmen…

P.S.: Auf den gut sortierten Seiten von National Trust und English Heritage sind neben den oben vorgestellten Häusern dutzende andere Gebäude aufgelistet, praktische Weise teils auch über eine Kartenfunktion, so dass man in der Umgebung des eigenen Standortes suchen kann. Wer auf der Suche nach Geschichte, Kunst und Erholung außerhalb ausgetrampelter Touripfade ist, dem seien diese Häuser ans Herz gelegt. Der Nachteil: Gerade weil es sich weniger an internationale Touristen richtet, werden Beschreibungen und Tourguides oftmals nur auf Englisch angeboten.

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