Reinhören: Der vergessene Prinz

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alle Fotos in diesem Artikel (c) Wikipedia

Der Verkäufer stutzt, grübelt eine Weile, und schüttelt langsam den Kopf. Auch er muss passen, wie vorher schon sein Kollege im altehrwürdigen Buchladen Hatchards auf Piccadilly, der zwar mit einer Royal Warrant wirbt, also den königlichen Hof beliefern darf, aber in diesem speziellen Fall auch nicht weiter helfen kann.

Die alten Eichen-Regale sind gut sortiert bei Daunts im noblen Marylebone: Geschichte geht immer gut in England, vor allem Biographien, gern über Staatslenker und Könige. Von gelehrten Betrachtungen über Heinrich VIII. und Queen Victoria bis zu Herzschmerz á la „Die Traumhochzeit von William und Kate“ ist alles vorhanden, nur einer fehlt: Charles, Prince of Wales. Zwei Bücher über seine Beziehung zu Camilla gibt es – eines heißt Camilla and Charles, das andere Charles and Camilla. Aber eine richtige Biographie über den Anwärter auf die britische Krone? Buchhändler Brad Woolston zuckt mit den Schultern: Sorry.

Der aktuellste Lebensbericht über den Thronfolger ist fast 20 Jahre alt – und vergriffen. Eine Veröffentlichung in nächster Zukunft ist offenbar auch nicht geplant, und das, obwohl heute sein 65. Geburtstag ist. Eine solche Gelegenheit würden die englischen Verlage sicher nicht verstreichen lassen, wenn sie sich gute Verkäufe ausrechnen würden. Ganz offensichtlich vermisst das Publikum nichts: „Ich glaube nicht, dass es da viele Dinge gibt, die ein breites Publikum interessieren würden“, sagt Brad. Das Hauptproblem sei, dass sich die entsprechende Leserschaft vor allem für die jüngeren Royals interessiert. „Der Prince of Wales steht da ein wenig abseits“.

Charles_investitureCharles, der vergessene Kronprinz. Eine einzige biographische Studie ist in letzter Zeit erschienen, eine kurze. Verfasst hat sie Piers Brendon, renommierter Cambridge-Historiker und bekennender Republikaner. Damit gehört er zu einer kleinen – wenn auch nicht verschwindenden Minderheit. Rund 20 Prozent der Briten sprechen sich für die Abschaffung des Königshauses aus – und wissen natürlich, dass sie mit dieser Forderung auf verlorenem Posten stehen.

Irgendwann wird Charles deshalb König sein. Nur interessiert das offenbar niemanden. Der Thronfolger regiert das Niemandsland zwischen der Generation seiner Mutter und der seiner Söhne. Auf die Krone verzichten wird er dennoch nicht, sagt Piers Brendon. Zu schwer drücke das Trauma vom Rücktritt seines Groß-Onkels auf den ganzen Windsor-Clan, damals, als Edward der VIII. auf den Thron verzichten musste. Nicht, weil er ein Nazi-Fan war, sondern weil er eine Amerikanerin heiraten wollte, die zwei mal geschieden war. Deshalb wird Elizabeth nie abdanken, deshalb wird Charles nicht Platz machen für seinen Ältesten. Es wäre wohl auch eine Karikatur des Prinzips dieser Form von Monarchie: Wenn Erbfolge das Auswahlkriterium für den Job ist, dann muss man nehmen, wen man kriegt. Und wann man ihn kriegt.

So wartet Charles also geduldig. Tragisch? Eher tragikomisch. Clown Prince ist er genannt worden. Der Name stammt nicht von Piers Brendon, und er trifft nur eine Seite des Prince of Wales.

Piers‘ Charakterskizze ist eine saftige Polemik und, wie es sich gehört, verzerrt sie ihr Objekt bis zur Kenntlichkeit. Sie zeigt einen Prinzen voller Widersprüche, einen Umweltaktivisten, der Sprit schluckende Autos fährt, der Luxus liebt, und sich ehrlich engagiert um vernachlässigte Jugendliche bemüht, der sich für fortschrittlich hält und an Traditionen klebt. Das Pamphlet schwankt zwischen Verachtung und Mitleid. Als ich Piers frage, was davon schlimmer sei, zuckt er mit den Schultern:

„Er hat aus seinem Leben einen ziemliches Durcheinander gemacht. Das Problem ist, dass Prince of Wales zu sein eine furchtbare Position ist, denn Du bist umgeben von Schmeichlern und Speichelleckern. Für ihn war es extrem schwierig, sich im modernen Leben zurechtzufinden. Er hatte die widerlichste Erziehung, die man sich vorstellen kann, er wurde auf zwei der brutalsten Internate geschickt, sein Vater schikanierte ihn auf die entsetzlichste Art – und diese Erziehung hat ihn sehr geprägt.“

Statt einer Umarmung gibt es von Mutter Elizabeth nach der Rückkehr vom Staatsbesuch in Australien für den dreijährigen Charles zur Begrüßung einen kühlen Händedruck, und statt Schwimmunterricht bekommt er vom vom Vater einen Schubs ins Becken – da, wo das Wasser am tiefsten ist. Vater Philipp glänzt meist durch Abwesenheit, Mutter Elisabeth sieht ihren Sohn immerhin zweimal täglich: wenn Charles von den königlichen Kindermädchen morgens gefüttert, und abends gebadet wird.

prince-charles-queen-elizabeth_69419_600x450Auch später kann man den familiären Umgang bei Königs nicht gerade als ungezwungen bezeichnen. So berichtet ein Diener von Prinz Andrew: „Prinz Andrew sagte zu mir: ‚Ich möchte die Queen sehen, würden Sie wohl herausfinden, ob sie Zeit hat?‘ – Also rief ich den Pagen Ihrer Majestät an, und wenn es konvenierte, machte ich eine Zeit aus. Es war undenkbar für ihn oder irgend ein anderes ihrer Kinder, einfach den Kopf zur Tür herein zu stecken und Hallo zu sagen. Auch mussten sie sich immer anständig anziehen, selbst wenn es nur für ein paar Minuten war.“

Dass er zum Prince of Wales ernannt wird, erfährt er aus dem Radio: „Seine Eltern waren nicht in der Lage, ihn wie einen Sohn zu erziehen. Stattdessen behandelten sie ihn wie einen Funktionsträger“, sagt Historiker Brendon und schüttelt den Kopf.

Eine kalt-distanzierte Mutter, ein rabiater Vater, im Internat von seinen Mitschülern als Außenseiter schikaniert, dazu das Heimweh – His Royal Highness Charles Philip Arthur George, Prince of Wales, hat wahrlich keine leichte Kindheit.

Prince_Charles,_Princess_Diana,_Nancy_Reagan,_and_Ronald_Reagan_(1985)Und danach bleit ihm nicht viel mehr übrig, als das beste aus seinem Hauptberuf machen: Thronfolger sein. Nach Schule und Studium treibt er sich ein bisschen beim Militär rum, lässt sich zum begehrtesten Junggesellen der Welt ausrufen und macht das, was man halt so macht als König in Spé: Angeln, Jagd, Partys.

Zwischendurch schwant ihm, dass das nicht alles sein kann: „Dauernd habe ich das Gefühl, ich müsste mich für meine Existenz rechtfertigen,“ stöhnt er einmal. So engagiert er sich für jugendliche Arbeitslose, die Umwelt und Biolandwirtschaft, alternative Medizin und reichlich viel Hokuspokus.

Er heiratet die falsche Frau, sorgt mit ihr für einen royalen Stammhalter, wird in ihrem Glanzlicht erst zur Schatten- und dann zur Witzfigur – und sorgt ab und an für den einen oder anderen Skandal, entweder im Ehekrieg mit Diana, oder weil er sich in der Öffentlichkeit zu Themen äußert, die – nun ja – nicht eben zu seiner ureigenen Expertise gehören. Beispiel moderne Architektur:

„Eines muss man der (deutschen) Luftwaffe lassen: Als sie unsere Häuser zerstörte, hat sie die nicht mit etwas anstößigerem als Schutt ersetzt. Das waren wir!“

Mit dieser Ansicht steht er sicherlich nicht allein, aber dass er es mit der vornehmen Zurückhaltung übertreibt, wird man ihm nicht vorwerfen können. Das aber sei das Erfolgsgeheimnis seiner Mutter, meint Republikaner Piers Brendon: „Der Punkt der Monarchie ist es, dass sie versöhnen soll. Der Prince of Wales hat es geschafft, zu spalten, und genau das soll nicht passieren, wenn er König ist. Ob er einfach aufhören kann, der streitlustige Prinz of Wales zu sein und die vereinigende Figur zu werden, wenn er die Krone trägt, weiß ich nicht.“

Und wann das sein wird, weiß überhaupt niemand. Wenn Elizabeth ihrer eigenen Mutter nacheifert, Queen-Mum, wird Charles warten müssen, bis er 85 ist.

Einen Rekord zumindest hat er schon sicher: Wenn Prinz Charles heute das offizielle Rentenalter erreicht, ist er in der langen Geschichte der englischen Monarchie der am längsten amtierende König in Wartestellung. In einem Interview im Time-Magazine hat er kürzlich betont, dass er es gar nicht eilig habe, König zu werden. Möglich. Vielleicht aber seufzt er doch  in stillen Stunden, wie einst Edward VII. über Queen Victoria: „Ich habe nichts dagegen, zu einem ewigen Vater zu beten, aber ich bin wohl der einzige Mann in diesem Land, der mit einer ewigen Mutter geschlagen ist.“ – Na, herzlichen Glückwunsch.

Das Zeitzeichen zum Geburtstag zu Prinz Charles ist am 14. November 2013 zu hören auf WDR 3 und WDR 5, der Stichtag am gleichen Tag auf WDR 2.

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