Die Lust am Reim

1-IMG_1387Was waren das Zeiten, als Werbung noch Reklame hieß, und Leute wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky und sogar Rainer Maria Rilke als Reklametexter arbeiteten! Reklametexten hieß damals oft: reimen. Nix kompliziertes, schlicht und fröhlich sollte es sein, um die Menschen zum Kauf von Persil, Aspirin oder Maggi-Würfel zu animieren. So dichtete einst der Literat Frank Wedekind:

Vater, mein Vater! / Ich werde nicht Soldat,

Dieweil man bei der Infantrie / Nicht Maggi-Suppen hat!

Söhnchen, mein Söhnchen! / Kommst du erst zu den Truppen,

So ißt man dort auch längst nur Maggi’s / Fleischconservensuppen.

Julius Maggi selbst soll ganz begeistert gewesen sein vom geschmiedeten Vers, berichtet Die Zeit (und das trotz falschem Genitiv-S bei Maggi – die Anglizismen-Seuche ist offenbar kein neues Phänomen). Das war in den 20er, 30er Jahren.

Den Zweiten Weltkrieg haben die Deutschen verloren, und damit offenbar auch die Lust am Reim. In Sachen Lyrik verordneten sie sich selbst in den Nachkriegsjahren heiligen Ernst. Gedichte, die einem auf Anhieb erkennbaren Rhythmus folgten, oder deren Zeilenenden ähnlich klangen, waren verpönt oder zumindest der Frivolität verdächtig, und besaßen jedenfalls keinen künstlerischen Wert (abgesehen von den Ernst Jandl’schen vielleicht). Einzige erlaubte Ausnahme waren die Reime von Klamauk-Königen wie Heinz Erhardt oder später Otto (aka Robert Gernhardt). In Werbereimen tauchten gereimte Verse auch immer noch mal auf, wie das unvergessliche

So nötig wie die Braut zur Trauung / ist Bulrich-Salz für die Verdauung.

oder auch:

Ob mit Pinsel oder Strom / rasierte Haut braucht Pitralon!

Doch in den 60er Jahren verliert sich auch das mehr oder weniger völlig. Und wer heute mit einem Werbereim um die Ecke kommt, wirkt meist nur peinlich.

Ganz anders im Vereinigten Königreich. Im Land der Limericks lebt die Lust am Reim ungebrochen fort, und zeitigt kein verächtliches Nasenschnauben wie in der Heimat der Dichter und Denker. Hier wird fröhlich gereimt, gerappt, gerührt und geschüttelt – gern auch im Dreivierteltakt. Wie die McDonald’s-Reklame zu den Olympischen Spielen in London vergangenes Jahr (hier gibt’s das Video dazu, ohne dessen Bebilderung die folgenden Zeilen nur wenig Sinn versprühen):

The punchers, the peakers, the hero meet-ers

The snogger, the blogger, the ‚re-live the week‘-ers

The clapper, the napper, the ’scuse-me‘ squeeze pasters

The whistlers, the quenchers, the ’sat-down-at-last‘-ers

The flapper, the fretter, the ‚look over where?‘-er

The draper, the smoother, the ‚you shoul’ve been there‘-er

The glued-to-the-screen-er, the edge-of-the-seat-leaner

The snapper, the chatter, the not really keen-er

The swayer, the reacher, the soaking-alone-er

The leaper, the sleeper, the safe-journey-home-er.

We all make the Games.

Das Interessante daran ist, dass es sich hier nicht um die Sorte Brachial-Werbung handelt, die versucht, unbedingt krachend lustig zu sein. Sondern dass sie im Gegenteil freundlich-beschaulich, und ein wenig melancholisch daher kommt. Und siehe da: es funktionert!

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Gereimte Werbekampagne in der Tube von Transport for London. Alle Fotos in diesem Artikel (c) Martin Herzog 2013

Gereimt lässt sich so einiges los werden, nicht nur Werbebotschaften. Tube-Betreiber Transport for London wirbt zur Zeit  in Versen dafür, die Umsonst-Zeitungen, die hier an den Eingängen zu den U-Bahn-Stationen verteilt werden, nicht liegen zu lassen im Zug oder auf den Bahnsteigen, sondern in die dafür vorgesehenen Abfalleimer zu entsorgen (was nicht immer einfach ist). So erreicht man eine Leichtigkeit im Umgang mit den unangenehmen und lästigen Dingen des Zusammenlebens, denen mit einem platten Verbotsschild nicht beizukommen ist.

Es vergeht kein Werbeblock im Fernsehen, in dem nicht irgend ein Produkt gereimt gepriesen wird. Britische Reklamefachleute rühmen den Reim denn auch in einer Weise als werbe-strategischen Königsweg, wie es in Deutschland sicher nicht der Fall wäre.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAÜberhaupt scheinen die Briten einen Hang zum Gereimten zu haben, sei es bei erwähnter werblicher Gebrauchslyrik, in Schlagzeilen, der Politik (die moderne Form des Prangers heißt hier Name and Shame), bei Parkschildern (Pay and Display) oder in der Alltagssprache. Zwei-Wort-Reime zum Beispiel sind immer gern genommen, ob in der Zeitung oder im Gespräch: red head (Rotschopf) Yummy Mummy (junge, aufgebretzelte Mutter der oberen Mittelschicht), Fake Bake (künstlicher Hautbräuner), Culture Vulture (Kultur-Begeisterte), die Yule Rule (eiserne Regeln für die Weihnachtszeit) oder auch das reim-technisch unreine aber trotzdem sehr gebräuchliche Eager Beaver (Streber).

Da trifft der jederzeit unbedingte Wille zum Humor der Briten auf die Lust am rhythmischen Sprachspiel, und auf die Aufgeschlossenheit der englischen Sprache gegenüber Neologismen. Das Deutsche kann das auch. Aber kann der Deutsche das auch? Mancher sehr wohl, siehe den bereits erwähnten Robert Gernhardt. Aber der ist erstens auch schon tot, und zudem die gerühmte Ausnahmeerscheinung, mit dessen Texten Reclam-Büchlein vollgedruckt werden. Ansonsten geraten die spärlichen Versuche in der Sprache Goethe und Heines oft zum Fremdschämen peinlich.

Alas, auf’s Englische lässt sich doch leichter ein Reim machen.

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