Things to do (when in London): Im Old Operating Theatre

1-IMG_1961„Samstags zeigen wir hier meistens Amputationen,“ sagt die Frau in Schwarz mit dem Skelett-T-Shirt und grinst in die Runde, „zum einen, weil es die Art von Operation war, die Wundärzte damals am häufigsten durchführen mussten. Zum anderen, weil es natürlich spektakulär ist, und wir unsere Werkzeuge demonstrieren können.“

Sie öffnet ein poliertes Holzköfferchen, das mit rotem Samt ausgelegt ist: Diverse lange Messer liegen darin säuberlich sortiert, sowie eine kurze Fuchsschwanzsäge. Eine Welle wohligen Schauderns schwappt durch die eng besetzten Reihen, als sie die Kiste herumzeigt wie ein Magier die Säge, mit der er gleich die allfällige Jungfrau zerstückeln wird. Nur dass in dieser Manege die Einzelteile anschließend nicht mehr wieder zusammen fanden. Vermutlich ist das der Moment, in dem sich der Junge auf dem alten Operationstisch wünscht, dass er doch nicht so mutig gewesen wäre, als vorhin ein Freiwilliger gesucht wurde.

1-IMG_1991Samstag Mittag, zwei Uhr. Wir stehen in den Rängen des alten Operationssaales unter dem Dach des St. Thomas Hospitals, des ältesten noch erhaltenen OP Europas, dort, wo vor knapp 200 Jahren angehende Chirurgen den Meistern des Fachs dabei zusahen, wie sie Tote sezierten oder Lebende operierten – wobei in letzterem Fall das Operationsteam um mehrere kräftige Assistenten verstärkt werden musste, um den Delinquenten auf dem Tisch zu halten. Narkose war noch nicht erfunden.

Wer hier unter’s Messer kam, hatte sozusagen das ganze Erlebnis, bei vollem Bewusstsein. Und natürlich nicht in steriler Umgebung. Weder wurden die Werkzeuge desinfiziert, noch trug der Operateur Mundschutz oder Handschuhe. Wozu auch? War schließlich alles eine ziemlich Schweinerei, weshalb der Holzboden im OP  mit Sägespänen bedeckt war.

1-IMG_1986Dabei hofften alle Beteiligten, dass der Patient nicht allzu viel Blut verlor, denn das Prinzip der Transfusion war zwar bekannt – allerdings  nicht das Prinzip der unterschiedlichen Blutgruppen. Entsprechende Transfusions-Versuche waren deshalb sämtlich lethal verlaufen, so dass man bei Operationen lieber davon absah und darauf vertraute, dass der Operateur schnell arbeitet und sich der Blutverlust in Grenzen hält.

Geschwindigkeit war also Trumpf. „Amputationen zum Beispiel dauerten insgesamt zwischen 15 und 20, manchmal vielleicht 30 Minuten“, erzählt die Frau in Schwarz. Spitzenkräfte wie der berühmte John Hunter (nach ihm ist das Hunterian Museum des Royal College of Surgeons benannt) schafften es angeblich in unter einer Minute, einen Arm oder ein Bein abzunehmen. „Bei aller Eile mussten sie aufpassen, sich mit den scharfen Messern nicht selbst zu verletzen, denn das führte wiederum häufig zu Infektionen, und die behandelnden Ärzte konnten sich bald zu ihren Patienten legen.“ – Ein hässliches Berufsrisiko, dem offenbar eine ganze Reihe von frühen Chirurgen erlegen sind.

1-IMG_2008Verbunden wurden die Wunden anschließend mit Mull aus alten Krankenhaus-Bettlaken. „Wenn man Glück hatte, waren sie vorher gewaschen worden,“ erklärt die Dame in Schwarz. So oder so, die Überlebenschance auch nach einer erfolgreichen Operation lag bei etwa einem Drittel, selten wegen der Operation selbst, sondern wegen Wundinfektion.

Operating Theatre heißen Operationssäle auf Englisch. Wenn man hier in den Rängen steht, ahnt man, warum. Das Old Operating Theatre gleich neben der London Bridge war ein Vorlesungs-Raum und St. Thomas ein Lehrhospital, wo die Working Poor, also die Armen, die zumindest Arbeit hatten, aufgenommen und operiert wurden – wenn sie Glück hatten. Oder Pech, je nach Sichtweise. Wer es sich leisten konnte, bestellte den Operateur zu sich nach Hause, wo der Eingriff im eigenen Bett vorgenommen wurde oder auf dem Küchentisch. Das war nicht nur bequemer für den Patienten, sondern angesichts der Abwesenheit jeglicher Hygienemaßnahmen  sogar weniger risikoreich, die Infektionsgefahr deutlich geringer als in den Krankenhäusern, wo alle möglichen Patienten und Pfleger alle möglichen Erreger herum reichten.

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Alle Fotos in diesem Artikel (c) Martin Herzog 2012

Erst 50 Jahre, nachdem dieser Operationssaal in Betrieb genommen wurde, begann Florence Nightingale in just diesem Krankenhaus ihre Hygiene-Revolution in den Krankenbetten: Antiseptische Maßnahmen bei der Wundbehandlung und der allgemeinen Pflege, und vor allem die regelmäßige Anwendung von Seife des behandelnden und pflegenden Personals. Eine Revolution, die zusammen mit der Einführung einer ordentlichen Kanalisation und vernünftigen Frischwasserpumpen dazu führte, dass die im 19. Jahrhundert grassierende Cholera, Ruhr und Blattern innerhalb weniger Jahre fast völlig verschwanden und die Lebenserwartung in die Höhe schoss*. Ist alles lange her. Ist es? Mein Großvater war Jahrgang 1900. Wie viele Generationen trennen uns von dieser Zeit: drei, vier vielleicht fünf, mehr nicht.

Heute ist allenthalben zu hören, dass in der heutigen, hoch technisierten Medizin das Menschliche zu kurz komme, dass wissenschaftlicher Fortschritt stets mit einem Rückschritt an anderer Stelle erkauft werde, und dass überhaupt die Gesundheitsrisiken immer schlimmer würden.  Angesichts moderner Apparatemedizin und der pflegerischen Unterversorgung in unseren Gesundheitssystemen ist dieser romantisierende Gedanke vielleicht verzeihlich. Jedem, der zu solchen Vorstellungen neigt, sei jedoch der Besuch im Old Operating Theatre empfohlen – als heilsame Medizin.

The Old Operating Theatre

London Bridge

9a St. Thomas Street

London SE1 9RY

Öffnungszeiten: täglich 10:30 Uhr – 17 Uhr (außer an Weihnachten)

*Die offizielle Statistik sieht weniger spektakulär aus als sie ist: Die Lebenserwartung von Männern steigt in den Jahren 1841-1900 von 40 auf 44 an, bei Frauen von 42 auf 44. Das liegt daran, dass in dieser Statistik die Kindersterblichkeit heraus gerechnet wurde, die extrem hoch war und in dieser Zeit massiv zurück ging.

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