Things to do (when in London) – In der British Library

1-IMG_2908Die Schatzkammer liegt im Halbdunkel. Nur die Schätze selbst dürfen leuchten. Ungewöhnliche Schätze sind das: alte Bücher, genauer gesagt Manuskripte. Sie als wertvoll zu bezeichnen, wäre mehr als nur eine sanfte Untertreibung. In der Sir John Ritblat Gallery liegen einige der bedeutendsten handgeschriebenen Dokumente der Menschheitsgeschichte. Ganz entgegen dem angelsächsischen Hang zum Understatement trägt sie den Untertitel Treasures of the British Library, völlig zu Recht, möchte ich hinzufügen. Und das Schöne ist: Sie sind für jedermann frei zu besichtigen.

Die Manuskript-Galerie findet sich im ersten Stock der riesigen British Library, unweit der Bahnhöfe St. Pancras und Kings Cross . In ihren Archiven lagern 50 Millionen Objekte, Bücher natürlich, Zeitungen, Zeitschriften, Illustrationen, Fotos – und eben Manuskripte. Die wichtigsten und spektakulärsten sind in der John Ritblat Gallery zu sehen, dazu einige seltene Drucke.

1-IMG_2893Die luftige Eingangshalle der British Library brodelt von Menschen an diesem Montag Morgen. Vor der ehemals im British Museum beheimateten Kings Library sitzen Studenten an Mini-Arbeitsplätzen und tippen fleißig, vermutlich tiefschürfende Gedanken, in ihre Laptops. Hinter ihnen erhebt sich hinter dickem Glas die mehrere Stockwerke hohe Bücherwand mit historischen Folianten, Wörterbüchern, in Leder gebundenen Zeitschriftensammlungen – das ist schon ein Anblick für sich. Auf der Rückseite liegt das kantinenartige Café, in dem es geschäftig zugeht. Gemurmel, Gesprächsfetzen, Klirren von Tassen und Tellern.

Das alles versinkt wie in Watte, sobald man in die Manuskript-Galerie eintritt: Ruhe ist’s, beschaulich und gedämpft, und es sind erstaunlich wenige Menschen, die sich gemächlich von Vitrine zu Vitrine vorarbeiten, von einem literarischen Highlight zum nächsten.

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Alle Fotos in diesem Artikel (c) Martin Herzog 2014

Gleich am Eingang liegt das Original-Manuskript Beowolf-Saga aus dem 11. Jahrhundert. Es ist das angelsächsische Gegenstück zum Nibelungenlied. Damit beginnt ein Schnelldurchlauf in globaler Kulturgeschichte der letzten 2000 Jahre: Handschriften von Shakespeare und Oscar Wilde sind zu sehen, Zeichnungen wie Dürers Studien des menschlichen Körpers, der Entwurf einer Wendeltreppe von Leonardo Da Vinci, und Skizzen von Michelangelo. Dazu die halbe Musikgeschichte: Noten von Bach und Purcell, Händels Messias, Mozarts wie eilig hingeworfene Noten für ein Horn-Konzert in E-Moll, der Entwurf von Ravels Bolero.

1-IMG_2912Bisweilen läuft mir ein Schauer über den Rücken, so, als ich Beethovens Gekritzel bestaune, jene schwarze Flecken, denen man kaum ansieht, dass es Noten sein sollen – er schrieb es auf zu der Zeit, als er bereits taub wurde. Im einer extra-Vitrine: Devotionalien der Beatles. Der erste gekritzelte Entwurf zu Help und der nicht weniger kritzelige Text zu Yesterday, sicherlich der größte Schmunzler der Ausstellung. Der begleitende Kommentar erzählt die Anekdote, dass der ursprüngliche Text „Scrambled Eggs“ lautete, weil die Refrain-Zeile noch fehlte. Ein Klassiker, solche Stories, aber immer wieder nett.

Zwei Vitrinen weiter: Politikgeschichte, Briefe von Churchill und Charles Darwin, Notizen von Suffragetten, daneben das Manuskript von Sigmund Freud zu Der Dichter und das Phantasieren von 1907, Auszüge aus dem Tagebuch von Sir Scotts letzter Südpolexpedition.

Den meisten Platz nehmen die Sakraltexte ein. Vom Codex Sinaiticus, eines der frühesten bekannten Manuskripte des 1-IMG_2902Neuen Testamentes aus der Mitte des 4. Jahrhunderts, über die erste englischsprachige, die Wycliffite-Bibel, bis zu den heiligen Druckwerken des Herrn Gutenberg zu Mainz. Dazu gibt es hebräische und Muslimische Schriften, Taoistische und Buddhistische Texte, Manuskripte in Sanskrit. Auch ohne gesteigertes akademisches oder religiöses Interesse ist es spannend, einen Blick auf diese Survivors of History zu werfen, wie sie im Englischen so schön heißen, auf die reichen Illustrationen der Echternacher Evangelien oder den erstaunlichen Detailreichtum und die überraschend strahlende Farbenpracht der ersten Gutenberg-Bibel, die hier im Halbdunkel besonders gut zur Geltung kommt. Auf welchen verschlungenen Wegen solche Schriften in den Besitz der British Library gekommen sind, würde man gern mal wissen. Oder vielleicht auch nicht.

In einem kleinen separaten Raum wird es dann doch noch einigermaßen eng. Hier drücken sich die Besucher hinein und wieder heraus, um einen Blick auf die Magna Carta werfen zu dürfen, jenes rechtshistorische Urdokument, mit der die englischen Adligen ihrem König John II. (ehem. Prinz John, der böse Gegenspieler aus dem Robin- Hood-Mythos) einen Teil seiner Macht abtrotzten, und damit seine absolute Willkür-Herrschaft begrenzten. In der politischen Folklore, vor allem der britischen*, wird die Magna Carta als Vorläufer der allgemeinen Menschenrechte verehrt. 99 Prozent der Bevölkerung hatten davon zwar wenig, weil es ausschließlich um die Rechte der Adligen gegenüber ihrem König ging. Aber immerhin, ein Anfang war gemacht.

1-IMG_2853Einen ganzen Tag werden wohl die wenigsten in der Mansukript-Sammlung verbringen. Aber ich verspreche: Wer nach einer Stunde, oder auch nur einer halben, aus dieser Dunkelkammer des geschriebenen Wortes wieder auftaucht, wird sich ein wenig aus der Zeit gefallen fühlen. Ein seltsames, nicht unangenehmes Gefühl. Aber keine Sorge, das geschäftige Gebrodel Londons sorgt dafür, dass dieses Gefühl bald nachlässt…

The British Library
96 Euston Road, London, NW1 2DB, Tel: +44 (0)843 208 1144

*David Cameron bekam neulich den heiligen Zorn aller Hüter dieser britischen Institution zu spüren, als er in der amerikanischen David Letterman Show (hier das Video) nicht in der Lage war, den Begriff Magna Carta ins Englische zu übersetzen, was, zugegebenermaßen keinen Hochschulabschluss erfordert. Hohn und Spott wurden über ihm ausgekippt zur Genugtuung der Amerikaner, die sich ja sonst auch von ihren britischen Cousins öfter mal Ignorantentum vorwerfen lassen müssen.

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