Die Waffen einer Frau

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(c) 2013 Martin Herzog

„Die Handtasche ist hier der große Renner“, sagt der Mann von der Archiv-Aufsicht, „jeder will sie sehen.“

Die Handtasche steht auf einem Tisch in der Mitte des Lesesaals, in einem eigens angefertigten Transportbehältnis – ist ja nicht irgend eine Handtasche. Nein, es handelt sich hier um die Handtasche, die einst der mächtigsten Frau Großbritanniens gehörte. Die eiserne Handtasche, sozusagen, wenn auch in diesem Fall aus Krokoleder.

Wenn ich sie damals im Fernsehen sah, auf dem Weg zu Staatsempfängen oder Kabinettrunden, Werksbesichtigungen oder Parteikongressen, wie sie vom Ellenbogen ihrer Trägerin herab hing, dort offenbar fest verdübelt, dann stellte ich mir manchmal vor, wie Margret Thatcher damit bei Kabinettssitzungen auf ihre Minister eindrosch, wenn die es wagten, Widerworte zu geben.

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(c) Churchill Archive

War nur so eine Fantasie. Glaube ich zumindest. Von physischer Gewalt durch Handtascheneinsatz seitens der Premierministerin ist nichts bekannt geworden. Die Drohung reichte wohl.

Wie Betonfrisur und Monochrom-Kostüm gehörte die Handtasche zu Maggies eherner Rüstung der Macht. Vorbei. Jetzt steht sie harmlos hinter Plexiglas. Eine Studentin hat sie aus dem Magazin kommen lassen, und betrachtet das gute Stück nun von allen Seiten. Welches wissenschaftliche Interesse dahinter stehen mag, bleibt mir verschlossen.

Ich bin wegen einer ganz anderen Geschichte hier, aber jetzt auch neugierig geworden. Hier im Churchill Archive in Cambridge wird die Profan-Reliquie, wenn überhaupt, nur mit Handschuhen angefasst, aus konservatorischen Gründen natürlich. Fotografieren geht in Ordnung. „Aber ohne Blitz!“

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(c) Churchill Archive

In einem Schubfach unter der Transportvitrine der rasant unspannende Inhalt: Schminkspiegelchen und -Tiegelchen, Lippenstift, ein Stofftaschentuch, ein durchsichtiges Plastik-Täschchen. Keine politischen Notizzettel, keine geheime Abschussliste mit Ministernamen. Ernüchterung.

Ob dies die einzige Tasche im Besitz des Archivs sei, möchte ich wissen. „Die einzige, die wir zu Lebzeiten bekommen haben.“ Der Mann von der Archivaufsicht seufzt und verdreht die Augen. „Aber nach ihrem Tod sind wir zugeschüttet worden mit allem möglichen Kram aus ihrem Nachlass.“ (Er sagt nicht „Kram“. Kram ist meine wohlwollende Übersetzung).

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(c) Churchill Archive

Großen archivarischen Wert habe das meiste davon natürlich nicht, sagt er noch, und klappt den Transportbehälter zu. Aber solche Devotionalien machten sich auf Ausstellungen immer gut. „Jetzt haben wir genug von dem Krempel, dass wir ihn getrost rund um den Globus ausleihen können“, schmunzelt der Mann von der Archivaufsicht, als er das Heiligtum zurück Richtung Magazin trägt.

Platz genug dafür haben sie dafür jedenfalls: Für die Dokumentation des politischen und historischen Erbes Margret Thatchers, respektive  Behausung ihrer zahlreichen Devotionalien, wurde an das Gebäude des Churchill Archives eigens ein neuer Flügel angebaut. Nichts ist unwichtig genug, um es nicht doch aufzuheben. – Ich muss unbedingt mal meinen Keller ausmisten…

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