Wort der Woche: Mews

IMG_2354Gestern ist es wieder passiert: Auf dem Weg zur Marylebone High Street blieb ich wie angewurzelt stehen, in der Einmündung zu einer dieser kleinen Straßen. Passiert mir fast jedes Mal, wenn ich in den nobleren Stadtteilen zu Fuß unterwegs bin. Im Auto oder aus dem Bus heraus sieht man sie meist nicht.  Und wie jedes Mal konnte ich nicht anders, als hinein spinxen, und weil ich die Kamera dabei hatte, ein paar Aufnahmen machen. Nichts illegales oder moralisch Zweifelhaftes. Es handelte sich nicht um eine Privatstraße oder so, alles strikt öffentlich. Ein wenig kam ich mir trotzdem vor wie jemand, der durch’s Schlüsselloch spioniert, was wohl an der Ruhe und Beschaulichkeit liegt, die mich plötzlich umgab, ganz so, als hätte jemand eine schwere Tür zugeworfen und den gewöhnlichen, lautstarken Metropolen-Irrsinn einfach ausgesperrt.

Wer in London je zu Fuß unterwegs war, hat sie irgendwann unweigerlich passiert, diese gassenartigen Stichstraßen, die bevorzugt hinter eher herrschaftlichen Siedlungen zu finden sind, genauer gesagt an der Rückseite jener noblen Bauten.

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Alle Fotos in diesem Artikel (c) 2013 Martin Herzog

In die oft kopfteingepflasterte Sträßchen ducken sich die anheimelndsten Häuschen Londons: meist nicht mehr als zwei oder drei Stockwerke hoch, bisweilen windschief, aber mit viel Liebe hergerichtet, Hänge- und Topfpflanzen vor den Bleiglasfenstern – fast dorfartige, stille Gemeinschaften, nur einen Steinwurf entfernt vom Londoner Rat Race. Entsprechend begehrt sind die Hütten beim aufstrebenden Businessvolk mit gleichermaßen Geld und Sinn für Understatement. Die Rede ist von den Mews (sprich: Mjuuß), eine der zahlreichen lokalen Bezeichnungen für Verkehrswege aller Art.

IMG_2352Die Vielfalt, mit der die Engländer die öffentlichen Straßen ihrer Weiler, Dörfer und Städte bezeichnen, ist mitunter recht verwirrend. Zum Glück nicht nur für den Zugereisten. Auch der durchschnittlich gebildete Inselgeborene kommt ins Grübeln, wenn man ihn nach dem Unterschied zwischen Road, Street und Avenue fragt. Die schulterzuckende Antwort, da gebe es keinen wirklichen Unterschied, ist selbstverständlich falsch – aber nur theoretisch.

Natürlich bestätigt das allwissende Oxford Advanced Learners Dictionary das, was man vom Schulwissen noch aus irgend einer Ecke des Oberstübchens hervor gekramt hat, nämlich dass die Road allgemein Transportwege für Fahrzeuge aller Art bezeichnet und eher außerorts anzutreffen ist, die Street sich hingegen beidseitiger Bebauung erfreut. Die Avenue wiederum ist die grüne Variante der Street angesichts regelmäßigem Baumbestands links und rechts, und entspricht damit unserer Allee, während Alley oder Alleyway entgegen der Intuition eine enge Gasse beschreibt.

IMG_1129Theoretisch sind diese Unterscheidungen deshalb, weil in der Praxis sämtliche Bezeichnungen kunterbunt durcheinander kullern und sich mal so, mal so auf den Straßenschildern wiederfinden (vermutlich auch deshalb, weil sich dort, wo einst Kühe an irgendeiner Road grasten, mittlerweile Stadtvillen stehen, deren Bewohner glauben, dass Milch in Tetrapaks entsteht). So scheinen die Bezeichnungen völlig austauschbar zu sein, was auch von der Tatsache belegt wird, dass quer über London mehrere Straßen existieren, die Avenue Road heißen.

Aber die Verwirrung fängt da erst an. Wo im Deutschen mit Straße, Weg und Gasse so ziemlich alles gesagt ist, tut sich im Englischen ein wahres Begriffs-Gewirr auf: Lane bezeichnet einen Pfad oder Weg, Crescent (sprich: Cressent  mit Betonung auf der ersten Silbe) jene sichelförmigen Straßen, entlang derer sich meist ebenso einförmige wie gehobene Wohnhausreihen biegen. Daneben gibt es Groves, Terraces, Rows, Closes, Walks. Und wo im Deutschen ein Platz ein Platz ist, gibt es im englischen die Inns, Courts, Squares, Places, Yards (nicht nur das berühmte Scotland Yard), und nicht zu vergessen die berühmten Circusses (von denen auch englische Touristen enttäuscht sind, wenn sie dort kein buntes Zelt vorfinden, in denen Clown- und Trapeznummern dargebracht werden).

Die Mews jedenfalls waren in früheren Jahrhunderten die Zuwege für die Kutschen, führten zu den Garagen derselben, und zu den Ställen für die Pferde. Doch hat die Bezeichnung Mews weder etwas mit Pferden noch mit Kutschen zu tun. Sondern mit Falken. Wie immer bei solch seltsamer Benamsung in England, hat auch dieses Wort eine lange, und – wie immer sonderbare – Geschichte.

IMG_2329Der Name soll vom französischen muer stammen, was soviel heißt wie wechseln. Es bezeichnete das Gebäude, in dem Greifvögel gehalten wurden, solange sie in der Mauser waren, also ihr Federkleid wechselten. Die ersten Mews (Einzahl = Mehrzahl) waren die King’s Mews an Charing Cross, dort, wo sich heute der Trafalgar Square breit macht. Ursprünglich die Bezeichnung für das Gebäude, in dem im 14. Jahrhundert des Königs Falken gehalten wurden, blieb sie bestehen, als dort Heinrich VIII. (ja, der mit dem hohen Frauenverschleiß) lieber seine Pferde untergebracht sah. Im 19. Jahrhundert wurden die königlichen Ställe dann zum Buckingham Palace verlegt, wo bis heute die Royal Mews zu finden sind. Zu dieser Zeit hatte sich die Bezeichnung in ganz London durchgesetzt.

Also liebe Kinder: Wenn Ihr in London unterwegs seid und Euch die Bezeichnung Mews begegnet, dann wisst Ihr jetzt, wo der Name herkommt und dass es sich auf jeden Fall lohnt, dort mal neugierig die Nase reinzustecken. Und wenn Ihr groß seid, dann verdient Ihr vielleicht auch einmal so viel, viel Geld, dass Ihr es Euch leisten könnt, in einem solchen ehemaligen Pferdestall zu wohnen.

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