Frau Tur Tur oder: Vom Vorteil einer Fernbeziehung

BBC Radio 4 - The Now ShowJetzt ist es passiert: Die Engländer widmen Angela Merkel Liebeslieder. Gut, es ist bisher nur eins, und auch nur in der Kabarettsendung The Now Show auf BBC Radio 4. Aber immerhin. Schließlich gilt auch in Großbritannien die universale Aufmerksamkeitsökonomie, nach der im politischen Betrieb niemand etwas gilt, über den das Volk nicht kübelweise Hohn und Spott ausschüttet: Die größere Beleidigung als die Beleidigung selbst ist für jeden Politiker, eben nicht beleidigt zu werden. Insofern hat es Angie jetzt auch auf der Insel geschafft. Zumal ausländische Politiker eher selten mit  dem hier üblichen, bitterbösem Spott geadelt werden.

Nur, so richtig derb war das nicht. Eher handzahm. Fast schon eine Beleidigung, das. Da singt der vortragende Barde unter Gitarrenbegleitung von einem neuen Kapitel in der gemeinsamen Liebes-Beziehung, schlägt einen Versöhnungs-Trip nach Constantimerkel vor sowie die Umbenennung des Euro in Deutschmerkel. Sehr hübsch, aber von den hauptamtlichen Scherzkeksen hier ist man doch schwereres Kaliber gewohnt. Beißhemmung dürfte nicht der Grund sein, eher schon die sprichwörtliche Teflonhaftigkeit unserer Bundes-Mutti.

Jedenfalls quoll da auf einmal so viel Liebe aus dem Küchenradio, dass mir beim freitagabendlichen Gemüseputzen fast der Sparschäler aus der Hand gerutscht wäre. Da bekannte Gastgeberin Susan Calman in der einleitenden Passage zu dem Lied, sie wünsche sich für Großbritannien eine Frau als Premierministerin wie Hillary Clinton oder eben „the marvellous, the extraordinary Angela Merkel.“ Und schob hinterher: I love her!“.

Die Begründung für diesen Ausbruch angelsächsischer Zuneigung zur preußischen Frontfrau ist sogar ganz sympathisch. Sie liebe sie nicht zuletzt „because she didn’t, despite intense pressure and – I’m fairly sure – completely understandable desire to, punch Silvio Berlusconi in the face. Repeatedly. While shouting: ‚Bunga Bunga this!'“ (Noch sympathischer wäre diese Begründung gewesen, würde sie auf irgendeiner Tatsache beruhen).

Zudem umgebe Uns-Angela so etwas „Ehrliches“, das sie bei britischen Politikern á la David Cameron vermisse. Zumindest beim Heben einer Maß im Bierzelt. Anlass zu dieser Erkenntnis gab ihr eine BBC-Dokumentation von Andrew Marr (der hiesige Klaus Kleber), die vor ein paar Tagen zu sehen war und den Titel trug The Making of Merkel.

Spätestens seit sie vergangenen Sonntag die Wahl triumphal gewonnen hat, und ihr von London aus neben Gratulationen vor allem Mitleidsbekundungen entgegengebracht wurden, weil sie wieder zu einer dieser grässlichen Koalitionen genötigt wird (in der Vorstellungswelt eines jeden Engländers die politische Höchststrafe), quillt Austerity-Angie in den britischen Medien auf wie Hefeteig. Zur überlebensgroßen, historischen Gestalt, neben der die hiesigen Polit-Gestalten wie Würstchen erscheinen, die im täglichen Klein-Klein versumpfen und so gar kein Charisma versprühen. „Dies ist das Zeitalter Angela Merkels“, verkündete der Guardian Anfang der Woche.

Herr Tur TurCharisma? Mutti? Zur Erklärung muss ich wohl wieder einmal auf Herrn Tur Tur verweisen. Dem begegnen Jim Knopf, Lukas und Emma bekanntlich in der Wüste. Die heißt bei Michael Ende netter Weise Ende der Welt, in unserem Fall wohl eher Europa.  Jim Knopf, das sind die Engländer, Lukas ist Mr. Cameron, Emma die britische Wirtschaft, und Herr Tur Tur natürlich Frau Merkel. Nur dass die britische Insel noch viel weiter weg ist von Angela Merkel als Jim Knopf von Herrn Tur Tur. Weswegen Frau Tur Tur noch viel viel größer erscheint als Herr Tur Tur. So ist das eben mit der Liebe auf Distanz. Wie sang Roger Cicero so stimmig: Schön, dass Du da bist (und nicht hier).

(Den Angela Merkel Liebessong als mp3 gibt’s hier)

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