Aus gegebenem Anlass: Bentham and Orwell revisited

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(c) Martin Herzog 2012

Da sitzt er in seinem Glaskasten, und glotzt den Schaulustigen leer entgegen. Jeremy Bentham wollte es so. Der Philosoph und Menschenfreund verfügte in seinem Testament, dass sein Körper nach seinem Ableben zunächst der medizinischen Forschung zur Verfügung stehen solle, um sodann öffentlich ausgestellt zu werden. Autoikone nannte Bentham das: zwar nicht der gläserne Mensch, aber immerhin der Mensch hinter Glas, offen sichtbar für jedermann. Seit seinem Ableben lautet seine Adresse deshalb: University College London, Hauptgebäude, Eingangshalle rechts. Wer will, kann ihn jederzeit dort besuchen (mehr dazu: hier).

In einer sehr eigenartigen Weise reflektiert diese selbst gewählte postmortale Zurschaustellung seine philosophischen Ansichten zu Lebzeiten. Bentham hielt völlige Durchschaubarkeit  für einen großen zivilisatorischen Fortschritt, und zwar in jedem Sinne:

I do really take it for an indisputable truth – and a truth that is one of the corner stones of political science―the more strictly we are watched, the better we behave.

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(c) Martin Herzog 2012

Mir kam Benthams wächsernes Gesicht in den Sinn, und sein Glaube an die totale Überwachung, als ich neulich auf BBC Radio 4 die Diskussionssendung Any Questions hörte, kurz nachdem Barack Obama seine wachsweiche Rede zur NSA abgeliefert hatte. Eingeladen waren die üblichen Verdächtigen aus dem parteipolitischen Establishment, um thematisch offen auf alle möglichen Fragen des Publikums zu antworten. Gleich die erste lautete sinngemäß „Können wir ruhiger schlafen, nun da die NSA über uns wacht?“ Den Sarkasmus der Frage überhörend, äußerten die Diskutanten von links bis rechts pflichtschuldig ihre persönliche Betroffenheit, sowie ihre Besorgnis über das Ausmaß des Lauschangriffs. Da müsse man sicher ein Auge drauf behalten. Also bei den Amerikanern. Aber natürlich wolle man ja auch ruhig schlafen, also müsse man wohlüberlegt abwägen etc. pp. Man beeilte sich noch, den britischen Behörden sein Vertrauen auszusprechen, die hervorragende Arbeit bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus leisteten. Fertig. Nächste Frage.

Erstaunlich und irritierend, mit welcher Lustlosigkeit da der vermutlich größte Überwachungsskandal der Geschichte behandelt wurde – der ja beileibe nicht nur eine amerikanische Angelegenheit ist, sondern eine, bei der die Briten sich bislang nur besonders gut wegducken konnten, weil die Amerikaner eine noch viel größere Angriffsfläche bieten. Erwähnung des britischen NSA-Pendants GCHQ? Iwo!

Erstaunlich und irritierend ist es vor allem deshalb, weil Briten doch als so misstrauisch gelten allen staatlichen Autoritäten gegenüber, weil sie Dinge wie Meldepflicht oder gar Personalausweis als Angriff auf ihre persönliche Freiheit brüsk ablehnen, und deshalb für jeden Gang zum Amt, zur Erlangung eines Bibliothekausweises oder zum Abheben von Bargeld am Bankschalter lieber jedes Mal Stromabrechnungen und Führerschein oder ähnliches, jedenfalls zwei Dokumente anschleppen, um ihre Identität zu belegen, als diese vermeintliche Freiheit aufzugeben.

Das alles ist offenbar Teil der tief verwurzelten My-home-is-my-castle-Mentalität: Namen auf Klingelschildern? Undenkbar! Dies ist meine Burg, und vor jedem, der hier Schnüffeln will, ziehe ich die Zugbrücke hoch (dass es sich NSA und GCHQ längst auf dem Sofa bequem gemacht haben, wird hier mit einem atemberaubenden Willen zur Ignoranz übersehen, der Sicherheit wegen). Die allgegenwärtigen Überwachungskameras, ob staatlich, städtisch oder privat, stellen seltsamerweise kein Problem dar.

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(c) Sarah Prietzsch

Bei Verhaftungen und Gerichtsprozessen ist es hierzulande üblich, dass Polizei und/oder Gericht den vollständigen Namen sowie die Anschrift des mutmaßlichen Täters veröffentlichen. Es handelt sich wohlgemerkt nicht um verurteilte Straftäter sondern um Verdächtige, die auch hierzulande als unschuldig zu gelten haben, bis sie rechtskräftig verurteilt sind. Das alles wird als selbstverständlich hingenommen.

Edward Snowdens Enthüllungen, aufgedeckt vom britischen Guardian, erregen weltweit die Gemüter. In Großbritannien aber finden sie ausschließlich im links-liberalen Ghetto statt. Die große Mehrheit scheint desinteressiert bis verärgert über den „Verräter Snowdon“. Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger muss sich in einem Unterhausausschuss fragen lassen, ob er sein Vaterland liebt, beklatscht von den konservativen Blätter von Times bis Daily Mail, die den massiven Druck von Polizei und Regierung auf den Guardian und damit auf die Pressefreiheit auch noch bejubeln, und führen ansonsten Scheinkriege gegen eine eingebildete Einwandererflut von Rumänen und Bulgaren. Sie ergehen sich in schmierigen Details diverser Kinderschänderprozesse und des Phone-Hacking Skandals  (was in beim Thema Abhören von Mobiltelefonen erhellend an der Tatsache sein soll, dass man bei der polizeilichen Durchsuchung der Angeklagten Rebekah Brooks Pornohefte gefunden hat, würde ich mir gern mal erklären lassen. Solche Meldungen werden hier übrigens nicht nur von den üblichen Verdächtigen veröffentlicht, sondern auch von allen halbwegs seriösen Zeitungen, nur in etwas kleinerer Type). Die geringste Kontrolle von Presse-Exzessen wie das Abhören der Mobil-Telefone von Entführungs- und Mordopfern wird von Verlegerseite mit Zähnen und Klauen bekämpft, gerne auch mit Hinweis auf Britanniens Ruf in der Welt als Garant für Pressefreiheit. Die staatlich angeordnete Zerstörung von Redaktions-Festplatten aber, mit Beweisen für staatliche Abhörwillkür, geht offenbar in Ordnung. Ist ja schließlich im nationalen Sicherheitsinteresse.

Bestimmte Widersprüche muss man aushalten können. Aber ich kann mir nicht helfen, diese Widersprüche scheinen mir doch das normale Maß an lebensnotwendiger Schizophrenie deutlich zu übersteigen.

In London kann man dieser Widersprüchlichkeit auch literarisch und architektonisch nachspüren, in Bloomsbury in unmittelbarer räumlicher Nähe. Dort findet sich zum einen das University College London, in dessen Hauptgebäude der erwähnte Jeremy Bentham öffentlich auf das Jüngste Gericht wartet. Jeremy Benthams Autoikone ist die konsequente Verfolgung seiner Überzeugung, dass die beste Kontrolle totale Kontrolle wäre.

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(c) Martin Herzog 2013

Kaum fünf Minuten zu Fuß entfernt von Jeremy Benthams wächsernen Überresten, nähert man sich über die Gower Street einem universitären Verwaltungsgebäude, das auf den unverfänglichen Namen Senate House hört. Der Legende nach sollen  die englischen Nazis (ja, die gab’s) unter ihrem Anführer Oswald Mosley dieses Gebäude Anfang der 40er Jahre schon als Hauptquartier ausgeguckt haben für die Zeit nach einer erfolgreichen Invasion Deutschlands. Wer vor dem Gebäude steht und hoch schaut, ahnt warum. Alternativ geht die Erzählung, dass die Nazis das Gebäude bei der Bombardierung Londons ausgespart haben sollen, weil sie es für sich vorgesehen hatten – beide Versionen sind natürlich nicht zu verifizieren.

Kaum verwunderlich deshalb, dass George Orwell eben jenes Gebäude für 1984 zum Vorbild nahm für sein Wahrheitsministerium in seiner Vision des totalsten aller totalitären Staaten:

The Ministry of Truth (…) was startingly different from any other object in sight. It was an enormous pyramidal structure of glittering white concrete, soaring up, terrace after terrace, three hundred metres into the air. From where Winston stood it was just possible to read, picked out on its white face in elegant lettering, the three slogans of the Party:

WAR IST PEACE

FREEDOM IS SLAVERY

IGNORANCE IS STRENGTH

Im aschgrauen London des Großen Bruders hat die Partei den letzten Schritt zur Totalen Überwachung gemacht, um auch in die Köpfe der Menschen zu gelangen.

Wie das funktioniert, hat Jeremy Bentham mehr als anderthalb Jahrhunderte zuvor in einer Serie von Briefen beschrieben. Gedacht als „a simple idea in architecture“ beschreibt es einen neuen Typus von Gefängnis, ein Überwachungsinstrument zur Disziplinierung von Gefangenen: „a new mode of obtaining power of mind over mind, in a quantity hitherto without example.“ – Wahrlich, eine beispiellose Überlegung. Gewollt oder ungewollt hat er mit diesem Disziplinierungs-Instrument das Funktionsprinzip totalitärer Systeme der Moderne offengelegt. Die Rede ist vom Panoptikon (Mitte der 1970er Jahre vom französischen Philosophen Michel Foucault wiederentdeckt). Das Prinzip ist ein sehr einfaches, wie Bentham schreibt:

Panopticon

The Building is circular. The apartments of the prisoners occupy the circumference. You may call them, if you please, the cells. These cells are divided from one another, and the prisoners, by that means secluded from all communication with each other (…) The appartment of the inspector occupies the centre. (…) It will be convenient in most, if not in all cases, to have a vacant space or area all round, between such centre and such circumference.

Der Clou ist folgender: Die runde Anlage soll so gestaltet sein, dass die in Kreis angeordneten Zellen vom Kontrollraum im Zentrum des Kreises jederzeit eingesehen werden können, umgekehrt aber die Gefangenen nicht sehen, ob sie gerade beobachtet werden oder nicht. Von der Perspektive des Gefängnisses bedeutet das eine sehr elegante Möglichkeit, mit wenig Personal eine große Zahl von Gefangenen zu bewachen, denn von der Mitte aus hat der Wachmann immer viele Zellen gleichzeitig im Blick.

Presidio-modelo2Viel wichtiger aber ist die Perspektive des Gefangenen: Essenzieller Teil der Überwachungsstrategie ist, dass der Gefangene wissen muss, dass er jederzeit beobachtet werden kann. Natürlich wird keiner der Gefangenen immer beobachtet, der Wächter in der Mitte des Gefängnisses kann seine Augen ja nicht immer überall haben. Weil der Gefangene aber den Wächter nicht sieht, kann er  nicht wissen, ob er gerade überwacht wird oder nicht. Aber er könnte gerade jetzt in diesem Augenblick überwacht werden. Das zu wissen reicht. Denn so muss der Gefangene bei allem, was er macht,  annehmen, dass er gerade jetzt überwacht wird. Und er wird sein Handeln nach dieser Annahme ausrichten – und schließlich auch sein Denken.

Dies ist der Punkt, der bei vielen Diskussionen zum Thema Überwachung übersehen wird: Der riesige Umfang der tatsächlich abgegriffenen Datenmengen ist beeindruckend, Millionen von Gesprächsinhalten, Milliarden von Metadaten. Das aber ist nicht der Kern des Problems. Es kommt nicht darauf an, dass jeder jederzeit tatsächlich überwacht wird. Was das Denken und Handeln bestimmt, ist das Wissen darum, dass jeder jederzeit damit rechnen muss, überwacht zu werden. So dringt man in die Köpfe der Menschen ein! Die Gedanken sind frei? Deine Gedanken gehören mir, sagt der Große Bruder.

In Orwells totalitärem Fiebertraum 1984 gehört das Wissen um das eigene Kontrolliertsein ebenfalls zum Herrschafts-Prinzip. 1984-john-hurtSo genannte Telescreens zeigen nicht nur rund um die Uhr lautstark Propagandaprogramme (ein Ausschaltknopf ist ist nicht vorgesehen für das einfache Parteivolk), Telescreens sind auch in der Lage, jederzeit das zu sehen und zu hören, was vor dem Bildschirm passiert, bei der Arbeit, in der Kantine, zu Hause im Treppenhaus, in der eigenen Wohnung, überall. Überall sind auch Mikrofone versteckt, auf der Straße, in Parks, in scheinbar verlassenen Höfen. Und von den allgegenwärtigen Plakaten sorgt der Große Bruder dafür, dass ja niemand vergisst, dass er überwacht wird.

Natürlich wird niemand immer überwacht. Immer da ist nur die Angst, überwacht zu werden. Und die Menschen handeln entsprechend, und was schlimmer ist: sie denken entsprechend (das gleiche zermürbende Funktionsprinzip wie das des Terrorismus: Niemand darf sich sicher sein, überall, jederzeit, kann es passieren). Konsequenterweise gibt es keine normale Polizei mehr, sondern Gedankenpolizei. Nicht die Tat ist das Verbrechen, sondern der Gedanke – Thoughtcrime heißt das in 1984.

1984-1Aus gegebenem Anlass habe ich kürzlich George Orwells Dystopie zum ersten Mal gelesen, und verstanden, warum der Roman ein Klassiker ist. Nicht weil der dort entworfene Big-Brother-Staat kurz vor seiner Umsetzung stünde. In seiner Radikalität zeigt 1984 vielmehr die Mechanik staatsbürgerlicher Gehirnwäsche auf, die dadurch möglich wird, dass Benthams Panopticon-Idee auf die ausgefeilten Möglichkeiten moderner Technik trifft – man ersetze Telescreen durch Internet, und versteckte Mikrofone durch Smartphones. Was ändert sich in unserem Kopf, wenn wir wissen, dass stets jemand über unsere Schulter schauen könnte – sei es ein Gefängniswächter, der Große Bruder NSA, oder der Große Bruder in den Wolken?

Doch die Angst vor der Überwachung ist nur die vorletzte Stufe. 1984 geht den einen Schritt weiter. Und auch der kommt bedrückend bekannt vor,  von seinen freiwilligen Propaganda-Helfer meist vorgetragen in Form des Totschlag-Arguments: „Wer nichts zu verstecken hat, braucht auch keine Angst zu haben.“ Und wir haben doch nichts zu verstecken, oder? Na, also. Man muss kein Paranoiker sein, und auch kein Anhänger von Verschwörungstheorien, um zu vermuten, dass der Wahnsinn Methode hat.

Das Ziel ist schließlich erst erreicht, wenn auch die Angst vor der Überwachung verschwunden ist, wenn sie sich verwandelt hat in Vertrauen, Zuneigung, in das Gefühl von Geborgenheit, in das, was George Orwells Held Winston Smith erfährt, nachdem sein Widerstand gegen den Großen Bruder gebrochen ist, und er rehabilitiert wurde. Es ist der berühmte letzte Satz im Roman: He loved Big Brother.

 

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