Wort der Weihnacht: Glühwein

1-IMG_2845So sehr wir es gewohnt sind, englische Fremdwörter ins Deutsche zu übernehmen, so sehr verwundert es mich doch jedes Mal erneut, wenn ich in englischen Texten über deutsche Wörter stolpere, die es offenbar in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft haben (man sclage auch im Glossar zu diesem Blog nach unter Fremdwörter, deutsche). Der Begriff Doppelgänger gehört ebenso dazu, wie das Wunderkind, das schöne Verb to abseil oder die hier allgegenwärtige Präposition über-

Erst kürzlich scheint sich Glühwein hinzu gesellt zu haben, respektive Glühwine. Dabei gibt es ein wunderbar passendes englisches Wort für das Weinachts-Gesöff: mulled wine. 1-IMG_2819In den Pubs und den notorischen Touri-Ausschänken wie in Covent Garden stand es so auch stets angeschlagen. Doch immer öfter sieht man die deutsche Variante. Und das hat damit zu tun, dass Deutsche Weihnachten sehr im Trend sind in London. Allein der Cologne Christmas Market am Südufer der Themse erstreckt sich mit seinen 80 Buden und Ständen vom London Eye bis zur Waterloo Bridge, und zieht mit seinem Versprechen von „the real German Crhistmas feeling“ täglich Tausende an.  Ähnliche Veranstaltungen finden sich in allen größeren Städten des vereinigten Königreichs, von Birmingham bis Edinburgh.

VictoriaXmasWobei: Mit kleineren Zwangs-Unterbrechungen zwecks Krieges und den damit einhergehenden Verstimmungen, ist Deutsche Weihnacht bereits seit der Zeit Queen Victorias sehr beliebt im englischen Königreich: Zusammen mit ihrem Gatten Albert von Sachsen-Coburg und Gotha importierte sie den deutschen Brauch, zuhause einen Weihnachtsbaum aufzustellen und mit Kerzen, und allerlei Schimmer und Glitter zu dekorieren. Und weil die Menschen zu allen Zeiten allen Sinn und Unsinn ihrer jeweiligen Stars imitieren und kopieren, musste bald ein Weihnachtsbaum in jedem bürgerlichen Wohnzimmer glänzen. Diese königliche Tradition hat sich bis heute fortgesetzt. Im vergangenen Jahr verlautete es aus dem Buckingham Palace, dass die aktuelle Queen und ihr Gatte deutsche Weihnachten feierten.

Wenn Wetter und Leben einem kalt und unfreundlich begegnen, dann entfaltet die German Gemütlichkeit offenbar ihre unwiderstehliche Anziehungskraft.

1-IMG_2774Kurzer Besuch auf Heilig Abend beim Winter Wonderland im Hyde Park, das hier schon seit einigen Jahren deutsche Weihnachtsatmosphäre verbreitet – oder das, was man hier dafür hält. Der Name ist Programm: man wundert sich ziemlich, zumindest, wenn man Deutscher ist. Von fern erinnert die hiesige Weihnachtsmarkvariante eher an Kirmesrummel, mit seinem Riesenrad und Kettenkarussell und allerlei anderen Fahrgeschäften, die schon von der Speaker’s Corner aus unüberseh- und -hörbar sind. 1-IMG_2778Mit zunehmender Annäherung an das Geschehen ändert sich der Eindruck nur in soweit, als sich glücklich verdrängte Erinnerungen ans Münchner Oktoberfest hinzugesellen: ein Irrgarten in Form eines Alpenhotels, und ein paar Meter weiter gleich ein zweiter, von dessen Fassade herunter Alois, der Münchner Dienstmann im Himmel, die Besuchern in perfektem Englisch zum Eintreten auffordert.

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Alle Fotos in diesem Artikel (c) Martin Herzog 2013

Ein Orkus bajuwarischer Gemütlichkeit, wie Jochen Malmsheimer vermutlich sagen würde – würde da nicht die Musik aus den Marktlautsprechern scheppern: „Do they know it’s Christmas time?“ von BandAid aus den 80ern, und natürlich das unvermeidliche „Last Christmas“, für das George Michael eine halbe Ewigkeit Fegefeuer verdient hätte. Mindestens..

Daneben und dazwischen German Bratwurststände im Dutzend, 1-IMG_2850Pretzel-Verkäufer,  natürlich Glühwein-Ausschänke sonder Zahl, und ganz vereinzelt mal, feigenblatthaft eingestreut, ein Handwerkerstand mit Weihachtsdeko, oder Ledertaschen, oder Glasmalerei. Das ganze über und über geschmückt mit Tannengrün, puttenhaften Engelchen und Weihnachtsmännern.

Schnell keimt der Gedanke: So hätte Dante die Vorhölle beschrieben, wäre er Deutscher gewesen. Aber offenbar ist es das, was die Menschen wollen und erwarten, denn auch am Heiligen Vorabend ist das Gelände gut gefüllt mit Paaren, Familien und Scharen von rotzipfelig bemützten Firmen-Gruppen.

1-IMG_2795Weil der Hunger arg drückt, traue ich mich an die Wurst sogar heran, und bestelle, konsequent wie ich bin, eine Krakauer, die sich geschmacklich auch recht ordentlich erweist. Für eine Qualitätskontrolle des Traditional German Glühwine aber reicht mein Aufopferungswille nicht. Jedenfalls nicht jetzt, nachmittags um halb drei bei lauschigen 12 Grad Außentemperatur – und ohne mittrinkende Gesellschaft. Erstaunlich, mit welcher Todesverachtung sich die Einheimischen auf das klebrig-heiße Blubberlutsch stürzen.

1-IMG_2835Anders als die deutschen Märkte, ist das Londoner Winter-Wunderland auch nach Weihnachten geöffnet. Wer also von Bratwurstduft und Glühweinseligkeit in Deutschland noch nicht genug hat, der kann hier feiern, bis die Heiligen Drei Könige kommen: Erst am 6. Januar macht das Winter Wonderland im Hyde Park dicht. Bis zum nächsten November.

Na dann, Frohe Weihnacht!

Ein Gedanke zu „Wort der Weihnacht: Glühwein

  1. Super Blog, den Du da hast! Leider habe ich bis jetzt noch nicht so viel Zeit rund um Weihnachten in London verbracht, deswegen finde ich den Beitrag um so interessanter! Ich wusste gar nicht, dass die Briten auch so stark auf den deutschen Weihnachtskitsch abfahren wie die Amerikaner.

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