Reinschauen: Eine Ikone wird 60

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sofern nicht anders gekennzeichnet, alle Fotos in diesem Artikel (c) Martin Herzog 2014

London ohne rote Doppeldecker-Busse, das ist wie… wie…, na, wie London ohne rote Doppeldecker-Busse eben. Über 6000 davon bevölkern die Straßen und befördern täglich sechseinhalb Millionen Passagiere – das ist doppelt so viel wie die Zahl der Tube-Reisenden, und die Hälfte des Busverkehrs ganz Englands!

Aber nicht alle Doppeldeckerbusse sind gleich. Das Original ist der Routemaster, und der feiert Jubiläum. Londons Bürgermeister Boris Johnson hat deshalb das Jahr des Busses ausgerufen. 60 Jahre nach seinem Dienstantritt fahren immer noch einige wenige der alten Arbeitspferde im ganz normalen Liniendienst auf Londons Straßen, auf den sogenannten Heritage-Linien.

10 Uhr morgens: Schichtbeginn für Linie 9, eine von zwei Routen, auf denen noch eine Hand voll Original-Routemaster-Busse seinen regulären Dienst tut. Im 15 Minuten-Takt pendelt der Jubilar zwischen Trafalgar Square und dem noblen Stadtteil Kensington hin und her (Die andere ist die Linie 15 von Trafalgar Square bis Tower Hill).

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Seit 9 Jahren arbeitet Schaffner Stafford Williams auf dem Routemaster. Seine Jobbeschreibung: an der hinteren Plattform stehen und aufpassen, dass sich niemand beim Ein- und Aussteigen die Gräten bricht, Tickets kontrollieren, freundlich sein, und die nächsten Haltestellen ausrufen – gern auch verbunden mit praktischen Hinweisen, wie dem Ratschlag beim Halt am Kaufhaus Harrods, zunächst eine Bohrmaschine zu erwerben, um schon mal das Loch in der Kreditkarte vorzubohren „Der Schaffner alter Schule musste jede einzelne Haltestelle kennen, egal auf welcher Route er gerade fuhr,“ erzählt Stafford, „besonders für die ältere Generation ist es schön, wenn noch jemand die Haltestellen ausruft, denn das erinnert sie daran, wie es früher einmal war.“

Stafford liebt seine Arbeit, Stammgäste werden schon mal mit Handschlag begrüßt. In einer Stadt wie London ein eher seltener Anblick (und im Vergleich zur Tube, wo es einen Bruch der Etikette bedeutet, mit Unbekannten zu reden, schon fast skandalös).

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(c) London Transport Museum

Für Generationen von Londonern war der Routemaster weit mehr als einfach nur Transportmittel. Seit er 1954 eingeführt wurde, gehört er zur britischen Hauptstadt wie Big Ben und Tower Bridge. Wer das London Transport-Museum besucht, bekommt den Routemaster in allen möglichen Formen und Größen zu sehen, aber natürlich nur in einer Farbe.

Dass es sich dabei um das gleiche Rot handelt wie die berühmten englischen Telefonzellen und die Briefkästen der Royal Mail, ist purer Zufall, sagt Museums-Kuratorin Anna Renton. Aber die Signalfarbe hat dem Ruf natürlich auch nicht geschadet: „Der Routemaster ist zu einer Londoner Ikone geworden. Er ist leicht zu erkennen, vielleicht der bekannteste Bus der Welt, und mit Sicherheit der einzige Bus, den viele Menschen mit Namen kennen. sie wissen: Das ist der Routemaster.“

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(c) London Transport Museum

Seit den 50ern ist er aus dem Londoner Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Knapp 2900 Stück wurden gebaut, im Vergleich zu früheren Modellen in Technik und Design weit vorn, sagt Kuratorin Anna Renton: „Der Routemaster sollte so komfortabel sein wie ein privates Auto. Innen gibt es deshalb eine Heizung, sehr gute Beleuchtung, eine Federung, die die Fahrt sehr viel komfortabler machte. Die Sitze waren viel bequemer als alle früheren Bussitze. Und der Fahrer bekam eine Servolenkung. Für ihn war der Bus viel einfacher zu lenken, denn er war leichter durch die Aluminiumkarosserie.“

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Für so manchen Fahrer ist der Routemaster auch heute noch ein Traum, und nicht nur für die ältere Generation: Danni Ducheck ist nicht einmal halb so alt, wie das Schätzchen, das er lenkt. „Meine Mum hat mich im Routemaster immer mit zur Arbeit genommen, wenn wir Schulferien hatten, und ich habe dann ganz vorn gesessen und den Fahrer beobachtet,“ erzählt Dann und grinst. „Und als ich 11 war habe ich gefragt: ‚Wann darf ich den Routemaster fahren?‘ Ich liebe ihn einfach, ich könnte nicht glücklicher sein, es ist so ein großartiges Gefährt, und es zaubert nicht nur ein Lächeln auf mein Gesicht, sondern bei jedem, der mitfährt.“

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Das unverkennbare Markenzeichen des Routemasters ist natürlich die offene Platform hinten, die es ermöglicht, während der Fahrt auf- und abzuspringen – auch wenn das von den Schaffnern nicht immer gern gesehen ist. „Wir fördern das nicht unbedingt,“ sagt Stafford Williams, „einfach wegen des Unfallrisikos: Wenn der Verkehr sich sehr langsam bewegt ist das ok, aber wenn er normal fließt, kann schnell etwas passieren. Hinzu kommen immer mehr Fahrradfahrer, die man beim Abspringen schnell übersieht.“

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(c) London Transport Museum

Die hintere Plattform ist noch ein ganzes Stück älter als der Routemaster selbst. Es gibt sie seit den Tagen der frühen Pferdebusse in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, weil man nur so auf das obere Deck kam, wenn Pferde den Bus zogen. Die Plattform war schon ein Standard-Feature, als der Routemaster eingeführt wurde.

Eine Tradition, mit der London natürlich keinesfalls bricht: Seit zwei Jahren rollt der NewRoutemaster über Londons Straßen. Bürgermeister Boris machte den Routemaster-Doppeldeckerbusses 2008 erfolgreich zum Wahlkampfthema und versprach, die einstöckigen Gelenkbusse von Londons Straßen zu verbannen, die sein sozialistischer Amtsvorgänger eingeführt hatte (und die zu allem Überfluss auch noch aus Deutschland kamen – das ging natürlich gar nicht).

Die ersten New Routemaster-Busse wurden Anfang 2012 in Dienst gestellt, bis 2016 sollen es 600 werden – im Vergleich zu den knapp 2900 original Routemaster-Bussen natürlich eine überschaubare Zahl. Außen und Innen entworfen vom Star-Designer Thomas Heatherwick (von ihm stammt die abgedrehte Flammenschale der Olympischen Spiele 2012), ist er zugleich futuristisch und eine Reminiszenz an seinen Ahnherrn.

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In jedem Fall wollen Londoner auf ihren Routemaster nicht verzichten, sagt Schaffner Kayo Meredith: „Die meisten Passagiere lieben den Bus, vor allem die Tatsache, dass man immer noch auf- und abspringen kann – dafür ist der Bus schließlich gemacht. Es ist der alte Routemaster gemsicht mit dem neuen, also muss man auf und abspringen. Es gibt Dir das Gefühl, in das London vor 20 Jahren zu reisen.“

Und so ist der Neue Routemaster auf dem besten Wege, auf der Spur seines Vorgängers zu folgen – als rote Ikone Londons.

Der Beitrag Londons Doppeldecker-Busse werden 60 (Euromaxx, Deutsche Welle) ist hier zu sehen (beginnt bei etwa 9 Minuten)

 

Ein Gedanke zu „Reinschauen: Eine Ikone wird 60

  1. Jetzt bin ich aber geplättet! Seit ewigen Zeiten mal wieder in London und das erste Mal in diesem Jahrhundert, bin ich vor ein paar Tagen aus Versehen schwarz gefahren. Zum Glück wurde ich nicht erwischt, denn das hätte GBP 80 Strafe gekostet. Ich wartete einfach auf den Schaffner, aber es ließ sich keiner blicken. Daraus schloss ich dann, dass auch in London dieser Beruf ausgestorben sei. Vorsichtshalber bin ich danach immer vorn eingestiegen und habe bei Fahrerin oder Fahrer brav bezahlt. So kenne ich es ja auch aus Deutschland, wo die Schaffner längst abgeschafft sind.

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