Reinlesen: Citizen Thelwall

NPG D12546; 'Copenhagen house' by James Gillray, published by  Hannah HumphreyRadicalism? Yes, but in an orderly fashion. Entgegen landläufiger Meinung gab es auf den britischen Inseln durchaus Sympathisanten für die französische Revolution. Ihr rhetorisches Sturmgeschütz war John Thelwall, Journalist, Farmer, Schriftsteller, Historiker, politischer Aktivist, Redner und „freigesprochener Schwerverbrecher“. John Wer? Der demokratische Aktivist ist heute weitgehend vergessen. Zu Unrecht. Vor 250 Jahren wurde er in London geboren.

Seine wohl folgenreichste Rede hält John Thelwall im Oktober 1795. Damals kommen unter freiem Himmel nicht weniger als 200.000 Menschen zusammen, auf den Copenhagen Fields in London. Thelwall wettert gegen den kostspieligen und „despotischen“ Krieg gegen Frankreich und die deswegen steigenden Brotpreise. Offen liebäugelt er mit der französischen Revolution. Und selbstverständlich darf die Forderung nicht fehlen nach dem Wahlrecht für jeden erwachsenen Mann. Man stelle sich das vor: für jeden!

Wenige Tage später wird die Staatskarosse des Königs auf dem Weg zur Parlamenteröffnung von einem aufgebrachten Mob attakiert, und mit Unrat beworfen. His Majesty kommen mit dem Schrecken davon, seine Kutsche dagegen wird von wütenden Demonstranten zerlegt, als sie leer Richtung Palast zurück fährt, einzelne Teile enden als private Jagdtrophäen.

So habe es in Frankreich auch begonnen, raunt die Times: „Dort wie hier haben ein paar politische Abenteurer die erwerbstätigen Armen von ihrer Arbeit weg-, und auf die Felder der Volksverhetzung gerufen, und ihren Geist mit aufrührerischen Predigten auf Gewalt eingeschworen. (…) Ein öffentliches Exempel an diesen Aufrührern scheint absolut notwendig für die Ruhe in diesem Land.“

The-Republican-Attack(1795)Premierminister William Pitt lässt sich nicht lang bitten: Innerhalb weniger Wochen presst er zwei Gesetze durchs Parlament, ein verschärftes Hochverrat-Gesetz und das Gesetz über aufrührerische Zusammenkünfte. Für ihn ist es die lang ersehnte Gelegenheit, den Umtrieben von Thelwall und Consorten Herr zu werden. Als Gagging Acts werden sie bekannt, Knebel-Paragraphen, und die Politik der englischen Regierung als „Pitt’s reign of terror“.

Nun hat John Thelwall nie zum Sturz des Königs aufgerufen, oder gar zu seiner Ermordung. Er und seine politischen Freunde sehen sich als Reformer, als Beschützer der englischen Verfassung, nicht als ihr Gegner. Doch weil sie mit jakobinischen Ideen von der Gleichheit aller Bürger sympathisieren, sind sie schnell als Vaterlandsverräter gebrandmarkt, zumal England seit zwei Jahren mit Frankreich im Krieg steht. John Thelwall wird – halb Schmähung, halb Anerkennung – als „Jakobinischer Fuchs“ bekannt. Dabei schien kaum etwas weiter entfernt für den Sohn eines kleinen Seidenhändlers denn eine Karriere als politischer Agitator oder gar Redner – was nicht nur daran lag, dass er an Asthma litt und lispelte.

Ende der 1780er Jahre kommt er in Kontakt mit verschiedenen Londoner Debattierclubs, in denen Fragen von Politik und Staat diskutiert werden. Thelwall argumentiert leidenschaftlich für politische Redefreiheit und gegen Sklaverei, und erregt mit seiner geschliffenen Rhetorik bald Aufmerksamkeit. Zum führenden Redner wächst er, als er mit 29 Jahren der London Corresponding Society beitritt, mit Ablegern in jeder größeren Stadt Englands die einflussreichste der Korrespondenz-Gesellschaften (ihre Mitglieder tauschen sich hauptsächlich in Briefform miteinander aus).

NPG 2163; John Thelwall attributed to John HazlittÄußerlich schmächtig, mit schmalen Schultern, Sprachfehler und kurzem Atem, gewinnt er seine Zuhörerschaft durch seine theatralische Art. Thelwall redet nicht, er rast – was nicht jedem gefällt: „Er zetert wie ein methodistischer Pfaffe; nicht der eiferndste Schauspieler in der eiferndsten Rolle hat je so viel Lärm gemacht wie Bürger Thelwall,“ spottet ein Zeitgenosse.

Sein Publikum aber ist begeistert. Bald lockt er zwei mal pro Woche 500 bis 600 zahlende Zuhörer in seine Vortragshalle am Londoner Strand – darunter auch Regierungsagenten, die routinemäßig die Gesellschaften unterwandern: „Er frohlockte, dass Tyrannei und Despotismus in ganz Europa kurz vor dem Verfall stünden, dass der Totengräber schon an die Tür klopfe und der Sarg bereits maßgefertigt sei,“ notiert im Frühjahr 1794 ein Staatsspitzel. Ist der Sarg etwa für George III. bestimmt?

Wenig später jedenfalls wird John Thelwall festgenommen. Der Vorwurf gegen ihn und zwei weitere prominente Mitglieder der London Corresponding Society: Hochverrat. Während er im Tower of London auf seinen Prozess wartet, wird sein Haus durchsucht, geplündert und seine persönliche Habe konfisziert.

Die Vorwürfe gegen ihn sind selbst nach damaligen Standards einigermaßen hahnebüchen. Nach fünf Verhandlungstagen wird Thelwall freigesprochen, und zum Ärger der Regierung beginnt Thelwall bald wieder mit seinen Vorträgen. Als schließlich die Kutsche des Königs attackiert wird, ist für die Regierung Pitt das Maß voll und die Gelegenheit da, ihre Antiterror-Gesetze durch‘s Parlament zu drücken: einen verschärften Hochverrats-Paragraphen und die faktische Abschaffung der Versammlungsfreiheit.

Nun will es Thellwall wissen. Er beginnt eine Vorlesungs-Reihe unter dem Motto: „Vorträge in strikter Übereinstimmung mit Mister Pitts Versammlungs-Gesetz“. Die tragen Titel wie „Kritik an Korruption und Pfaffenwirtschaft, die zum Fall Roms führten, mit Beispielen aus der Geschichte sämtlicher Nationen, ausgenommen dieses Königreichs, über welches (einzig und allein) es heute rechtswidrig ist, zu lehren.“ – Thelwall löckt wider den Stachel, und es bereitet ihm Vergnügen.

thelwall-public-characters1796 beginnt er eine Vorlesetournee durch das Land. Bis zu 5000 Zuhörer zieht er an. Doch auch in der Provinz ist Thelwall nicht sicher vor den Spitzeln der Regierung. Regelmäßig werden seine Vorträge von gekauften Schlägertrupps gesprengt, und bei einer Gelegenheit muss er sich den Weg mit vorgehaltener Pistole erzwingen: In Yarmouth an der Ostküste stürmen Matrosen das Podium, um ihn auf das Schiff zu schleppen und zum Zwangskadetten seiner Majestät zu machen.

Irgendwann wird es Thelwall doch zu viel. Gesundheitlich ohnehin fragil, haben ihm die miserablen Haftbedingungen im Tower noch einmal zugesetzt. Gerade Anfang dreißig, zieht er sich aufs Land zurück. Als er einige Zeit später nach London zurückkehrt, lässt er sich als selbsternannter Professor für Sprechtherapie und Rhetorik nieder, politisch hält er sich zurück. Die korrespondierenden Gesellschaften sind verboten oder spielen keine Rolle mehr. Pitt hat die Reformbewegung Englands erfolgreich geknebelt.

Heute ist John Thelwall weitgehend vergessen. Doch er bleibt ein herausragendes Beispiel dafür, dass die demokratischen Rechte, die uns heute so selbstverständlich erscheinen, erkämpft werden mussten, und immer wieder neu verteidigt werden müssen – gegen einen Staat, der stets nach Gründen sucht, diese Freiheiten einzuschränken. Als John Thelwall wegen Hochverrats vor Gericht stand, hatte Premier Pitt bereits eine Liste weiteren Haftbefehlen in der Tasche für den Fall, dass er verurteilt wird. 200 Namen standen darauf.

Der vollständige Artikel „Wir sind das Volk!“ erscheint am 10. Juli 2014 in der Zeit. Zur Online-Version geht es hier…

 

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