Reinschauen: Im Taxi durch London

Bildschirmfoto 2014-07-16 um 13.52.41London im Taxi? Klar, aber schwarz muss es sein! Black Cabs heißen die Mietdroschken in der Hauptstadt des Königreichs, und ihre Fahrer bezeichnen sich als Cabbies. Knapp zwei Millionen Fahrgäste kutschieren sie pro Woche durch London. Und die meisten Cabbies sind weit mehr als nur Chauffeure: Fahrer, Unterhalter und Stadtführer in Personalunion.

Jeff Thomas ist ein typischer Londoner Cabbie: gemütlich, jovial und mitteilsam. Wie für seine Kollegen, ist Taxifahren für ihn nicht einfach ein Job, sondern ein stolzer Beruf. Über 30 Jahre lang fuhr Jeff als Polizeibeamter der Londoner Met alles, was Räder hatte. Vor 8 Jahren dann wurde aus dem Cop ein Cabbie – und wie die meisten seiner Kollegen, weiß Jeff eine ganze Menge mehr von London als nur den Weg von A nach B, wie wir bald nach unserer Abfahrt am Buckingham Palace feststellen:

Bildschirmfoto 2014-08-07 um 11.27.42„Wenn wir die Mall einbiegen, achtet mal darauf, wie breit die ist. Im Zweiten Weltkrieg konnten hier Flugzeuge starten und landen. Die Ampeln und Straßenschilder konnten weg geräumt werden.“

Kurz darauf biegt Jeff in der Nähe von Victoria Station in eine unscheinbare Seitenstraße ein: „Dieses kleine Hotel hier ist das Goring Hotel, das mit den Flaggen. Hier hat Kate Middleton die Nacht verbracht, bevor sie Prinz William geheiratet hat, gleich um die Ecke vom Buckingham Palace.“

Bildschirmfoto 2014-08-07 um 11.20.15Wie jeder Cabbie weiß Jeff Thomas auch, wo die berühmten Gentlemen‘s Clubs zu finden sind, im Viertel St. James‘ – auch wenn sie von außen oft nur schwer zu unterscheiden sind: „In den letzten paar Jahren haben sie alle Namensschilder abgenommen von den Gentlemen‘s Clubs, weil sie sagen, wenn Du Mitglied des Clubs bist, dann weißt Du, wo er ist, dann muss man dir das nicht sagen. Sie wollen keine Werbung dafür machen.“

Der Preis für eine Fahrt im Londoner Black Cab liegt im internationalen Vergleich im Mittelfeld – dafür ist man oft auch länger unterwegs als anderswo: Die Durchschnittsgeschwindigkeit in der Londoner Innenstadt liegt tagsüber irgendwo bei 15-20 Kilometern pro Stunde: „Die Stadt London will ab nächstem Monat ein generelles Tempolimit einführen von 30 Kilometern pro Stunde. Und wir machen schon Witze: Was, man kann hier 30 fahren? Das geht doch gar nicht!“

Bildschirmfoto 2014-08-07 um 12.20.31Teepause an einem historischen Cabmen Shelter. Die grünen Häuschen dienen den Cabbies heute als Oasen mitten im Londoner Trubel und Zuflucht vor den gefürchteten Politessen: „Die Cab Shelter kamen im 19. Jahrhundert auf, damit die Jungs mal aus ihrem Taxi kamen – denn sie saßen im Freien und waren den Elementen ausgesetzt. Und hier konnten sie sich aufwärmen.“

Die Geschichte der Londoner Taxis geht über 300 Jahre zurück. Damals wurden Cabbies erstmals lizensiert. Auch nach ihrer Motorisierung im 20. Jahrhundert, blieben Londoner Taxis schwarz. Die Black Cabs wurden zur unverwechselbaren Ikone.

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(c) Wikipedia

Seit der großen Londoner Industrie-Ausstellung von 1852 müssen Cabbies ihre Orts-Kenntnisse in einer Prüfung unter Beweis stellen, erklärt stolz Beresford Francis, Jeffs Kollege am Taxistand : „Nach der Ausstellung mussten die Würdenträger nach Hause gebracht werden, aber viele Kutscher hatten keine Ahnung, wie sie fahren mussten. Die Sache landete im Parlament und so wurde The Knowledge ins Leben gerufen.“

The Knowledge – wenn Cabbies von The Knowledge sprechen, dann klingt das ähnlich ehrfurchtsvoll wie Jedi-Ritter, die von der Macht raunen, auch wenn The Knowledge etwas weniger magisch daher kommt.

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(c) London Transport Museum

Jeder angehende Black Cab-Fahrer muss sein Wissen über Londons Straßen vor einer offiziellen Kommission ablegen. Dabei handelt es sich nicht nur um einen Test, sondern um eine ganze Reihe von Prüfungen, mit steigendem Anspruch von einer Prüfung zur nächsten. Zwischen 18 Monaten und vier Jahren dauert es, bis sich die Cabbie-Kandidaten dieses Wissen draufgeschafft haben, und 70 Prozent aller Prüflinge geben im ersten Jahr auf, heißt es inoffiziell. The Knowledge umfasst dabei nicht nur Straßennamen, sondern auch U-Bahnstationen, Sehenswürdigkeiten, Theater, Hotels, Nachtclubs, sowie die wichtigsten 300 Routen innerhalb Londons. Wer das draufhat, kennt in einem 6-Meilenradius um den Trafalgar Square jede Gasse und jedes Haus, alles ohne GPS. .

Bildschirmfoto 2014-08-07 um 11.26.07Doch selbst das reicht nicht für die Taxilizenz, winkt Jeff ab: „Du brauchst eine Menge mehr: Clubs, Kneipen, Schwimmbäder, Shopping Center, Regierungsgebäude, Verkehrspunkte, wo Leute umsteigen, Taxistände natürlich – hunderttausende Punkte, die man lernen muss. Und das erstaunliche ist, wenn man The Knowledge macht: man kennt sie tatsächlich.“

Neben den 25.000 Londoner Black Cabs gibt es inzwischen  zahlreiche private Taxiunternehmen. 65.000 sogenannte Minicabs fahren auf Londons Straßen, private Fahrdienste, die nicht auf der Straße heran gewunken werden, sondern per Telefon (oder App) bestellt werden müssen. Zusammen transportieren sie 3,2 Millionen Fahrgäste pro Woche (davon 1,8 Mio Black Cabs). Viel Trubel gab es jüngst um die Taxi-App der Firma Uber. In London streikten vor einigen Wochen sogar 5000 Cabbies deshalb. Mit der App werde ihnen auf unfaire Weise das Wasser abgegraben, beschwerten sie sich. „Alles, was Du brauchst, ist ein Smartphone, ein Auto und einen Führerschein, um kommerziell Leute zu transportieren,“ regt sich Jeff auf, „keine Lizenz, keine Überprüfung, kein Nachweis von Ortskenntnis. Im Prinzip setzt Du Dich zu einem wildfremden ins Auto, die keine Ahnung haben, wo sie sind, und wo sie langfahren müssen.“

Bildschirmfoto 2014-08-07 um 12.37.24Einzigartig ist nicht nur das Wissen der Londoner Cabbies, sondern auch der bequeme und geräumige Fahrgastraum mit einigen ganz besonderen Kniffen. Zum Beispiel die schwenkparen Klappsessel gegenüber den normalen Fahrgastsitzen: „Gehbehinderte, jemand mit Rückenbeschwerden, oder alte Leute haben Probleme, ein- und auszusteigen. Dieser Drehsitz hilft ihnen dabei.,“ demonstriert Jeff, und klappt anschließend die serienmäßig eingebaute Rollstuhlrampe aus. Wenn es ein großer Rollstuhl ist, kann er auch die Sitzbank hochklappen. Sein taxi wird dann zum Kleintransporter.

„Ich hatte schon eine Waschmaschine hier drin zusammen mit einem Wäschetrockner. Da konnte jemand einem Angebot nicht widerstehen, kaufte es auf der Stelle, stand damit am Straßenrand. Ich habe die Waschmaschine eingeladen, den Trockner daneben, und sie nach Hause gefahren.“

Bildschirmfoto 2014-08-07 um 11.25.13Wenn es Abend wird, und die Nachtschwärmer London übernehmen, herrscht Rush-Hour bei den Cabbies. Auch die Reichen und Berühmten steigen gern ein bei Jeff Thomas und seinen Kollegen, und verzichten auf die eigene Luxus-Limousine. Der Grund: Mit einem Black Cab kann man prima in der Menge untertauchen. „Mit einem Promi im Wagen fahre ich dreimal um Parliament Square – und habe garantiert keinen Paparazzo mehr am Hals – so viele Blck Cabs wie da herum fahren.“ Eine ganze Reihe Stars hat sich sogar selbst eins zugelegt: Kate Moss, der Sultan von Brunei, das Königspaar von Jordanien. Sogar Prinz Phillip, der Mann der Queen, soll ein Black Cab besitzen.

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soweit nicht anders gekennzeichnet: Alle Fotos in diesem Artikel (c) Martin Herzog 2014

„Die finden es sehr bequem und ideal für ihre Zwecke, einfach einsteigen und rumfahren, ohne von Leuten belästigt zu werden: Guck mal, da ist der-und-der. Wenn Du zur A-Prominenz gehörst, ist das nicht immer lustig, weil Du dauernd bedrängt und schikaniert wirst. Einige Paparazzi sind sehr, sehr aufdringlich. Die Leute wollen einfach ihre Ruhe haben.“

So, wie jeder andere Londoner Fahrgast auch…

Der Beitrag Im Taxi durch London ist in der Kultursendung Euromaxx der Deutschen Welle zu sehen.

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