Reinschauen: Luxus-Globen für die Welt

Bildschirmfoto 2014-07-16 um 21.46.40Von Geographielehrern abgesehen, braucht heute kein Mensch einen Globus, und schon gar keinen teuren, handgefertigten. Doch Peter Bellerby kann über mangelnde Nachfrage nicht klagen, im Gegenteil: Seine Londoner Globus-Manufaktur kommt mit der Produktion kaum nach, und die ist aufwendig. Seine teuersten Edel-Kugeln verkaufen sich für den Preis eines Luxusklasse-Automobils. Vom Navigationswerkzeug zum Prestige-Objekt – in Zeiten von Satellitennavigation und allgegenwärtigen Map-Apps kehrt Bellerby zur handwerklich ebenso perfekten wie präzisen Weltkugel zurück.

„Globen haben mich schon in der Schule begleitet,“ sagt Peter Bellerby. „Mich haben sie immer fasziniert, ich hatte Geografie und Physik im Abitur, und mich immer für die Welt um mich herum interessiert.“

Bildschirmfoto 2014-07-16 um 21.49.30Die Welt ist seine Welt: In seinem Atelier in Stoke Newington im Londoner Norden fertigt Peter Bellerby seit sechs Jahren maßgeschneiderte Globen. Angefangen hat alles mit der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für seinen Vater, erzählt Peter: „Ich habe mich umgeschaut, aber nur Globen aus Plastik gefunden, die zwar sehr funktional waren, aber nicht schön, sowie antike Globen auf Auktionen. Da wurden Globen mit zwanzig Zentimeter Durchmesser für zehntausende Pfund verkauft. So bin ich auf die Idee gekommen, Selbst einen Globus zu machen.“

Doch was als netter Einfall gedacht war, entwickelte sich bald zur fixen… Geschäftsidee. Der erste Globus kostete ihn 18 Monate – und 216.000 Euro – „vermutlich der teuerste Globus, der je hergestellt wurde“, grinst Bellerby. „Er hat mir zahllose Probleme bereitet, die ich in dieser Zeit lösen musste.“

Bildschirmfoto 2014-07-16 um 21.48.39Da war zum einen das Kartenmaterial, das zwar als digitaler Datensatz zu kaufen war, aber oft ungenau oder schlicht falsch, und das er in mühsamer Kleinarbeit korrigieren musste. Dann das zweidimensionale Papier, das feucht auf eine dreidimensionale Kugel aufgebracht werden  muss, und akkurat aneinanderpassen soll.

200 perfekte Globen verlassen Peter Bellerbys Londoner Manufaktur pro Jahr, alle handgefertigt und handbemalt. Bis zu 5 Lagen Wasserfarbe trägt Koloristin Isis Linguanotto jeweils auf: „Wir kolorieren viel vor dem Aufkleben, all die Streifen, die auf den Globus kommen, müssen deshalb die exakt gleiche Farbe haben. Die andere Schwierigkeit ist: wenn wir anschließend kolorieren, dann malen wir auf einer Krümmung. Und das mit Wasserfarbe, die Tropfen verlaufen Kreuz und Quer.“

Solches Kunsthandwerk hat natürlich seinen Preis: Die kleinen Globen gibt’s ab 1200 Euro, die größeren von Viereinhalb- bis 64.000 Euro. Aufwendiger noch als Erdgloben sind Himmelsgloben. Ein besonders edler ist für einen Londoner Geschäftsmann bestimmt. Heute will Peter Bellerby ihn ausliefern.

Die Kunst der Globenmanufaktur entstand vor einem halben Jahrtausend, und es ist vielleicht kein Zufall, dass sie gerade in London erneut erblüht: Hier verläuft der Nullmeridian, mitten durch das Royal Observatory in Greenwich. Er teilt die Welt in eine westliche und eine östliche Hemisphäre – heute eine Touristenattraktion. Für die Seefahrerernation der Briten war korrektes Kartenmaterial überlebenswichtig.

Bildschirmfoto 2014-07-16 um 21.46.00Das Royal Maritime Museum unterhält deshalb eine der größten und wertvollsten Globensammlungen: 350 historische Weltkugeln liegen versteckt in einem Lagerhaus in dunklen Regalen, geschützt vor schädlichem Sonnenlicht. Nur ab und zu werden sie für Ausstellungen hervorgeholt. Kurator Richard Dunn führt uns zum wertvollsten Stück der Sammlung, den Mercator Globus von 1541: „Dies ist ein äußerst bedeutender Globus. Gerhard Mercator ist dieser Gigant der Kartographie. Dieser Globus setzt im 16. Jahrhundert den Standard für die Globus-Produktion. Zudem hilft er uns die Geschichte von Navigation und Entdeckungen zu verstehen und wie die Menschen die Welt verstanden.“

Doch schon damals ging es nie nur um den reinen Zweck, sondern immer auch um Prestige und Luxus: „Wenn man sich einige unserer großen Globen ansieht aus dem 17., 18. Jahrhundert, dann haben sie wunderschöne Stative aus hochwertigem, teurem Holz, und die handwerkliche Kunst der Karten ist erstaunlich. Viele, viele Arbeitsstunden stecken da drin, sehr teuer.“

Bildschirmfoto 2014-07-16 um 21.50.26Für David Yates ist heute ein besonderer Tag. Der Vorstandsvorsitzende einer großen Londoner Firma für elektronischen Zahlungsverkehr hat seinen Himmelsglobus zusammen mit einem Erdglobus bestellt. Der ziert schon länger sein Wohnzimmer. Doch die Wartezeit habe sich gelohnt: „Ich habe mich im Internet nach einem Globus umgeschaut, jahrelang, und schließlich entdeckt, dass Peter sie herstellt. Ich war völlig hingerissen von der Idee, denn etwas so Persönliches und Schönes zu entwerfen wie das hier, ist großartig. Es ist einfach ein wunderbares Kunstwerk, aber auch große Handwerkskunst.“

Bildschirmfoto 2014-07-16 um 21.49.04In Zeiten von Google Maps und Satelliten-Navigation “braucht” natürlich niemand seine Globen, aber darum geht es nicht, sagt Peter Bellerby. „Google Maps und digitale Karten sind toll, ich nutze sie jeden Tag. Sie sind fantastisch, um von A nach B zu gelangen. Ein Globus aber inspiriert Dich dazu, von A nach B zu wollen. Denn Du siehst die Welt als Ganzes.“

Der Beitrag Luxus-Globen aus London ist zu sehen in der Sendung Euromaxx der Deutschen Welle (DW) vom 23.7.2014; hier geht es zur deutschen Version, und hier zur englischen…

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