Things to do (when in London): Im Dampfmuseum

1-IMG_3674-001 Titanic-Dokus. Die vor allem, berichtet Mike stolz. Im Maschinenraum des todgeweihten Ozeanriesen habe eine Dampfmaschine vom einem ähnlichen Typ gearbeitet. Deshalb komme Number 6 in fast jeder Titanic-Dokumentation vor. Auch für Fernseh- und Spielfilme werde das Museum gern gebucht.

Wir stehen auf der obersten von drei Etagen an der stillgelegten Maschine Number 7. Mike, unser Führer durch die Welt der  Inverted Vertical Triple-Expansion Steam Engine erklärt gerade, wie an jeder Maschine rund um die Uhr mehrere Techniker herum sausten und an diversen Stellrädchen drehten, um dafür zu sorgen, dass die Räder und Kolben, Pleuel und Ventile immer gut geschmiert waren. Auf der gegenüber liegenden Seite der Halle schnauft Number 6 vor sich hin, die weltweit größte Dampfmaschine dieser Art, die noch in Betrieb ist.

1-IMG_3680-001Ein, zwei mal im Monat, an den Steaming Weekends, werfen die Enthusiasten des Museumsvereins die drei Schwungräder an, eine halbe Stunde lang immer zur vollen Stunde. Dann kann man beobachten, wie sich die mächtigen Pleuelstangen auf und nieder schieben, hören, wie es dampft und pfeifft, und dabei zuschauen, wie Herrn im weißen Overall und mit meist weißem Helm auf dem ebenso weißen Haupt geschäftig und mit ernster Mine drumherum wuseln.

Heute muss niemand mehr im Keller Kohlen schaufeln, um Number 6 ans Laufen zu bringen, heute treibt die Maschine aber auch nichts mehr an. 1-IMG_3673-001Als sie in Betrieb genommen wurde, war die Pumpstation eine lokale Pioniertat: Zum ersten mal war es für viele Londoner Haushalte möglich, sauberes – und bezahlbares – Wasser aus der Leitung zu beziehen. Von den 1920ern an pumpten die beiden Maschinen Wasser aus den großen Reservoirs unterhalb des Flughafens Heathrow im Westen nach Nordlondon. Das Wasser stammte aus der Themse, bevor sie nach London hinein floss und zur ungenießbaren Kloake verkam. Von hier aus pumpten die beiden Dampfmaschinen, zusammen mit den zwei später installierten Dampfturbinen insgesamt 68 Millionen Gallonen Wasser pro Tag (was sich in nicht mehr ganz so eindrucksvolle 310.000 Kubikmeter umrechnet – da bleiben wir lieber bei den imperialen Maßen, die machen in diesem Fall mehr her). Bis 1980 (!) taten die Maschinen ihren Dienst, und das rund um die Uhr.

Mike lässt wenig Zweifel aufkommen an seiner Geringschätzung für die Dampfturbinen amerikanischer Bauart, 1-IMG_3758die ganz unten in der Halle stehen und im neben den mächtigen, 20 Meter hoch aufragenden, 800 Tonnen schweren Dampfmaschinen vergleichsweise unscheinbar daherkommen. Für ihn ist das offenbar neumodischer Kram, längst nicht so effizient wie die großen Maschinen englischer Bauart, längst nicht so zuverlässig, und längst nicht so solide: „This here,“ sagt Mike und patscht mit der flachen Hand auf einen der drei riesigen Zylinder, „this is the real thing. Built for eternity. No flimsy stuff.“

Das mit dem no flimsy stuff wird er während unserer einstündigen Tour durch die Welt der Dampfmaschine noch mehrmals sagen. Damals habe man noch auf Qualität geachtet und sei stolz auf die eigene Ingenieurskunst gewesen, nicht nur beim Bau von solchen Großmaschinen, sondern auch bei ihrem Betrieb.

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Zum Beleg verweist er auf die Handläufe der Treppengerüste um die Maschinen. Solange die in Dauer-Betrieb waren, seien sie auf Hochglanz poliert gewesen.

Jenseits von Funktionalität habe man stets darauf geachtet, dass alles Tip Top gepflegt sei. Und es ist erstaunlich: Das Gebäude ist viel sauberer, als man das von einem Dampfmaschinenraum erwarten würde: Durch hohe Fenster fällt das Tageslicht auf blütenweiß gekachelte Wände, die Holzdecke stammt von kanadischer Eiche, und ist immer noch das Original, wie unser Führer betont.

1-IMG_3658Das liegt daran, dass vom dreckigen Kohleruß der Kesselanlage nebenan nichts hierher gedrungen ist. die notwendige Kohle zur Dampferzeugung – immerhin 13 Tonen pro Tag – wurde mit einer Schmalspur-Eisenbahn von den Transportschiffen auf der nahe gelegenen Themse hierher geschafft. Vor dem Museums-Parkplatz fährt die Original-Lokomotive von damals Besucher im Kreis herum.

1-IMG_3666-001Das soll sich irgendwann ändern: Der Förderverein will die alten Gleise instandsetzen, dann wäre die Strecke wieder ein paar Kilometer lang, anstatt 500 Meter wie jetzt, erklärt mir die Ticket-Verkäuferin. Für den Betreiber-Verein ist das natürlich eine Mammutaufgabe, denn wie das ganze Museum wird auch die Schmalspurbahn von ein paar Enthusiasten betrieben, technikbegeisterten Rentnern eben, nebst Ehefrauen, welche wiederum  irgendwann vermutlich seufzend eingesehen haben, dass sie besser auch mitmachen, wenn sie ihre Ehemänner am Wochenende zu Gesicht bekommen wollen, und nun den Kuchenverkauf in der kleinen Cafeteria organisieren.

Die ganze Veranstaltung hat den Charme des Amateurhaften: Viel Liebe und Engagement, sicher auch Sachverstand, aber wenig Geld und kaum Förderung. 7 Pfund Sterling kostet der Eintritt für Erwachsene, nochmal zwei für eine Fahrt mit der Bahn, wer’s mag. Davon muss das alles hier unterhalten werden. Die Zahl der Besucher ist überschaubar.

1-IMG_3632-001„Viele Londoner wissen überhaupt nicht, dass es uns gibt,“ erzählt Mike in einer ruhigen Minute. In unschöner Nähe führt eine viel befahrene Landstraße auf Stelzen am Museum vorbei. Nicht mal ein Hinweisschild habe man aufstellen dürfen, weil das die Autofahrer ablenke. „Die großen kommerziellen Leuchtreklamen wenige hundert Meter weiter scheinen die Autofahrer nicht abzulenken,“ bemerkt Mike sarkastisch und zuckt mit den Schultern.

„Machen Sie bloß viele Bilder und posten Sie die auf Facebook,“ hatte mir auch die eifrige Ticket-Verkäuferin nachgerufen. „Und erzählen Sie allen, wie toll es hier gewesen ist.“

Kein Problem, wird gemacht…

Kempton Park Water Treatment Works
Snakey Lane
Hanworth, Middlesex
TW13 6XH

Telefon: 01932 765 328

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