Mind the map! Oder: Sein und Zeit

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(c) 2014 Martin Herzog

„We are happy to confirm that the train has left Hammersmith Station.“ – Ein kollektiver Seufzer geht durch die Reihen. Hammersmith, das heißt, in gut 5 Minuten wird er hier sein. Wenn alles glatt läuft.

9:28 Uhr. Zum ersten Mal in meinem Leben stehe ich am Bahnsteig der Haltestelle Wood Lane, wie vermutlich die meisten der vielleicht 200 Mitreisenden um mich herum. In einem großen Schwung sind wir von White City herüber gekommen, denn dort ist heute Endstation für die Central Line. Normalerweise ist sie eine der Arterien des U-Bahn-Verkehrs, pumpt jeden Tag Hunderttausende Untergrundreisende von West nach Ost, und Ost nach West.

Heute nicht. Heute ist Warnstreik. Quer durch ganz London. Die Gewerkschaften und der Bürgermeister liegen über Kreuz, weil einige Linien ab Anfang 2015 rund um die Uhr laufen sollen, und dafür an anderer Stelle gespart werden soll. Deshalb machen die Unions in dieser und der kommenden Woche  an jeweils drei Tagen 80 Stationen dicht, und legen drei Tube-Linien lahm. Zwei davon sind dummerweise die, die bei mir in Reichweite liegen. Neben der Central wird auch die Piccadilly Line bestreikt, die mich normalerweise bis Oxford Circus bringen würde, damit zu meinem Termin in Fitzrovia komme. Dazu fallen Teile der Jubilee-Line aus, die District und die Circle Line sind auch nur streckenweise betrieben. U-Bahnfahren ist heute ein Puzzlespiel.

tube-mapDie Umsonst-Zeitung Metro hat dankenswerter Weise eine Karte der Tube veröffentlicht, die die entsprechenden Teile der Tube weg retouchiert hat. Sieht nicht so dramatisch aus, aber Central und die Piccadilly sind eben die Lasttiere der Tube.

Also bin ich eine gute dreiviertel Stunde früher los gegangen als sonst, mit der Central Line so weit gefahren wie es ging, und stehe jetzt an Wood Lane, um auf Hammersmith & City zu warten, eine der Bummelbahn-Linien, die im großen Kreis um den Stadtkern herum eiern und dabei an jeder Milchkanne halten. Nur nicht heute, aber ich greife vor.

9:35 Uhr. Der Zug fährt ein. Die Türen gehen auf, ohne viel Gedränge schieben sich die Menschen hinein. Aber irgendwann geht nichts mehr. In Tokio würden jetzt vermutlich Bahnmitarbeiter noch ein paar dutzend Fahrgäste hinterher schieben. Aber das hier ist London. Die Türen gehen zu, der Zug fährt ab. Ich schaue ihm hinterher. Macht nichts. Die Dame, die im Lautsprecher wohnt, hat gesagt, man solle nicht drängen, der nächste Zug sei gleich hinter diesem. „Das sagen sie immer,“ werde ich am Abend von meiner Liebsten hören, „damit die Leute nicht panisch werden.“ – Ich bin auch nicht panisch.

9:50 Uhr. Langsam werde ich panisch. Seit einer Stunde bin ich unterwegs für eine Strecke, die ich in dieser Zeit auch zu Fuß hätte zurücklegen können. Leider kann man das von der Strecke, die noch vor mir liegt, nicht sagen. Mein Termin ist um 10:30 Uhr. Und vom versprochenen Zug keine Spur. Bisher habe ich immer das Tube-Netz gegen moppernde Londoner verteidigt. Dreieinhalb Millionen Fahrgäste täglich, und das unter Dauerlast in einem 150 Jahre alten Verkehrssystem – da kenne ich andere, hier nicht namentlich erwähnte Großstädte im Rheinland, die einen Bruchteil dessen nicht gestemmt kriegen. Heute aber wird’s wohl eine Geduldprobe…

9:55 Uhr. Der nächste Zug fährt ein. Zum Glück ist er nicht ganz so überfüllt wie der erste. Ich steige im letzten Waggon ganz hinten ein. Völlig ungewohnt, begrüßt uns der Fahrer per Lautsprecher. Für hiesige Verhältnisse ist er sogar gut gelaunt. Man möge doch bitteschön unter den gegebenen Umständen nicht auch noch Zeitung lesen, da jede aufgeschlagene Postille mit Sicherheit im Gesicht eines Mitreisenden lande und zudem Platz raube. Jeder Millimeter zählt! Ein paar Pendler lächeln gequält. An Paddington Station ist es dann auch vorbei mit dem entspannten Stehen. Massen drücken herein. Immer zu! Herzlich willkommen!

10:15 Uhr. Ich könnte es vielleicht doch noch schaffen. Meine Haltestelle Great Portland Street wäre nur zwei Laufminuten von meinem Termin entfernt. Ich weiß aber, dass auch die bestreikt wird. Deshalb habe ich mir heute morgen schon zu Hause den Schlachtplan zurechtgelegt, dass ich eine Station vorher aussteige, Baker Street, und die anderthalb Kilometer bis zu meinem Ziel laufe.

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(c) 2014 Martin Herzog

10:18 Uhr. „the next Station is Baker Street. All doors will not open in this carriage. Please use other doors.“ Während ich noch überlege, ob der Satz das heißt, was er sagt, nämlich dass alle Türen dieses Waggons sich nicht öffnen, also dass sich keine Tür öffnet, oder ob sich nur einige Türen dieses Waggons nicht öffnen, hält der Zug – allerdings im Tunnel. Ich blicke um mich. An der Tunnelwand sehe ich Schilder: Baker Street, move forward to the next door (oder so ähnlich, ich habe jetzt wirklich keine Muße, mir das zu notieren). Wir stehen also schon an Baker Street! Zumindest ein Großteil des Zuges. Nur das Ende passt nicht rein, weswegen nur die vorderen Türen geöffnet werden. Ich unternehme einen halbherzigen Versuch, mich Richtung Zugfront zu quetschen, hinter mir höre ich ein verständnisvolles Good Luck! Da höre ich auch schon die Ansage: „The train is now ready to depart, please mind the closing doors.!“ – Vor meinem Fenster öffnet sich der Tunnel, tränen-verschleiert sehe ich den Bahnsteig Baker Street langsam an mir vorüber ziehen, bis die Dunkelheit der Röhre uns wieder sanft umfängt.

9:21 Uhr. Der Zug bremst. Meine Haltestelle Great Portland Street zieht im Schrittempo an uns vorbei… Verweht… Nie wieder.

9:23 Uhr. Euston Square. Die Türen öffnen sich. Hier müsste ich raus. Ich könnte es noch schaffen. Termine? Ach, Termine! Gleich vor mir wird ein Sitzplatz frei.

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