Reinhören: Neues von Noah

noah-movie-poster1„Noah, Was hat er gesagt?“

„Er will die Welt vernichten!“

(Musik: Wuchtiger Trommelwirbel, dramatische Hörner, unterlegt mit schicksalsschweren Streichern).

Sintflut – ein Thema, wie es Hollywood liebt: Bärtige Männer, die sich gegenseitig an die Gurgel gehen, eine Story mit Weltuntergang und Happy End (zumindest für den Helden, wenn auch nicht für den Rest der Schöpfung), und deren Copyright praktischer Weise lang abgelaufen ist. Wunder nur, dass nicht Mr. Apocalypso selbst das Ding gedreht hat, der ansonsten doch unvermeidliche Roland Emmerich.

NOAH heißt der Film, und so subtil wie der Titel dürfte das sein, was man ab heute im Kino zu sehen bekommt (zum Trailer geht’s hier). Viel Wasser wird es geben, kernige Dialoge á la „es liegt in Deinen Händen, Noah!“, und noch hölzerner als Hauptdarsteller Russel Crowe wird vermutlich nur einer sein: die Arche. Die Arche kennen wir alle seit Kindertagen: Ein großes, fensterloses Boot, in dem die Tiere untergebracht sind, mit einem Haus oben drauf, in der Noahs Familie auf hoher See das göttliche Donnerwetter abwartet. Wirklich?

Irving Finkel hat sich vorgenommen, zur Premiere des Films zu gehen. „Ich hoffe, in der ersten Reihe zu sitzen. Vielleicht werde ich in der Mitte des Films aufstehen müssen, das Pocorn vom Anzug bürsten und mich ans Publikum wenden: Sorry, aber da ist etwas, das ich Ihnen sagen muss…“

Irving Finkels Augen funkeln vergnügt hinter seiner Harry Potter-Brille. Der Altertumskundler sieht selbst aus wie einem Hollywoodfilm entsprungen: Mit seinen schlohweißen langen Haaren und dem ebenso langen Bart könnte er wahlweise auf der Besetzungsliste von Die Zehn Gebote oder Jäger des verlorenen Schatzes stehen.

Irving Finkel1 Kopie

(c) 2014 Martin Herzog

So sitzt er in seinem dunklen, mit Büchern und Zeitschriften vollgestopften Büro irgendwo in den Eingeweiden des British Museum, und hält eine Tontafel in der Hand. Die ist nicht eben eindruck-heischend: klein, rotbraun, von Form und Größe erstaunlich ähnlich einem modernen Smartphone. „Das ist ein gutes Konzept, denn es passt bequem in die Hand, wie ein Mobiltelefon. Das ist kein Zufall, es ist die ideale Größe, um darauf zu schreiben und zu lesen.“

Wie im Hollywoodfilm kam auch die Tontafel ans Tageslicht: Ein Besucher sei eines Tages mit einer großen Tüte im British Museum erschienen, aus der allerlei zum Vorschein kam. Das sei an sich nichts Ungewöhnliches, das komme öfter mal vor. Ungewöhnlich aber war die kleine, in enger Keilschrift beschriebene Tontafel: „Ich habe die Ersten Worte gelesen: ‚Wand Wand, Schilfwand‘, und ich hab’s fast fallen lassen, denn das ist das untrügliche Zeichen für die Sintflut-Geschichte, die berühmteste Rede in Keilschrift. Jeder liest das als Student: Der Moment, als es durch die Wand flüstert, um Athrahasis die Nachricht zu bringen. Ich sagte nur: Oh Gott! Das ist ein Teil der Sintflut-Story! Das muss ich lesen!“

Athrahasis, nicht Noah, heißt der Held im babylonischen Gilgamesch-Epos. Den hatte Mitte des 19. Jahrhunderts George Smith entziffert, ein früher Vorgänger von Irving Finkel im British Museum. Seitdem war klar, dass die biblische Sintflut-Geschichte auf diesen viel älteren Mythos zurück geht.

Flood-Tablet Kopie

(c) 2014 Martin Herzog

Finkels Tafel aber ist noch älter als die bisher bekannten. Und zum ersten mal ist dort davon die Rede, dass die Tiere in Paaren auf die Arche geführt werden sollen, wie Finkel in mühsamer Detektivarbeit herausfand. Mit dem Finger fährt er über die Zeilen und zeigt mir die Stelle:

„Aber die wilden Tiere aus der Steppe… da bricht es ab… dies heißt ’shanah‘: in Paaren, ‚eleppa‘: ins Boot gingen sie… und dann muss es heißen: an Bord. Hier sind die Zeichen so beschädigt, dass man nichts lesen kann. Das ist sehr frustrierend und jeder Assyrologe wird es Dir bestätigen: Je interessanter der Text wird, desto kaputter ist er.“

Die spektakulärste Entdeckung aber machte er auf der Kehrseite der Tafel: Dort wird der Bau der Arche beschrieben. Die Grundfläche ist nicht lang gezogen, wie ein normales Boot, sondern kreisförmig – die Arche ist rund!

In kleiner Form werden im arabischen Raum und bis Indien solche Rundboote seit Jahrtausenden von Fischern benutzt. Für Irving Finkel ist die Vorstellung eines Rundbootes für Bewohner des Zweistromlandes sehr naheliegend:

„Wenn man ein Boot braucht, das dieses Wetter übersteht – die Wellen, den Wind, den Regen und Sturm, ohne zu sinken – welche Art Boot müsste es sein? Das Rundboot mit seiner Donut-artigen Form – was auch immer passiert, es dreht sich vielleicht im Kreis herum und herum, aber es würde nicht sinken. Deshalb war es für Fluss-Anrainer nur logisch anzunehmen, dass die Arche ein sehr großes Rundboot wäre.“

800px-Hogenakkal_Coracle

(c) Wikipedia

Die Tafel in seinem Büro ist eine exakte Arbeits-Kopie, das Original liegt in Raum 55, in der Babylon-Ausstellung. Jedes Mal, wenn er sie sehe, schlage sein Herz ein bißchen schneller, erzählt er auf dem Weg dorthin. Kein Wunder, er hat mehrere Jahre damit zugebracht, sie zu entziffern.

Aus Finkels Arbeit ist in ein Buch* entstanden über die Entzifferung der kleinen Tontafel, das ihm große Aufmerksamkeit beschert, und dafür gesorgt hat, dass der “stellvertretende Kurator für den Mittleren Osten” inzwischen zum Popstar des British Museum aufgestiegen ist. Kaum sind wir an der Vitrine angelangt, muss Irving für Besucherfotos posieren. Also lächelt der Altertumsforscher scheu in die Kamera.

„Ich lese gerade das Buch,“ verrät mir der fotografierende Finkel-Fan, „es ist faszinierend, dass die Arche nicht die Form hat, wie wir sie uns immer vorgestellt haben. Ich kann kaum erwarten, es zu Ende zu lesen.“

Denn nicht nur, dass die Arche rund war, steht auf der Tafel. In penibler Do-it-yourself-Detailgenauigkeit gibt sie eine Bauanleitung: Grundlage ist ein langes, in Schneckenform neben- und übereinandergelegtes Seil, das anschließend durch Spanten gestützt und durch Bitumen wasserdicht gemacht wird.

„Da wir die genauen Maße haben, kann Ich Ihnen verraten, dass der Grundriss 3600 Quadratmeter beträgt, etwa ein halbes Fußballfeld. Die Wände sind 6 Meter hoch und das Seil würde in gerader Linie von London bis Edinburgh reichen, ziemlich weit. Das Mysteriöse daran ist, dass die benötigte Seil, um ein Boot von dieser Form und Größe zu bauen – korrekt ist.“

the-ark-before-noah_544Finkel hat es von einem befreundeten Mathematiker nachrechnen lassen: Bis auf ein Prozent stimmen die Angaben überein mit der tatsächlich benötigten Materialmenge, wollte man die Arche nachbauen – was ihm ein Rätsel aufgibt: Warum in aller Welt wollten die Babylonier das bis auf die dritte Steller hinter dem Komma genau wissen? In der Sintflutgeschichte geht es schließlich um die ganz großen Dinge: Das Ende der Welt, die Strafe Gottes, ein Mann, der seine Familie in einem Boot rettet und sämtliche Tierarten gleich mit. Großes Drama, menschliche Tragödien – braucht es da eine exakte Montage-Anleitung für’s Rettungsboot?  Finkels Antwort ist ebenso verblüffend wie prosaisch:

„Ich stelle mir vor, wie eine Gruppe von Fischern einem Geschichtenerzähler zuhört. Als es um den Bau der Arche geht, fragt einer: ‚Wie groß war die Arche, dass alle Tierarten darauf passten?‘ Und der Erzähler sagt: ‚Es war das größte Schiff, das es je gab.‘ Ein anderer fragt: ‚Wie groß, und aus welchem Material war sie gemacht?‘ Und da musste sich der Geschichtenerzähler etwas einfallen lassen. Das waren Menschen, die mit Wasser, mit Booten lebten; für sie waren solche Details interessant und wichtig.“

Die Tafel ist also so etwas wie die Auto-Motor-Sport des Altertums, und das Publikum ein Haufen antiker Technik-Nerds? „Ich fürchte, genauso ist es,“ grinst Finkel. Was mal wieder zeigt, dass die Menschen zu anderen Zeiten so anders auch wieder nicht waren.

Oder ist der exakte Bauplan am Ende der Beleg dafür, dass es die Arche wirklich gegeben hat? Nicht wirklich: Computer-Simulationen haben ergeben, dass ein Rundboot dieser Größe mit diesen Mitteln aus statischen Gründen nicht machbar wäre. Diese Arche kann es so niemals gegeben haben. Aber das sei nicht wichtig, meint Altertumsforscher Finkel:

„Es kommt nicht darauf an, ob eine Arche, oder die Arche, jemals existiert hat. Es geht um die literarische Kraft und die Grundwahrheit , dass all die Strukturen, die wir haben, all die Städte, die Macht, all diese Dinge, die wir für so furchtbar wichtig halten, durch die Naturgewalten in einem einzigen Moment ausgelöscht werden können. Das sollte man nie vergessen, denn in der modernen Weltversuchen die Menschen dieses Gefühl ebenso zu unterdrücken, wie in Babylonien.“

Der Beitrag Neues von Noah ist am 3. April 2014 bei Leonardo auf WDR 5 zu hören (Beginn: 16:05 Uhr)

*Finkel, Irving: The Ark before Noah – decoding the story of the flood, Hodder & Stoughton Ldt, London2014

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s