Compte tenu de l’écart – oder: Mind the PRET!

1-IMG_4245Aah Paris! Ein paar Tage zum Ausspannen: Sonnenschein, die Seine,  Pastis in der Brasserie am Wochenmarkt nahe des Place de la Bastille, wo die Händler lauthals frisches Gemüse feilbieten, duftende Erdbeeren, zuckersüße Melonen, dicke Bündel weißen und grünen Spargels. Daneben Stände mit fangfrischem Fisch, Austern und Jakobsmuscheln, Wachteln und Enteneier, Salami aux Noisette, Hühner-Pasteten und Kaninchen-Terrinen, Ziegenfrischkäse und ziemlich-aber-so-was-von-reifen Camembert, der seine strukturelle Integrität schön verloren hat und sich fließend auf den Weg wer-weiß-wohin macht.

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Alle Fotos in diesem Artikel (c) Martin Herzog 2014

Nach dem Einkauf Picknick am Canal St. Martin mit krachend knackigem Baguette, Brie, Schinken, Tomaten, Foie de Canard, fruchtigem Rosé zum Hinterherspülen. Ein paar Franzosen schlendern vorbei und wünschen Bon Appetit.

Ach, Paris! Du bist immer noch die Welt-Kapitale des guten Lebens. Nun ja, des guten Essens zumindest. In jeder Einkaufsstraße gibt es gleich mehrere ordentliche Bäcker, ein, zwei Metzger, dazu den Traiteur, den Patissier, eine Epicerie, natürlich Brasserien, Bistros ohne Ende, Cafés und den obligatorischen Salon de Thé. Herrlich! (Um einen echten Metzger oder Bäcker zu Gesicht zu bekommen, muss man in London bisweilen ganze Tagesreisen zurücklegen)

So trollt sich der Londoner Tourist fröhlich von einem Schaufenster zum anderen, freut sich der appetitilichen Auslagen, auch wenn kein Hunger zum Kauf drängt. Und dann das! Unweit des Louvres verweigern die Beine unversehens die Arbeit angesichts dessen, was da im Blickfeld auftaucht: Eine Filiale der Sandwich-Kette PRET A MANGER!

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Englische Sandwich-Invasion unter französischem Namen

An dem Laden ist nur der Name französisch. Gegründet wurde das Unternehmen vor genau 30 Jahren in London, angeblich nach dem Vorbild französischer Traiteurs, so lässt sich zumindest dem Wikipedia-Eintrag entnehmen (von diesem angeblichen Vorbild habe ich bei meinen wenigen Besuchen dort allerdings wenig gesehen). „Praitt“ – wie der Brite sagt – gibt es in England an jeder Straßenecke, neben Costa und Starbucks und EAT und einer Reihe anderer Ketten, die mäßigen Kaffee in Pappbechern für Unterwegs verkaufen, und dazu mehr oder minder frische Sandwiches, Wraps und Muffins. Aber hier?

Ich hatte irgendwann mal gelesen, dass sich PRET A MANGER nach Frankreich ausbreitet, und das auch noch erfolgreich, aber so recht glauben konnte ich es nicht. Wie tief sind die stolzen Franzosen gesunken, dass sie sich ausgerechnet von den kulinarisch stets so verachteten Briten unter französischem Namen eine zweitklassige Semmel-Schmiede andrehen lassen, die zu allem Überfluss auch noch seit geraumer Zeit zu dem Bouletten-Imperium mit dem schottischen Namen gehört?

Und es ist nicht etwa so, dass die britischen Stullen in der französischen Hauptstadt ein Nischen-Dasein führten, sozusagen als exotisches Kuriosum, wie das bei den ein, zwei deutschen Läden der Fall ist, die es hier natürlich auch gibt. Nachdem die ersten beiden Versuchs-Filialen 2012 überraschend gut liefen, kamen schnell zwei weitere Läden hinzu, dann noch mal sechs, so dass sich inzwischen 10 Läden über Paris verteilen. Das Geschäft mit dem belegten Labber-Toast geht so gut, dass der Praitt-Chef sogar angedroht hat, 50 weitere Filialen zu eröffnen.

1-IMG_4319Wenn es wenigstens Fish & Chips wären, oder Cornish Pasty, oder von mir aus schottischer Haggis, in dessen Genuss die Franzosen eingeführt würden. Aber nein, ordinäre Sandwiches, an denen sich nichts verändert oder gar verbessert hat, seit der legendäre Earl of Sandwich zwei Scheiben Brot zum gereichten Schinken orderte, auf dass er sein Bridge-Spiel nicht unterbrechen musste, und seine Karten nicht einsaue. Mehr ist an einem Sandwich nicht dran, und mehr ist nicht darüber zu wissen. Wieso brauchen die Franzosen dafür die Briten? Wie Obelix zu Recht sagen würde: Die spinnen, die Gallier!

Schon jetzt geraten Franzosen ins Hintertreffen. Auch wenn die gern wiederholte Behauptung des Londoner Bürgermeisters Boris Johnson schlichtweg falsch ist, London habe mittlerweile mehr Sterne-Restaurants aufzubieten als Paris (85 gegen 61 listet der aktuelle Michelin-Führer auf), so holt die britische Hauptstadt mächtig auf gegenüber den französischen Platzhirschen. Das ist ja auch begrüßenswert und angesichts der bis vor kurzem hier herrschenden kulinarischen Einöde dringend geboten. Aber es ist schon eine Ironie, dass französische Spitzenköche liebend gern auf die Insel kommen, um englischen Geschmacksknospen auf die Sprünge zu helfen, und dass deren Besitzer sich damit revanchieren, dass sie die französische Hauptstadt mit mäßigem Kaffee und knatsch-weichen Butterbroten überschwemmen.

Kommt die Meldung vom Wochenende hinzu, dass London nun auch noch Paris überholt hat als weltgrößter Touristenmagnet. In den üblichen nationalen Stolz mischt sich dabei unverhohlene Genugtuung darüber, dass man den Titel ausgerechnet den Franzosen abgetrotzt hat.

Natürlich: it takes two to tango. Niemand zwingt die Franzosen unter Androhung von Gewalt in die PRET-Läden. Offenbar finden sie dort etwas, was sie in der französischen Küche nicht finden. Nur, was das sein könnte, will sich mir nicht erschließen. Und ich will’s auch gar nicht herausfinden.

Ach Paris!

3 Gedanken zu „Compte tenu de l’écart – oder: Mind the PRET!

  1. Ist es denn überhaupt erwiesen, ob die britischen Touristen in den französischen Futterkrippen-Filialen nicht ganz unter sich bleiben? Amerikaner fühlen sich ja anscheinend auch im Ausland in den Burgerketten und Starbucks pudelwohl. Da werden sie dann nicht mit Unbekanntem überrascht.😉 „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“

    • Wenn’s denn nur so wäre! Wie man hört, mögen die Franzosen das Zeug tatsächlich. Natürlich hast Du recht: Viele Menschen fahren gern in die Fremde, um dort bloß nichts Neues zu erleben, sondern genau das gleiche zu essen wie zuhaus – das betrifft übrigens nicht nur amerikanische Kulturbanausen, das kann man auch sehr schön bei Herman ze German in London beobachten, wo am Wochenende deutsche Touristen Schlange stehen, um Currywurst zu essen. Aber ich fürchte, die Zahl der PRET-Filialen in Paris ist schon jetzt zu hoch als dass sich das allein mit britischen Touris erklären ließe…

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