Reinhören: Willkommen bei der (Fast-)Katastrophe

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Alle Fotos in diesem Artikel (c) Martin Herzog 2013

Hab ich doch wieder nicht richtig zugehört. Beim Saftschubsen-Ballett, also bei der Sicherheits-Demonstration vor dem Flug. Jetzt rumpelt die Kabine und schüttelt. Eben noch haben uns die Flugbegleiter freundlich lächelnd zum Platz gewiesen. Jetzt brüllen sie uns an. Die Passagiere neben mir beugen sich nach vorn und legen die Hände über den Kopf.

Wir setzen auf, unsanft, bremsen, stehen. Rauch wabert durch die Sitzreihen, innerhalb von Sekunden ist die Kabine voll Qualm. Aus den Lautsprechern quakt die Stimme des Piloten: „This is the captain, this is an emergency. Evacuate, evacuate!“

Klingt alles nicht mal sonderlich echt. Aber die Flugbegleiter sind echt, und schon  wieder brüllen sie: „Unfasten the Seatbelt, come this way, unfasten the seatbelt…“

Hört sich nicht an, als wäre es Spaß. Raus also. Den Sitzgurt öffnen. Was ist das? Mein Kopfhörerkabel hat sich in der Schnalle verheddert. Keine Panik! Das ist nur eine Übung – ich weiß, dass es nur eine Übung ist!

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAls letzter schaffe ich es nach draußen. Draußen, das ist die Halle für Sicherheitstrainings von British Airways in Heathrow. Hier wird normalerweise das Kabinenpersonal geschult. Vor dem vollbeweglichen Rumpf-Simulator einer 737 warten schon die anderen Journalisten, eine Hand voll Fachjournalisten aus der Schweiz, Belgien, Polen – und der seltsame Deutsche mit seinem Mikrofon.

Es wird gescherzt und gelacht, doch auch ihnen ist anzusehen, dass die Übung überraschend echt gewirkt hat. Soll sie auch, meint Sicherheitstrainerin Diane Pashley: „Man wird sehr schnell aus seiner Komfort-Zone heraus geholt. Man hört all die Befehle, und die Leute, die dich vorher nett betreut haben, begeben sich in eine andere Rolle. Selbst in einer Trainingsumgebung nimmt man das ernst, es wird real, denn in diesem Moment ist das deine Realität.“

Und Dianes Kollege Andy Clubb ergänzt: „Die Flugbegleiter servieren auf den Flügen Getränke und verteilen Schlafdecken. Das ist gut und schön, und sie machen das gern. Aber sie sind aus einem, einem einzigen Grund an Bord: Die Sicherheit der Passagiere.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Passagiere wiederum seien im Flugzeug nicht so vollständig dem Schicksal ausgeliefert, wie viele glaubten. Also lernen wir an diesem Tag beim Flight Safety Awarenes Course alles von Grund auf, vom scheinbar banalen Öffnen des Sicherheitsgurtes (immer wieder sterben Menschen, weil sie in der Panik den Gurt nicht lösen können), über die Benutzung der Sauerstoffmasken, der Sicherheitsweste (auch bei Inlandsflügen wichtig: 80 Prozent aller Flughäfen liegen an Flüssen, Seen, Wasserreservoirs oder am Meer), das Öffnen der Nottür über der Tragfläche und der Haupttüren, bis zu den Tipps und Tricks beim Ausstieg über die Notrutschen: In einem blauen Overall und mit Stoffüberschuhen geht es aus sieben Metern Höhe nach unten. Kein Problem, macht sogar Spaß! Unten stehen schon die anderen und schauen amüsiert zu.

OLYMPUS DIGITAL CAMERABei einem echten Notfall sähe es allerdings anders aus, denn niemand würde oben stehen und in aller Ruhe lange Erklärungen geben, sagt Andy: „und garantiert würde derjenige, der direkt vor Euch rutscht, das aller wertvollste der Welt mitnehmen: nicht den Ehemann, die Frau oder die Kinder, sondern ihren Laptop und die Whiskey-Flasche für 10 Pfund aus dem Duty Free Shop. Und das alles wird unten an der Rutsche zerscheppern. Also, für jeden Flug: flache, robuste Schuhe. Die Damen: Keine High Heels!“

Oft sind es Kleinigkeiten: Wenn ich bei einer Notlandung die Schutzhaltung einnehme und die Hände über meinen Hinterkopf lege, verschränke ich dann die Finger beider Hände ineinander (wie man es beim Däumchendrehen macht)? Antwort: Keine gute Idee. Wenn etwas beim Crash drauf fällt, sind im Zweifel sämtliche Finger gebrochen und ich bekomme nicht einmal den Gurt auf. Der Teufel steckt im Detail.

In der Kaffeepause frage ich Andy, warum Dinge, wie das Öffnen der Nottüren oder die Schutzhaltung nicht Teil der Sicherheits-Einweisung vor dem Start sind. Er zuckt mit den Schultern: Wenn es nach ihnen ginge, den Sicherheitsbeauftragen der Fluglinien, würde niemand in ein Flugzeug steigen, der nicht vorher ein halbstündiges Sicherheitsvideo angesehen und anschließend einen Test absolviert hat. Aber das sei illusorisch, denn schließlich wolle man ja als Fluggesellschaft auch Geld verdienen.

Und so balancieren die Sicherheitsleute auf einem dünnen Grad: Auf der einen Seite wolle man die Passagiere auf die Sicherheitseinrichtungen aufmerksam machen, auf der anderen Seite sie auch nicht vergraulen. Alles sei eine Frage des Risiko-Managements. Flugunfälle seien so selten geworden – das Jahr 2012 war das sicherste in der Geschichte der Luftfahrt, trotz immer weiter steigenden Flug- und Passagierzahlen – wer höre da noch zu?

„Wir sind Opfer unseres eigenen Erfolges. Gerade weil es so sicher ist, denken die Leute: Hab ich gesehen, kann ich schon auswendig. Im Kurs fragen wir immer: Hand hoch, wer die Sicherheitsdemonstration verfolgt. Mit Glück sehen wir 20 Prozent der Hände. Wir könnten alles mögliche zeigen, aber dann werden aus den zwei Minuten vier oder fünf Minuten. Und weil die Leute es so oft gesehen haben, schrumpfen die 20 Prozent  auf 10 Prozent.“

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIm Schnitt einmal im Monat bietet British Airways diesen eintägigen Flugsicherheitskurs am Londoner Flughafen Heathrow an, als einzige Airline weltweit, für umgerechnet rund 190 Euro.  Mitmachen kann grundsätzlich jeder, gedacht ist er aber eher für Vielflieger.

„Begonnen hat alles mit einer Anfrage eines Ölkonzerns,“ erzählt Andy. „Sicherheit ist bei diesen Firmen das Topthema, nicht nur auf den Bohrplattformen. Die schicken ihre Mitarbeiter um die ganze Welt, also wollten sie auch etwas über die Sicherheit in Flugzeugen machen. Wir haben uns zusammen gesetzt, und diesen Kurs entwickelt, und nach und nach geöffnet.“

Anfangs seien Presseabteilung und Management von British Airways nicht begeistert gewesen, ob so ein Sicherheitstraining das richtige Signal an die Kunden sende. Schließlich ist man eine Airline und will niemanden verschrecken. Das Gegenteil sei der Fall, sagt Andy Clubb zum Abschluss des Kurses, und bemüht die altbekannte Statistik:

„Ihr habt ein größeres Risiko im Auto auf dem Weg zum Flughafen als Ihr jemals an Bord eines Flugzeugs haben werdet. Aber Ihr könnt jetzt Euren nächsten Flug ein bisschen sicherer machen. Nehmt Euch einfach diese zwei Minuten, schaut Euch um: Wo ist der nächste Notausgang, wie viele Sitzreihen sind es bis dorthin? Ist die Notweste da, wo sie sein soll, unter dem Sitz? Und dann lehnt Euch zurück und genießt den Flug. Daumen gedrückt, auf Holz geklopft: Heute war eine völlige Zeitverschwendung, und Ihr werdet niemals irgendeine dieser Kenntnisse brauchen.“

Den Beitrag Flugsicherheit – Beinahe-Katastrophe in der Simulation gibt es bei dRadio Wissen als Audio-Stream.

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