Karneval an der Themse, Teil 2: St. Patrick’s Day

1-IMG_3547 Die Parade zieht sich einmal quer durch die Innenstadt, von Hyde Park Corner über Piccadilly, bis hinunter nach Whitehall, angeführt vom Nationalheiligen selbst: St. Patrick (im 5. Jahrhundert soll er den Iren das Christentum beigebracht haben). Einige zehntausend Voll- und Teilzeit-Iren marschieren mit oder jubeln am Straßenrand, und versammeln sich anschließend zum folkloristischen Kulturprogramm mit  Comedy und Dudelsack auf dem Trafalgar Square, wo die Produzenten der irischen Exportschlager von Guinness bis Kerrygold ihre Zelte aufgeschlagen haben.

Wem Aschermittwoch vor zwei Wochen zu früh kam, der kann hier karnevalistisch noch mal nachfassen, musikalisch und verkleidungstechnisch. Erlaubt ist, was gefällt: Das Kostüm darf jede Farben haben, Hauptsache, es ist grün.

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Alle Fotos in diesem Artikel (c) Martin Herzog 2014

Es wird die größte St-Patrick’s-Day-Sause der Welt (außerhalb Irlands, natürlich). Also frohlockte Londons Bürgermeister Boris schon vor Wochen. Heute ist er nur als Video-Botschafter anwesend. Leibhaftig erschienen ist dagegen ein echter irischer Minister, Pat Rabitte, zuständig für – welch exquisite Mischung – Kommunikation, Energie und Rohstoffe. Er hat ausnehmend gute Laune, nicht nur weil die Sonne scheint und die Menschen fröhlich feiern, sondern weil die Iren gestern auch noch im das Endspiel im Six Nations Cup gewonnen haben, die inoffizielle Rugby-Europameisterschaft.

1-IMG_3567Hinter der Bühne lässt sich der Minister zu einem spontanen Interview hinreißen. Welches andere kleine Land schaffe es, einmal im Jahr Londons Innenstadt dicht zu machen, fragt er rhetorisch. „Am St. Patrick’s Day pinseln die Iren die Welt Grün an, vor allem aber England.“ Noch nie seien die Beziehungen zwischen beiden Ländern so eng gewesen seien wie heute. Großbritannien sei Irlands wichtigster Handelspartner, 40 Prozent aller irischen Exporte gingen schließlich ins vereinigte Königreich (davon 80 Prozent Bier, der Rest Butter, vermute ich). Klar, das mit den tollen Beziehungen muss er natürlich sagen, dafür ist so ein Kommunikationsminister im Allgemeinen ja da, und heute hier.

Wobei, in diesem Fall ist die Polit-Platitüde nicht ganz so platt wie sie scheint, denn das Verhältnis der Inselnachbarn war nicht immer so herzlich. Und dass es anders war, ist auch noch nicht lang her.

1-IMG_3614Am Stand der Organisation Irish in Britain drückt Jennie McShannon grüne Kleeblatt-Stempel auf Londoner Wangen und verteilt Infobroschüren. Seit 21 Jahren wohnt die Exil-Irin in London. In dieser Zeit habe sich das Image massiv verbessert, vor allem durch den Friedensprozess und das Karfreitags-Abkommen 1998. „Wir werden hier nicht mehr als Gruppe wahrgenommen, von der eine Bedrohung ausgeht, das war früher anders.“

Wie sehr sich die Stimmung gewandelt habe, lasse sich besonders schön an der St.-Patrick’s-Day-Parade nachvollziehen, sagt Jennie: „Als in den 50er Jahren die ersten Iren durch die Straßen Londons zogen, waren das vielleicht 100 Leute. Und für jeden Iren standen 10 Polizisten bereit. Heute ist es einfach ein großes Fest.“

Der Wandel ist tatsächlich bemerkenswert, schließlich ist die Zeitspanne sehr kurz, verglichen mit der jahrhundertelangen Vorherrschaft/Unterdrückung (Zutreffendes bitte je nach politischer Haltung und Herkunft unterstreichen), die die Briten über Irland ausübten, verglichen mit der Zeit der Aufstände, Kriege, Enteignungen, Zwangsbesiedlungen. In der britisch-irischen Geschichte sind sehr viele Seiten mit sehr viel Blut geschrieben. Da scheint die ebenso plötzliche wie heftige Zuneigung fast ein wenig verdächtig.

1-IMG_3623„Schreib das nicht auf,“ , grinst Jennie, „aber es ist fast eine Liebesbeziehung mit den Briten. Wir Iren sind plötzlich extrem beliebt und umgekehrt.“ Und dann zählt sie all die Stars und Promis auf, die Comedians, Sportler, Schauspieler und Fernsehmoderatoren, die aus Irland kommen, irischer Abstammung sind oder irgendwann mal ein grünes Hemd getragen haben, und von denen mir nur noch Chat-Show-Gastgeber Graham Norton in Erinnerung geblieben ist, weil ich seine Sendung mag.

Also alles humpty dumpty? Ja, sagt Jennie: „Niemand vergisst, was passiert ist. Das geht auch gar nicht. Aber wir schauen nach vorn. Und es funktioniert.“

Genau das ist das eigentlich Erstaunliche: Es funktioniert. Zumindest manchmal, zumindest hier. Nur weil zwei Seiten sich besonnen, und einen Vertrag unterzeichnet haben.

Na dann, Slàinthe Mhath!

Zum ersten Teil von Karneval an der Themse geht’s hier lang…

 

2 Gedanken zu „Karneval an der Themse, Teil 2: St. Patrick’s Day

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