Bücher über London*: Bill Bryson – Mother Tongue

Mother+Tongue-001Deutsches Sprache, schweres Sprache – das wussten schon die alten Römer, und seitdem jeder, der versucht hat, sich im Deutschen zurecht zu finden. Und da rede ich nicht nur von Zugezogenen und Angelernten, sondern gleichermaßen von den sogenannten Muttersprachlern, die selbige mit der gleichnamigen Milch in sich aufgesogen haben (sollten): Drei Geschlechter, tausend Fälle, dazu ein Gewusel von Präfixen und Suffixen, Präpositionen allüberall, mehr Ausnahmen als Regeln… – aber wem erzähle ich das?

Ein Irrglaube ist es allerdings anzunehmen, Englisch sei deshalb entspannter. Das Gegenteil ist der Fall. Am Anfang, ja, da macht es einem die Sprache leicht: Nur ein Artikel, außer dem Genitiv-S und im Plural kaum Beugungen, keine Wortungetüme wie im Deutschen, und ein Satzbau, bei dem man mit der guten alten SPO-Regel nichts falsch machen kann. Die Dominanz des Englischen als globale Lingua Franca hat natürlich zuvorderst damit zu tun, dass man sich mit dem klassischen rudimentären 500-Wörter-Vokabular sich ganz gut verständlich machen kann – zumindest bei Nicht-Muttersprachlern.

Doch es kommt die Zeit im Leben eines jeden Insel-Neubürgers, der sich um die Sprache der Eingeborenen bemüht, in der er sich bei der Landesbevölkerung nicht nur irgendwie verständlich machen will, sondern das jeweilige Anliegen so zum Ausdruck bringen will, „wie man es sagt“. Richtig eben. Und gut, möchte ich hinzufügen.

Nur hat gerade Englisch die hässliche Angewohnheit, umso schwieriger zu werden, je besser man es spricht. Im Unterschied zum Deutschen, das einem alle Schwierigkeiten gleich am Anfang vor die Füße kippt, und damit in Sachen Motivation sicher kein Anwärter für einen Pädagogik-Preis ist. In seinem vergnüglichen Buch How to be German drückt es der leidgeprüfte Adam Fletcher so aus:

The difference is that English was kind enough to be easy in the beginning, it ramps up slowly and encouragingly. German just plonks you down in front of a steep mountain, says “viel spass” and walks off as you begin your slow ascent.

So kann man es sehen. Aus meiner Perspektive stellt es sich allerdings eher so dar, als zeige sich das Deutsche klar und aufrichtig als das, was es ist, schwierig zu lernen nämlich, in seiner Art lutherisch-protestantisch: Hier stehe ich und kann nicht anders. Das Englische hingegen schleicht erst mal um dich herum und fixt dich an: Komm her, ich hab hier was für Dich, ist schnell erledigt. Du willst es doch, das seh‘ ich Dir an!“

Die englische Grammatik ist schnell gelernt, und Stolpersteine wie die berüchtigten If-clauses, die man uns in der gesamten Mittelstufe in jeder einzelnen Englisch-Stunde eingebläut hat (Niemals if zusammen mit would! Nienienienienie!) verlieren ihren albdruckartigen Schrecken, wenn man sieht, wie im Alltag in Wort und Schrift, und bis hinauf in akademische Grade diese einfache Regel von den Muttersprachlern komplett ignoriert wird.

Grammatik ist nicht das Problem. Das Problem ist die Anwendung der Wörter. In welchem Zusammenhang und in welcher Umgebung sage ich was, wie?

Nun gibt es im Englischen aber nicht nur unterschiedliche Sprachebenen für unterschiedliche Zwecke, Gelegenheiten und Gesellschaftsschichten, wie in jeder anderen Sprache auch. Die Anrede Mate, also Kumpel, passt für fast jede Gelegenheit des täglichen Bedarfs und für den Umgang mit Busfahrern und Pub-Personal (außer mit weiblichem, wo Love eher angebracht ist), aber sicher nicht für den Erzbischof von Canterbury. Darüber hinaus aber existiert eine Fülle von Begriffen und Wendungen, die dem Unkundigen (also allen, Muttersprachlern inbegriffen) völlig identisch erscheinen in ihrer Bedeutung und Verwendung, obwohl es sich um ganz unterschiedliche Wörter handelt. Das liegt daran, dass sie in ihrer Bedeutung und Verwendung völlig identisch sind.

Wann zum Beispiel sage ich buy, und wann purchase? Wann spreche ich von motherhood, wann von maternity? Sind die guten dairy products gesünder für mich als die ordinären milk products ? Sind mit adults andere Erwachsene gemeint als mit grown ups? Und wie darf ich das bezeichnen, was ich nicht mehr brauche: rubbish, litter, waste, garbage, junk, trash, refuse, crap? Was ist der Unterschied?

Würde ich gern wissen. Macht mich wahnsinnig. Aber eine Regel gibt es offenbar nicht. Entsprechende Feldstudien bei fachkundigen englischen Muttersprachlern haben übereinstimmend ebenso fachkundiges Schulterzucken gezeitigt.

Ähnlich bei der Interpunktion: Wo, um Himmels Willen fordert die englische Grammatik ein Komma? Zum Beispiel. Nach der Lektüre unzähliger Zeitungs- und Internetartikel sowie durchaus gelehrter wie gelehrsamer Bücher bin ich zu dem Schluss gekommen, dass auch der gebildete englische Autor, wenn er einen Satz, eine Seite, einen ganzen Roman verfertigt, er dabei ausschließlich Punkte verwendet, um sodann in einem zweiten Durchgang nach der Salz- und Pfeffer-Methode lässig aus dem Handgelenk einige Kommata darüber zu streuen (für andere Satzzeichen wie Frage-, Ausrufezeichen oder gar Semikolon scheint es auf der Insel heutzutage noch größere Lieferschwierigkeiten zu geben als in Deutschland).

Der Grundfehler liegt natürlich bereits darin, sich von solcherlei pedantischen Gedanken wahnsinnig machen zu lassen. Aber, Herrgott, ich bin Deutscher, Pedanterie gehört zu meiner Grundausstattung. Und das liegt natürlich auch in der Sprache begründet, die man mir mit auf meinen Lebensweg gegeben hat.

Jemandem, der mit Deutsch aufgewachsen ist, und der – in meinem Falle –  die Sprache auch noch sein Handwerkszeug nennt, scheint es völlig abwegig, dass es mehrere Wörter ein und dieselbe Sache bedeuten könnten. In die Irre führt da der Einwand, dass es auch im Deutschen Synonyme gebe, ja, ganze lexikalische Konvolute nichts anderes verhandeln, als für jedes Wort einen gleichwertigen Ersatz aufzuführen. Der Fehler liegt im Wort gleichwertig, denn selbstverständlich weiß man (oder ahnt es zumindest), dass es keine zwei gleichwertigen Wörter gibt, mithin, dass Meine Gattin eine andere Bedeutung transportiert als Meine Olle, wiewohl es den gleichen Gegenstand bezeichnet. Im Englischen muss es ähnlich sein! Oder doch nicht?

Keine Erlösung, aber doch Trost und Milderung des linguistischen Torts bringt das Buch Mother Tongue von Bill Bryson, das hauptsächlich an den englischen Muttersprachler gerichtet ist – und dadurch umso mehr Gewissheit gibt (Es ist doch immer sehr beruhigend zu wissen, dass  sich nicht nur als Ausländer fragen, ob am Piccadilly Circus wirklich ein Zirkus steht, sondern gleichermaßen alle Nicht-Londoner):

No other language has so many words saying all the same thing. It has been said that English is unique in possessing a synonym for each level of our culture: popular, literary and scholarly -so that we can, according to our background and cerebral attainments, rise, mount or ascend a stairway, shrink in fear, terror, or trepidation, and think, ponder, or cogitate upon a problem. This abundance of of terms is often cited as a virtue. And yet a critic could equally argue that English is an untidy and acquisitive language, cluttered with a plethora of needless words.

Yep, der angesprochene Kritiker wäre in diesem Fall ich. Um auszudrücken, dass etwas schrecklich oder fürchterlich ist, reichen da nicht horrible und terrible? Muss es gleich auch noch horrific und horrendous geben, und schließlich sogar terrific, das zu allem Überfluss auch noch sein eigenes Gegenteil bedeuten kann, nämlich fabelhaft und hervorragend? Sehr zu Recht schreibt Bill Bryson von der deceptive complexity des Englischen:

Nothing in English is quite what it seems. (…) As native speakers, we seldom stop to think just how complicated and illogical English is. Every day we use countless words and expressions without thinking about them – often without the faintest idea what they really describe or signify. (…) When you are overwhelmed, where is the whelm that you are over and what exactly does it look like? And why, come to that, can we be overwhelmed or underwhelmed, but not semiwhelmed or – if our feelings are less pronounced – just whelmed? Why do we say colonel as if it had an r in it? Why do we spell four with a u and forty without?

In einer hübschen historischen Übersicht – und natürlich im stets süffigen bis brüllend komischen Bill-Bryson-Stil – zeigt Mother Tongue nicht nur die Wurzeln solcher Bedeutungslücken auf, sondern auch die Unterschiede zwischen britischem und US-Englisch, und der bisweilen von etymologischer Ignoranz genährten, blasierten Arroganz der Engländer gegenüber ihren nordamerikanischen Vettern:

To be fair, English is full of booby traps for the unwary foreigner. (…) Imagine being a foreigner and having to learn that in English one tells a lie but the truth, that an American who says ‚I could care less‘ means the same thing as someone who says ‚I couldn’t care less‘, that a sign in a shop saying ALL ITEMS NOT ON SALE doesn’t mean literally what it says (that every item is not on sale) but rather that only some of the items are on sale, that when a person says ‚How do you do?‘ he will be taken aback if you reply, with impeccable logic, ‚How do I do what?‘ – The complexities of the English language are such that even native speakers cannot always communicate effectively, as almost every Briton learns on his first day in America.

Wie lautet gleich das Bonmot, das gewöhnlich George Bernard Shaw zugeschrieben wird: ‚England and America are two countries divided by a common language‘.

Für den Nicht-Muttersprachler bietet das Buch zudem Einsicht darin, wessen Geistes Kind der Angelsachse respektive Anglo-Amerikaner ist, wenn er spricht wie er spricht – vor allem, wieso er auf so gutem Fuß mit allem Vorläufigem und Ungefähren steht, ja es sich im Provisorischen und Zurecht-gezimmerten nicht nur häuslich einrichtet, sondern es quasi zur Norm erhebt.

Wenn es stimmt, dass – in Abwandlung der berühmten Wendung eines lange in London ansässigen Weltbürgers – die Rede das Bewusstsein bestimmt, und umgekehrt das Bewusstsein die Rede, dann ist es sicher kein Zufall, dass es für das Englische nie eine Einrichtung mit eingebauter Deutungs-Hoheit gegeben hat wie in Frankreich die Académie Francaise:

It is probably fortunate that the English-speaking world never saddled itself with such a body, largely because as many influential users of English were opposed to academies as favoured them. (…) Otto Jespersen, as long ago as 1905 was praising English for its lack of rigidity, its happy air of casualness. Likening French to the severe and formal gardens of Louis XIV, he contrasted it with English, which he said was ‚laid out seemingly without any definite plan, and in which you are allowed to walk everywhere according to your own fancy without having to fear a stern keeper enforcing rigorous regulations.‘

Was für die französische Sprache gilt, trifft in dieser Hinsicht auch auf das Deutsche zu: Was im Deutschen Präzision und Schärfe, ist im Englischen das absichtlich Unpräzise, Vage. Wo die deutsche Sprache jeder Bedeutungsnuance bis in den hintersten Winkel hinterher stöbert, macht es sich das Englische gemütlich und möchte erst gar nicht genau nachsehen, welcher Schmodder sich in diesem hintersten Winkel verbirgt. Ersteres ist schön, wenn man immer schon Recht hat, letzteres macht das Leben leichter, vor allem das Zusammenleben.

Der Deutsche denkt und plant mindestens für die Ewigkeit, der Engländer für den nächsten Tag. Was an Konsistenz und Konsequenz fehlt, machen Flexibilität und Geschmeidigkeit oft mehr als wett.

Wenn das jetzt mehr als nur ein wenig am National-Klischee entlang schrammt – sei’s drum.

Bill Bryson: Mother Tongue, Penguin Books, London 1990

*Ich weiß, die Frage brennt jedem Leser unter den Nägeln: Warum erscheint dieser Artikel in der Rubrik Bücher über London, obwohl London darin kaum einmal erwähnt wird?

1. Weil in London immer noch meist Englisch gesprochen wird;

2. Weil Mother Tongue auch in Londoner Büchereien verkauft wird;

3. Weil Bill Bryson schon mal in London war;

4. Weil der Autor des Artikels das Buch in London gelesen hat.

3 Gedanken zu „Bücher über London*: Bill Bryson – Mother Tongue

  1. “ To be fair, English is full of booby traps for the unwary foreigner.“ Wohl wahr. Zum Beispiel „booby trap“. Der anglophile Ausländer hat zumindest eines der beiden Wörter schon häufiger gehört, meistens das erste und meistens in einem ganz anderen Zusammenhang. Wobei man argumentieren könnte, dass „boobies“ schon häufig zur „trap“ geworden sind, aber das führt jetzt zu weit und auf etymologisch dünnes Eis…

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