Reinhören: Die erste Verkehrsampel der Welt

LondonTraffic

Londoner Straßenverkehr im 19. Jahrhundert (aus dem Satire-Magazin Punch)

Fußgängermassen im weihnachtlichen Nahkampf auf Oxford- und Regents Street, Kleintransporter jagen Fahrradfahrer am Embankment, Hupkonzert rund um Trafalgar Square, Ambulanzen und Polizeifahrzeuge kommen trotz hörnerv-tötender Sirenen nicht über den Piccadilly Circus, weil die Autofahrer mal wieder keinen Millimeter weichen, und von der Westminster Bridge walzt die immer währende Touri-Lawine unaufhaltsam Richtung Whitehall und St. James’s Park.

Willkommen in London!

Da wünscht sich so mancher die guten alten Zeiten zurück, als nicht nur in der Adventzeit alles etwas beschaulicher zuging, als das Hamsterrad noch nicht so schnell rotierte, und als überhaupt alles ein paar Gänge langsamer lief. Wann genau soll das gewesen sein?

Denn von wegen beschauliche Zeiten! Mitte des 19. Jahrhunderts ist London die größte Metropole der Welt und hat auch schon 3 Millionen Einwohner. Und die sind unterwegs. Alle. Immer. Zu Fuß, mit Fuhrwerken, Droschken, Pferde-Omnibussen. 1860 schreibt die Times:Ein Dokument des Polizeipräsidenten wirft Licht auf die zunehmende Dichte des Straßenverkehrs und dessen andauernde Gefahr für Leib und Leben. Es zeigt, dass im vergangenen Jahr allein in der City 223 Verkehrsunfälle auf den Hauptverkehrsstraßen passierten, davon 20 tödlich.“ – und das zu einer Zeit, in der sich der Verkehr nicht schneller als mit Schrittgeschwindigkeit bewegt!

Wenige Jahre später, 1866, sind aus den 20 Verkehrstoten über 100 geworden, das Parlament hat sich mit dem Thema befasst, aber eine Lösung ist nicht in Sicht, wie man der Lage Herr werden kann.

wp528dd450_1b

Die Plakette zu Ehren des Eisenbahningenieurs John Peake Knight hängt in Sichtweite von Big Ben an der Stelle, wo die erste Verkehrsampel der Welt gestanden hat.

Da meldet sich beim Londoner Polizeipräsidenten ein gewisser John Knight. Der ist Eisenbahningenieur und plädiert dafür, die Eisenbahnsignale auf den Straßenverkehr zu übertragen. Die Eisenbahn ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das High-Tech-Verkehrsmittel. Die Signale zur Regelung des Schienenverkehrs haben die Ingenieure wiederum der Schiffahrt entlehnt, inklusive der Farbgebung: Rot und Grün für Backbord und Steuerbord werden nun auch auf die Straße übertragen.

Dort, wo die Westminster-Bridge auf den Verkehr vor dem Parlament trifft, soll sie hin, die erste Ampelanlage der Welt, gleich unter den Augen von Big Ben. Dabei ist sie aber kein rein technisch-funktionales Gebilde. Im viktorianischen Zeitalter ist nichts rein funktional:

Westminster_Semaphore„Die Säule ist 8 Meter hoch und achteckig unten und ganz oben, der obere Teil ist spiralförmig gewunden, die Seiten sind gothisch verziert (…) und darüber ein verzierter Lichtkasten, überragt von einem Abschluss in Form einer Ananas,“ schwärmt die Fachzeitschrift The Engineer begeistert. „Die Säule ist hervorragend gegossen und wiegt fünf Tonnen. Der ausgeklügelte Mechanismus ist so fein justiert, dass er schnell und flüssig bedient werden kann. Die Einstellungen können ohne Mühe von einer Dame oder einem Kind vorgenommen werden.“

In dem Lichtkasten sitzen die roten und grünen Lichter, gasbetrieben. Die sind für den Nachtbetrieb. Tagsüber geben zwei große mechanische Arme die entsprechenden Zeichen – wie ein übergroßer Wachtmeister. Der echte Schutzmann soll derweil unten neben der Ampel stehen, und sie bedienen – so jedenfalls der Plan.

Am 10. Dezember 1868 werden die Verkehrssignale in Betrieb genommen, heute vor 145 Jahren. In den Tagen davor lässt der Polizeipräsident 10.000 Flugblätter verteilen:

Police Notice Semaphore„Polizeiliche Bekanntmachung! Beim Signal Vorsicht werden alle Personen, die Fahrzeuge oder Pferde führen, ermahnt, vorsichtig die Kreuzung zu überqueren. Das Signal Stop wird nur erscheinen, wenn es erforderlich ist, dass Fahrzeuge und Pferde tatsächlich auf beiden Seiten der Straßenkreuzung halten müssen, um den Übergang von Fußgängern zu erlauben.“

Zunächst scheint alles gut zu laufen. Die neue Verkehrsregelung wird schnell akzeptiert. Nur die Cabbies, wie die Londoner Droschkenkutscher bis heute heißen, moppern über die neumodische Anlage. Sicher hätten sie sich bald mit dieser Contraption arrangiert. Nur müssen sie das nicht. Kaum einen Monat später, Anfang Januar 1969 meldet die Times: „Mehr als einmal ist es in Verbindung mit der Straßensignal-Säule an der Kreuzung der großen Hauptverkehrsstraßen in Westminster zu Gas-Explosionen gekommen. Die letzte hiervon passierte, als der Schutzmann den Kasten am unteren Ende öffnete, um das Gas für die Nacht abzudrehen.“

Times-Artikel Gasexplosion

Artikel in der Londoner Times am 2. Januar 1869 über mehrere Gasexplosionen an der ersten Ampel – die damals noch nicht so hieß, sondern Semaphore Signals. Semaphoren nannte man Signalmaste zur Nachrichtenübermittlung, z.B. bei optischen Telegraphen.

Dem unglücklichen Schutzmann verbrennt bei der Explosion das Gesicht. Für das erste Ampelexperiment bedeutet es das Aus. Erst am 2. Januar 1919, auf den Tag genau 50 Jahre, nachdem den Londonern ihre Gas-Ampel um die Ohren geflogen ist, leuchtet im amerikanischen Detroit die erste Ampel in allen drei Farben auf, die wir kennen: rot, gelb, grün – diesmal elektrisch betrieben.

Die allererste Ampel stand übrigens noch lange Zeit traurig vor dem Londoner Parlament. Zwei Jahre später wandte sie sich selbst in einem Leserbrief an die Times und warb um Erbarmen: „Sir, warum bin ich gezwungen, an der Kreuzung den ganzen Tag still zu stehen? Ich fühle mich nutzlos. Meine Arme schmerzen, weil sie so lange in derselben Position waren, und mein Kopf tut weh von der Zugluft. Die Ampel an Parliament Street.“

Der Beitrag Die erste Verkehrsampel der Welt in der Reihe Stichtag ist heute gegen 9:40 Uhr auf WDR 2 zu hören, sowie in Kurzform in der Reihe Meilensteine & Legenden auf WDR 4.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s