Entscheidung in Acton

1-IMG_4549 Julian hat mich besucht. An der Haustür. Zweimal in den vergangenen Wochen. Julian ist Komponist und Dirigent. Allerdings war das nicht der Grund für seine Besuche, das habe ich nur nebenbei erfahren bei unseren Gesprächen über Politik und die anstehenden Wahlen. Denn Julian möchte gern, dass ich für ihn stimme bei der Kommunalwahl. Julian ist ein netter Typ.

„May we count on your vote then?“, hat er mich jedes mal gefragt.  Und obwohl ich immer geantwortet habe, dass ich mich nicht so intensiv mit der kommunalen Politik in Acton und Ealing auseinandergesetzt habe, wie es sich vielleicht geziemt, und ich deshalb noch nicht wüsste, ob ich überhaupt, und dann auch noch die Konservativen… schien Julian nicht sonderlich betrübt, sondern eher froh, dass irgend jemand in der Nachbarschaft überhaupt mit ihm redet, und sich dafür interessiert, was er sich mit seinen zwei Mitstreiterinnen überlegt hat für den Fall, dass sie die Labour-Mehrheit im Bürgerrat unseres Stadtteils brechen können: Einfrieren der Council Tax (kommunale Steuer) für 4 Jahre, Kampf gegen street drinking, Verbesserung der Müllabfuhr (die in der Tat ein ziemliches Desaster ist), und ähnlich brennende Themen.

1-IMG_4516So ist Julian in den Wochen vor der Wahl von Haus zu Haus gezogen, hat um Stimmen geworben und Handzettel mit dem konservativen Wahlprogramm verteilt, an diejenigen, die es interessierte. Allzu viele ist er offenbar nicht los geworden, lässt er durchblicken. Lokalpolitiker sein ist auch nicht immer ein Vergnügen. Aber Labour und Liberaldemokraten halten es ähnlich, und auch die Europahasser von UKIP (UK-Independence Party) müssen da gewesen sein, davon zeugt jedenfalls ein Flugblatt in unserem Briefkasten. War aber vielleicht auch für die Europawahl, die findet ja auch statt.

1-IMG_4497Für mich ist das alles einigermaßen spannend, schließlich bin ich Erstwähler. Zumindest hier im Vereinigten Königreich. An den nationalen Abstimmungen darf ich natürlich nicht teilnehmen, aber Kommunal- und Europawahlen stehen jedem EU-Bürger offen. Also haben wir uns angemeldet, und nachdem kleinere Irritationen im Wahlregister beseitigt waren (Herkunftsland: Gambia stand auf dem Bescheid – da ist einem Sachbearbeiter wohl das Pull-Down-Menü verrutscht), lag vor ein paar Wochen auch die Wahlbenachrichtigung im in der Post, inklusive kleinem Stadtplan und Wegbeschreibung zur Polling Station, vulgo: Wahllokal.

Das findet sich am Donnerstag Abend gleich um die Ecke im Gemeinderaum der örtlichen St. Martin’s Church. Als wir um kurz nach dem Abendessen die Räume betreten, herrscht doch einiger Betrieb. Wir sind also nicht die einzigen, die nach Feierabend unserem Bürgerrecht fröhnen. Die Wahllokale hier sind bis 22 Uhr geöffnet.

1-IMG_4523Drinnen sieht alles aus, wie man’s kennt: Vorne Tische, wo ein Wahlhelfer die Wahlkarten entgegennimmt und registriert, eine Wahlhelferin, die die Wahlzettel austeilt, und eine weitere Wahlhelferin, die die Wahlurnen bewacht. Hinten die Wahlkabinen. So weit, so normal. Ein wenig irritiert bin ich dennoch: Nicht eine Stimme, wie bei der Europawahl, nicht zwei, wie bei der Wahl zum Bundestag, nein, drei mal darf ich auf dem Stimmzettel für den Bezirksrat von Ealing mein Kreuz machen, erklärt mir die Dame, die mir die Stimmzettel überreicht. Drei, wirklich? Dochdoch. Auf meine Frage, ob ich alle drei Stimmen auch einem einzigen Kandidaten geben kann, schaut sie etwas ratlos. Diese Frage scheint ihr noch nicht untergekommen zu sein. Mit meiner Stimme wähle ich keine Partei, sagt sie, sondern die jeweiligen Kandidaten. Da habe ich also meine Antwort. Leider passt sie nicht zur Frage (ein Phänomen, das mir hier schon mehrfach begegnet ist: Anstatt die eigene Unkenntnis zuzugeben, gibt man irgendeine Antwort, offenbar in der Hoffnung, den unangenehmen Fragesteller damit loszuwerden).

Wahlhelfer Nummer 1 schaltet sich ein: Nein, clustern der Stimmen sei nicht möglich. Ich müsse aber nicht alle drei Stimmen abgeben, sondern könne auch nur ein oder zwei Kandidaten ankreuzen, wenn ich wolle. Ich spare mir die Nachfrage, ob ich meine restlichen Stimmen dann für die nächste Wahl aufsparen kann, und schreite zur Wahlkabine.

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Alle Fotos in diesem Artikel (c) Martin Herzog 2014

Die Europawahl ist schnell erledigt, wobei ein Blick auf die lange Liste der angetretenen Parteien ja immer hohen Unterhaltungswert besitzt: Während in Deutschland das Spektrum von der MLPD (Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands) bis zur Partei Bibeltreuer Christen reicht, treten hier auf der Insel neben den etablierten vor allem Euroskeptiker an. Abgesehen von der notorischen UKIP sind das die English Democrats, Britain First und An Independence From Europe am rechten Rand, und auf der Linken die No2EU Partei, deren Programm mit ihrem Namen umfassend beschrieben ist, ganz im Gegensatz zur Harmony Party, die mit dem wenig harmonischen Slogan wirbt: „zero immigration, anti-EU, pro-jobs“.

Daneben verlangt die Christian Peoples Alliance eine christliche Reform der EU, was immer das sein mag, die Animal Welfare Party sorgt sich um das Wohlergehen unserer tierischen Freunde, ebenso wie Yorkshire First, die den ebenso beliebten wie berühmten Terrier… (sorry, den konnte ich mir nicht verkneifen) – und schließlich, siehe da, ist auch die Pirate Party angetreten, die zur Abwechslung nicht den Austritt aus der EU fordert, sonden nur deren rigorose Kontrolle (wen’s brennend interessiert: hier eine Übersicht der BBC zu allen 30 antretenden Parteien).

So, jetzt noch schnell die Stimmen für meine künftigen Bezirksratsvertreter. Hm. Außer Julian kenne ich keinen Kandidaten. Er war der einzige, der mir erklärt hat, was er und seine Mitstreiterinnen ändern wollen. Klang auch ganz vernünftig, soweit. Soll ich jetzt wirklich konservativ wählen? Nur weil er derjenige war, der mich an der Haustür erwischt hat? Bißchen unfair vielleicht. Hätte ich mir natürlich auch früher überlegen können. Warum habe ich mich auch nicht auf der jeweiligen Homepage der Parteien informiert, wie ich es mir jedes Mal vorgenommen hatte, nachdem Julian weitergezogen war? Egal, jetzt stehe ich hier, jetzt wird gewählt!

Die Wahlurnen-Wache schaut streng: Doppelt falten, sagt sie. Ich tu wie mir geheißen, stecke meine Wahlzettel in den jeweiligen Kasten, die Wahlurnen-Wache stochert mit einem Stocher nach, geschafft.

Samstag Morgen, ein Blick auf die Seite von Ealing Council, der Bezirksregierung: Labour hat ihre Mehrheit im Rat halten können mit einer satten Dreiviertel-Mehrheit: 53 von 69 Sitzen. Lediglich 4 gehen an die Liberaldemokraten, ganze 12 an die Konservativen. Julian ist nicht dabei, und das nach all den Mühen! Ein bißchen tut er mir jetzt leid. Aber nur ein bißchen.

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