Jane Austen trifft ’12 Years a Slave‘: Die wahre Geschichte der Dido Elizabeth Belle

Lady Elizabeth Murray and Dido Belle, once attributed to Zoffany

(c) Wikipedia

Die junge Frau schaut kokett aus dem Bild heraus und lächelt verschmitzt. Nicht nur der Turban und die Schale mit exotischen Früchten in ihrem Arm weisen darauf hin, dass die Portraitierte keine gewöhnliche Adelige des 18. Jahrhunderts ist. Mit dem rechtem Zeigefinger deutet sie auf ihr dunkles Gesicht, als wolle sie sagen: Jaja, ich weiß schon, eigentlich gehöre ich hier nicht hin. Sie scheint nur zufällig in das Bild gestolpert zu sein, und nun wieder möglichst schnell hinaus zu wollen. Doch sie wird zurück gehalten von der zweiten jungen Frau im Bild, die offenbar gerade zu einem klassischen Portrait Platz genommen hat, sittsam mit Buch in der Hand.

Bei den Damen handelt es sich um Dido Elizabeth Belle, und ihre Cousine Elizabeth. Das Bild ist ungewöhnlich, in mehrerlei Hinsicht: Darstellungen farbiger Menschen gab es zahlreiche zur Entstehungszeit dieses Werkes, meist aber waren sie unten im Bild plaziert, und dann als Diener oder Untergebene abgebildet. Nie aber wurden Dunkelhäutige auf Augenhöhe mit Weißen gezeigt, und niemals schauten Sie den Betrachter an. Die Hierarchie – Oben: Weiß, Unten: Schwarz – blieb stehts gewahrt. Hier aber werden die beiden Portraitierten zum ersten Mal gleich berechtigt nebeneinander gesetzt, und mehr noch: neben der dynamischen und exotischen Schönheit Dido wirkt ihre Cousine daneben sehr brav, fast fad. Das ungewöhnliche Portait entstand in Kenwood House in Hampstead Heath, dem Landsitz von Lord Mansfield, der das Gemälde in Auftrag gab.

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(c) Martin Herzog 2014

Dido Belle kommt als Kind nach Kenwood House: die uneheliche Tochter von Maria Belle, einer Sklavin aus der Karibik, und John Lindsey, einem britischen Marine-Offizier und Neffen von Lord Mansfield. Lindsey übergibt sie seiner Obhut – ein gesellschaftlicher Skandal ersten Ranges, spätestens seit Dido zu einer jungen Frau heran wächst, und sie in die adeligen Kreise eingeführt wird: Unerhört, unglaublich, unanständig! zischt man sich in der feinen Londoner Gesellschaft zu. Das Skandalöse ist dabei nicht der für einige Zeitgenossen abstoßende Anblick einer Mulattin. Sondern die Tatsache, dass es sich nicht um eine Dienstmagd handelt, wie es sich gehört, sondern um ein offenbar gleichberechtigtes Familienmitglied. Und dann noch vermögend! Wie man hört, ist diese Person von ihrem kürzlich verstorbenen Vater mit einer ansehnlichen Rente ausgestattet worden, und damit eine gute Partie: 1000 Pfund pro Jahr erhält sie.

Verbindungen zwischen Adeligen und Sklavinnen sind nichts Ungewöhnliches in dieser Zeit – genauso wenig wie die vorhersehbaren Resultate solcher Verbindungen. Aber natürlich als amouröser Zeitvertreib. In diesem Fall aber erkennt der Vater sein Kind an. Im England des 18. Jahrhunderts ist das nicht nur ein gesellschaftliches Stigma, es ist eine Provokation. Vor allem deshalb, weil das Mischlingskind eben jene feine Gesellschaft stets daran erinnert, worauf ihr Reichtum fußt: Sklavenhandel.

1-IMG_2662Dido Belle wächst im Haus ihres Onkels Lord Mansfield auf, dem obersten Richter Englands. Der wiederum hat in seinem Amt als Chief Lord Justice in einer Reihe von Fällen zu urteilen, die den Sklavenhandel zum Gegenstand haben. Es ist die Zeit, in der die Forderungen der Abolitionisten gesellschaftlich mehrheitsfähig werden. Der bedeutendste Fall: Der Prozess um das Sklavenschiff Zong, bei dem die menschliche Ladung aus Versicherungsgründen aneinander gekettet einfach über Bord gekippt wird. Mansfield hat darüber zu befinden. Inwieweit wird die junge Mischlingsfrau in seinem Haushalt sein Urteil beeinflussen?

Stoff wie aus einem Hollywoodfilm. Weshalb sich zwar nicht Hollywood, aber immerhin das britische Schwergewicht Pinewood Pictures und das Britische Filminstitut dieses wenig bekannten historischen Stoffes angenommen, und in Form einer klassischen Liebesromanze verfilmt haben: Jane Austen trifft 12 years a Slave. Die  Handlung ist soweit vorhersehbar, hat aber dennoch deutlich mehr zu bieten als eine reine Kostüm-Schmonzette. Dieser Tage  ist der Film Dido in deutschen Kinos angelaufen, begleitet von der wohlwollenden Kritik internationaler und deutscher Medien.

Pressetermin in Kenwood House. Eine Horde Journalisten der schreibenden und sendenden Zunft ist hierher gekarrt worden, um Schauspieler, Regisseurin und Autorin in historischer Kulisse zu interviewen. Press Junket nennen sich solche Veranstaltungen. Sie sind die Lösung der Filmgesellschaften für das Lechzen der Medien nach Exklusiv-Interviews, und für alle beteiligten Parteien die Pest: Für die Journalisten, weil ihnen jeweils nur ein paar Minuten für ihre Fragen zugestanden wird. Und für die Filmschaffenden, weil ihnen im 5-Minuten-Takt zwanzig Mal hintereinander dieselben mittel-interessanten Fragen gestellt werden.

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Regisseurin Amma Asante

In diesem Fall werden uns jeweils sogar sieben Minuten Interview zugestanden. Nun, wir nehmen, was wir kriegen können. Und erfreulicher Weise sind nicht nur die gediegenen Räume von Kenwood House weit sympathischer als die öden, abgedunkelten Hotelzimmer, die normalerweise als Schauplatz solcher Interviewmarathons dienen. Amma Asante, die Regisseurin, wirkt aufgekratzt und scheint sogar an meinen Fragen interessiert (was bei solchen Gelegenheiten auch nicht immer der Fall ist). Der Film ist ein gediegenes Kostümspektakel in bester Jane Austen-Manier. Und das ist kein Zufall, „ich liebe die Jane Austen-Welt“, schwärmt sie: „Als ich eine junge Schauspielerin war, wollte ich immer in einem solchen Film mitspielen, aber es war unmöglich wegen meinser Hautfarbe. Als jemand der Geschichten erzählt, kann ich nun machen, was ich früher nie konnte.“ Sie schiebt hinterher, dass sie Jane Austen für ein frühes feministisches Genie halte, und von ihr gelernt habe, wichtige Botschaften geschickt und klug, das heißt in einer sanften Art zu übermitteln.

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Drehbuchautorin Misan Sagay

Jane Austen als feministische Vorreiterin – dazu gibt es sicher mehr als eine Meinung. Aber auch Drehbuchautorin Misan Sagay schlägt in diese Kerbe. Der Film – und damit verrät man wohl nicht zu viel – folgt nach bewährtem Muster der Geschichte vom Erwachsenwerden einer jungen Frau und den Schwierigkeiten am Heiratsmarkt des englischen Adels des 18. Jahrhunderts. Das ganze natürlich mit Happy End. Und das müsse auch so sein, sagt Misan Sagay entschieden und lacht: „Für uns Schwarze gibt es nicht allzu viele Happy Ends im Film. Wenn man ein Skript für einen Weißen schreibt, kann man sich diesen Luxus erlauben. Bei uns gibt es das selten, und deshalb wollte ich hier von Anfang an ein Happy End haben. Ich wollte nicht, dass Belle irgendwo strandet, und man sagt: Na, so spielt halt das Leben. Wenn jemand ein unglückliches Ende sehen will, dann gibt es genug andere Gelegenheiten. Nicht in meinem Film!“

So ist das eigentlich Spannende daran nicht die vorhersagbare Liebesgeschichte zwischen Dido und einem – verarmten aber natürlich aufrechten – Pastorensohn (auch wenn Regisseurin wie Autorin im Gespräch pflichtschuldigst abstreiten, dass die prachtvollen Roben und die schnulzige Liebesgeschichte das Verhikel sind, um Zuschauer ins Kino zu locken). Hoch interessant ist der Blick auf die Upper Class des späten 18. Jahrhunderts, und ihrer ganz speziellen Form des Rassismus.

lee-boo-600x505London ist zu dieser Zeit bereits eine multikulturelle Stadt. Menschen jeder Hautfarbe und Herkunft gehören im 18. Jahrhunderts zum normalen Straßenbild. Ganze Stadtteile sind afrikanisch, asiatisch, karibisch geprägt, allein 10.000 Schwarze leben in dieser Zeit in London. Aber eben als Fußvolk, als Bedienstete, nicht als Adelige. Bevor der Stadtteil Bloomsbury durch das British Museum zur besseren Gegend wurde, hatte es einen großen Anteil Schwarzer in der Bevölkerung, darunter viele Freie, sowie ehemalige Sklaven, die es bisweilen sogar zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatten. Im schäbigen Hafenviertel Rotherhithe südöstlich der Towerbridge war das geschäftige Treiben kunterbunt in jeder Hinsicht. Im allgemeinen Gewühl zwischen den Lagerhäusern traf man auf so viele Sprachen wie Menschen. Auf dem Friedhof der örtlichen Kirche liegt sogar ein Königssohn aus dem Südseestaat Palau begraben, Prinz Lee Boo, der hier ein halbes Jahr unbehelligt unter der einheimischen Bevölkerung lebte – zur gleichen Zeit, als Dido Belle ein paar Meilen weiter nördlich im noblen Kenwood House aufwuchs.

1-IMG_2644Das aber ist der eigentliche Affront: Diese junge, farbige Frau nimmt nicht den ihr bestimmten Platz ein in der Gesellschaft  – einer Gesellschaft, deren Reichtum auf Sklaverei gründet (vor allem auf den Anbau und die Verarbeitung von Rohrzucker durch Sklaven). „Es handelt sich um Rassismus aus Notwendigkeit,“ sagt Misan Sagay, „wenn Du Dein Geld damit verdienst, Schwarze mies zu behandeln, dann willst Du von diesen Menschen in anderen Zusammenhängen nicht gut denken müssen. Die Upper Class hegte ihren Rassismus, um ihren Lebensstil zu rechfertigen.“

Das ist der Clou der Geschichte von Dido Belle: Rassismus als Oberschichten-Phänomen. Während das einfache Volk offenbar einigermaßen friedlich mit Vertretern anderer Kulturen und Hautfarben auskommt, pflegen die Damen und Herren aus feinerem Hause ihre Ressentiments, weil sie sonst ihr komplettes Wirtschaftssystem infrage stellen müssten.

Im Film wie im Leben hat Dido Belles Großonkel, Chief Lord Justice Mansfield, über einen Versicherungsfall zu richten: den Prozess über das Sklavenschiff Zong, auf dem die Eigner die menschliche Ladung über Bord kippten, um die Versicherungssumme zu kassieren. Sein Urteil trug historisch maßgeblich zur entgültigen Abschaffung der Sklaverei bei. Der Film zeigt  scharf Mansfields moralische Zerissenheit zwischen ihm als Vertreter eben jener Sklavenhalter-Gesellschaft und den Gefühlen seiner Großnichte gegenüber, die ihm nach anfänglichen Vorbehalten ans Herz gewachsen ist wie seine eigene Tochter. So zeigt das Gemälde von Dido und ihrer Cousine wohl auch ein Statement seines Auftraggebers. Nicht in aller Öffentlichkeit natürlich, das wäre wohl zu viel verlangt. Es hing – und hängt – im schottischen Landsitz der Familie.

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Hauptdarstellerin Gugu-Mbatha-Raw

„Nachdem der Film abgedreht war, sind Sarah Gadon, die Elizabeth spielt, und ich dort hinauf geflogen,“ berichtet Hauptdarstellerin Gugu-Mbatha-Raw strahlend. Schon vor dem Film besaß sie eine Postkarte des Gemäldes aus dem Andeken-Shop von Kenwood House, hatte das Original aber noch nie gesehen. „Wir wollten uns das Bild zusammen anschauen – es war so eine Art Mädchen-Pilgerfahrt. Ein Mitglied der Mansfield-Familie hat uns herum geführt, und es war für mich ein sehr besonderer Moment, es zu sehen, nachdem ich Belle so viele Wochen lang verkörpert habe.“

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