Reinhören: Die Zeitverkäuferin

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Ruth Belville vor der großen Uhr am Royal Observatory in Greenwich (c) Wikipedia

Zeitverkäufer – das klingt eher nach einer Figur aus einem Michael Ende-Roman. Nicht in London! Dort konnte man Zeit nicht nur kaufen, sondern sogar wöchentlich abonnieren: bei der Zeitverkäuferin Ruth Belville. Heute vor 160 Jahren wurde sie in geboren, und als Greenwich Time Lady wurde sie zu einer Londoner Berühmtheit.

Pünktlich, jeden Dienstag Morgen, begann Ruth Belville ihre Reise: Von Maidenhead vor den Toren Londons fuhr sie mit dem 8:59-Uhr-Zug nach Paddington, von dort mit der gerade eröffneten U-Bahn-Linie Bakerloo bis Charing Cross und schließlich mit der Vorstadt-Bahn bis nach Greenwich im Osten. Dann begann der anstrengende Teil.

„Sie musste zum Königlichen Observatorium, das oben ganz oben auf einem sehr steilen Hügel liegt,“ erzählt David Rooney, Kurator für Zeit am Science Museum in London und Biograf von Ruth Belville. „Dann holte sie aus ihrer Handtasche eine sehr edle Taschenuhr aus dem 18. Jahrhundert, von John Arnold gefertigt, die sie deshalb Arnold nannte. Die großen Astronomen Großbritanniens ließen sie herein, und boten ihr eine Tasse Tee an, während die Techniker ihre Uhr mit der Mutter-Uhr des Königreichs abglichen, die selbst wiederum nach den Sternen über Greenwich gestellt wurde. Sie vermerkten in einem Zertifikat, wie viele Minuten, Sekunden und Zehntelsekunden sie von der Greenwich-Zeit abwich. Damit ließ sich die genau Zeit errechnen. Sie korrigierten die Uhr nicht – es war immer heikel, die Zeiger zu verstellen – sondern notierten nur ihren Fehler. Wenn Ruth ihren Tee beendet hat, begann sie ihre Runde.“

Ihr wöchentlicher Weg führte sie von den Lagerhäusern in den rauen Docklands im Londoner Osten zu den Uhrmachern in der City, zu den Juwelieren in der Bond Street, und schließlich zu den Millionärsvillen im Norden der Stadt. Auch reiche Privatleute gehörten zu den Abonnenten ihres Service, sagt David Rooney: „Im 19. und frühen 20. Jahrhundert hatte es einen moralischen Wert, die korrekte Zeit zu haben. Wenn man einen Laden besaß, und seinen Kunden die Greenwich-Zeit präsentieren konnte, war das eine gute Sache. Genauigkeit der Zeit und bei anderen Maßen war ein Wert an sich. Und das war es, was Ruth Belville liefern konnte: nicht nur Zeit, sondern diesen Wert wissenschaftlicher Präzision.“

Über ein halbes Jahrhundert lang verkaufte Ruth Belville die Zeit – so zuverlässig, wie Arnold, ihre Taschenuhr – und gelangte damit zu bescheidenem Ruhm. Artikel über The Greenwich Time Lady erschienen in ganz England und selbst in Deutschland. Doch wie kam die Dame mit der Uhr zu ihrem merkwürdigen Geschäft? Der Nullpunkt ihrer Geschichte ist der Nullpunkt unseres Koordinatensystems: Greenwich bei London.

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(c) 2014 Martin Herzog

Dort wird Ruth Belville heute vor 160 Jahren geboren, am 5. März 1854. Ihr Vater John Belville ist erster Assistent des Hofastronomen, und als solcher zuständig für die große Zeitkugel auf dem Dach des königlichen Observatoriums . Kurz vor ein Uhr wurde sie jeden Tag hochgezogen, und fiel pünktlich auf die Sekunde herab. Und wehe wenn nicht, erklärt Rory McEvoy, Kurator für Zeitmessung am Royal Observatory:

„Es war eine sehr ernste Sache. Wenn man sich die Zeitungsmeldungen der Zeit anschaut, dann hagelte es Kritik, wenn das Signal ausfiel. Bei Problemen gab es ein Signal, dass das Zeit-Signal fehlerhaft war, und dass es eine Stunde später noch ein Signal geben würde.“

Die Kugel ist keine Spielerei. Die exakte Zeit ist vielmehr überlebenswichtig für die Ortsbestimmung auf hoher See.

Wenn die Schiffe in London liegen, synchronisieren die Schiffs-Navigatoren deshalb ihre Bord-Uhren mit der Greenwich-Zeit, indem sie um Punkt 1 Uhr die Zeitkugel des Observatoriums beobachten. Noch heute kann man täglich die große rote Kugel fallen sehen- in Greenwich. Von London aus nicht. Aber auch dort wollen immer mehr Menschen genau wissen, wie spät es ist, und die meisten Uhren gehen im 19. Jahrhundert noch sehr ungenau, oft mit Fehlern von mehreren Sekunden pro Tag, sagt David Rooney:

„Vor den 1830er Jahren gab es nur eine Möglichkeit, die exakte Zeit zu bekommen: jemanden nach Greenwich schicken. Die besten Uhrmacher Londons – damals die besten Uhrmacher der Welt – schickten also ihre Laufburschen den Hügel hinauf, um nach der Zeit zu fragen. Die Astronomen hatten die Störungen satt. Sie vermaßen im Auftrag der Nation die Sterne, und wurden dauernd unterbrochen von diesem Strom junger Männer mit Taschenuhren in der Hand, die fragten: Dürfen wir auf Ihre Uhr schauen?“

Der Hofastronom verfügt, dass Geschäftsleuten nur noch einmal pro Woche Zutritt zum Observatorium gewährt wird. Doch es hilft nichts. Im Zeitalter der Industrialisierung rückt die Welt immer enger zusammen, räumlich durch die aufkommende Eisenbahn und regelmäßige Schiffslinien, damit aber auch zeitlich. Wofür wenige Jahrzehnte zuvor noch Stunden und Minutenangaben ausreichten, sind jetzt Sekunden entscheidend. Nicht nur Uhrmacher und Schiffsnavigatoren: Banken, Handelshäuser, Bahnbetreiber – sie alle brauchen die genaue Zeit. so entsteht die Idee zwischen dem Hofastronomen und John Belville, einen Boten zu den Uhrmachern herumzuschicken, und auf diese Weise den Angestellten des Observatoriums diese Unterbrechungen zu ersparen.

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(c) 2014 Martin Herzog

John Belville ersteht eine große, alte, aber höchst präzise Taschenuhr: Arnold. Von 1836 an beliefert John also 200 Firmen mit frisch gemessener Greenwich-Zeit. Als John Belville 1856 stirbt, kontaktiert die Hälfte der Kunden seine Witwe Maria mit der Bitte, sie möge den Service übernehmen, weil er ihnen sehr wichtig sei. Der Hofastronom gibt seinen Segen. Von Kindesbeinen an begleitet Ruth Belville ihre Mutter nun beim wöchentlichen Zeithandel in der Londoner Innenstadt:

Ich kann mich an eine Firma in Clerkenwell erinnern, zu der ich mit meiner Mutter hinging als ich ein kleines Kind war. Nachdem sie die Uhren überprüft hatte, begegneten uns drei oder vier Leute mit Uhren in der Hand, und meine Mutter erzählte mir, dass diese Leute Uhrmacher seien, die der großen Firma einen kleinen Betrag zahlten, um so die Zeit ‚Second Hand‘ zu bekommen.“

Während sich über solcherlei Zeit-Hehlerei noch schmunzeln lässt, erwächst den Time Ladys Konkurrenz durch moderne Technik: Strom. Die Zeit kann seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch telegraphendrähte geschickt werden. Zunächst versorgt die neue Technik nur Big Ben mit der Zeit, sowie das königliche Postamt, dann aber immer mehr Kunden. Der Siegeszug der Technik scheint unaufhaltsam. Doch der Jubel ist zumindest voreilig: Vom Sturm oder durch Bauarbeiten durchtrennte Telegrafendrähte, Kurzschlüsse in den Relais-Stationen – die Zahl möglicher Fehlerquellen ist groß. Ebenso der Missmut vieler Kunden, die sich auf die neue Technik verlassen, sagt Zeit-Kurator David Rooney:

High Tech ist nicht immer präziser. Wir glauben das immer, weil man uns das immer sagt, aber ich habe hunderte, wenn nicht tausende Beschwerden gefunden, die darüber klagen, dass der elektrische Zeit-Service unzuverlässig ist oder sogar schlicht falsch. Das Konzept des telegrafischen Zeitservice wurde dem Land verkauft als diese klare, einfache Sache: Zwei Uhren, ein elektrischer Draht dazwischen – was soll schon schief gehen? Ist schließlich Strom! Tatsächlich aber lag nichts weiter entfernt von der Wahrheit.“

Auf Maria Belville aber ist Verlass, so wie auf Ruth, die nach und nach das Geschäft ihrer Mutter übernimmt. Viel verdienen lässt sich damit nicht. Ihrer technisch hoch gerüsteten Konkurrenz ist Ruth trotzdem ein Dorn im Auge, vor allem der Standard Time Company. Die hat es auf ihre Kunden abgesehen. Dabei schreckt sie auch vor Rufmord nicht zurück, und zettelt in der Times 1908 eine Schmutzkampagne gegen Ruth an. Landesweit wird über den Fall der Zeitverkäuferin berichtet. Doch für die Standard Time Company geht der geplante PR-Coup nach hinten los: Ruth Belville bekommt nicht nur vom Hofastronomen Rückendeckung, sondern gewinnt durch die Berichterstattung sogar einige Kunden hinzu.

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(c) 2014 Martin Herzog

Und die beliefern Ruth Belville und ihre Taschenuhr Arnold weitere 32 Jahre lang, allen technischen Errungenschaften zum Trotz. Selbst als die BBC 1924 ihr Zeitsignal einführt, kann sie mit ihrem Zeit-Service dagegen halten. 12 Jahre später beginnt der automatische Telefonansage-Dienst. Doch Ruth Belville bringt weiter frisch gemessene Greenwich-Zeit zu ihren treuen Kunden. 1940 schließlich, mit 85, setzt sie sich zur Ruhe, 104 Jahre, nachdem ihr Vater diesen außergewöhnlichen Service begonnen hat. Biograf David Rooney:

Es ist nicht nur die nette kleine Geschichte einer Frau, die eine alte Uhr durch London trägt. Wir haben uns an die Sichtweise gewöhnt, dass alte Technologien einfach durch neue ersetzt werden. Aber das stimmt nicht,  das Alte hat trotzdem seinen Wert. Für viele lag dieser Wert in der Präzision und Verlässlichkeit, die Ruth Belville verkörperte – und im Menschlichen Umgang mit ihren Kunden, den kein elektrischer Draht leisten kann.“

Das Zeitzeichen 5. März 1854 – Geburtstag der Zeitverkäuferin Ruth Belville ist am 5.3.2014 auf WDR 3, WDR 5 und NDR-Info zu hören.

Literatur: David Rooney – Ruth Belville, The Greenwich Time Lady, National Maritime Museum, Greenwich, London 2008

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2 Gedanken zu „Reinhören: Die Zeitverkäuferin

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