Things to do (when in London): Shakespeare’s Globe Theatre

1-IMG_5791Jaja, schon richtig: Der Nachbau des Theaters neben der Tate Modern ist nicht gerade das, was man unter einem Geheimtipp fassen würde. Jeder, der schon mal gegenüber von St. Paul’s die Themse entlang gegangen ist (ich wollte flaniert schreiben, aber das wäre ein recht dreister Euphemismus bei den Menschenmassen, die sich täglich dort entlang schieben), der kennt das kreisrunde Fachwerkgebäude mit dem Reetdach.

Es wurde 1997 an der Stelle eröffnet, an der die Schauspieltruppe The Lord Chamberlain’s Men vier Jahrhunderte zuvor ihre Vorstellungen gaben. Zu ihnen gehörte ein gewisser William Shakespeare. Das rechte Themseufer war zu jener Zeit ein reichlich verrufenes, überfülltes Pflaster, das jede Art von weltlichen  Vergnügungen zu bieten hatte – von puritanische Eiferer wortreich verdammt, und von allen anderen Londoner des angehenden 17. Jahrhunderts dankbar in Anspruch genommen:

(c) Wikipedia

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zahllose Spelunken, Bordelle, Spielhöhlen, sowie natürlich Theater wie The Swan, The Rose, The Hope, und eben auch The Globe, welche sich mit ihrem mehr oder minder anspruchsvollem Programm gegen solche Attraktionen wie das allseits beliebte Bear Baiting behaupten mussten, bei dem unter allgemeinem Juchee eine Rotte wilder Ungeheuer menschlicher oder hündischer Herkunft auf einen angeketteten Bären losgelassen wurde.

1-IMG_5812Theaterleute waren folgerichtig keine umjubelten Künstler und Boten der Hochkultur, sondern hoben sich nur unwesentlich vom gesellschaftlichen Bodensatz ab, der wie von der kloakigen Themse angespült schien, ihrem stinkig-stickigen Schlick entstiegen, um sich an ihrem Südufer festzusetzen: die Halbweltler der Southbank, die Zuhälter und Kleinkriminellen, die Bettler und Kneipenwirte, die Dirnen, die Aussätzigen und Ausgestoßenen (ein ausgezeichneter Artikel über die damaligen Zustände auf der ‚Schääl Sick‘ Londons findet sich hier).

1-IMG_5752In dieser lauschigen Umgebung also wurden die größten dramatischen Werke der englischen Literatur zur Aufführung gebracht, Hamlet und Othello, Ein Sommernachtstraum und Wie es Euch gefällt. Der Chronist Thomas Platter sah hier Julius Caesar. Er beschreibt die hiesigen Theater so:

Täglich um zwei Uhr Nachmittags gibt es in London zwei, manchmal drei konkurrierende Stücke, die an verschiedenen Orten aufgeführt werden, und die besten haben die meisten Zuschauer. Die Spielhäuser sind so konstruiert, dass sie auf einer erhöhten Bühne spielen, damit jedermann eine gute Sicht hat. Allerdings gibt es Galierien und Logen, wo die Bestuhlung besser und komfortabler ist, und deshalb auch teurer… Während der Aufführung werden im Publikum Speisen und getränke serviert, damit derjenige, der dafür bezahlt, eine Erfrischung erhalte.

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sofern nciht anders gekennzeichnet: alle Fotos in diesem Artikel (c) Martin Herzog 2014

Abgesehen von den gereichten Erfrischungen während der Vorstellung, klingt die Beschreibung sehr ähnlich der Atmosphäre, die wir an diesem milden Samstag im Globe Theatre erleben. Wie damals haben wir uns zu einer Nachmittagsvorstellung eingefunden (auch wenn es – elektrifizierter Beleuchtungstechnik sei Dank – inzwischen Abendvorstellunen gibt). Kurz vor 14 Uhr füllt sich der runde Innenraum vor der Bühne. Dort, unter freiem Himmel, muss der Kulturbegeisterte schon sehr kulturbegeistert sein, denn es gibt nur Stehplätze. Bei zweieinhalb Stunden Spielzeit plus Pause nicht jedermanns Sache, auch wenn Tickets hierfür mit budgetschonenden 5 Pfund sehr attraktiv ausfallen (bei 700 Tickets in dieser Kategorie pro Vorstellung gibt es hier zudem gute Chancen, auch kurzfristig Karten zu bekommen).

1-IMG_5797Dennoch: Wir haben zum Glück Plätze auf einer der überdachten Galerien, perfekterweise genau gegenüber der Bühne – spartanische Holzbänke zwar nur, ohne Rückenlehne, aber immerhin mit passablen Sitzkissen (geliehen, 1 Pfund pro Stück), die dafür sorgen, dass das Drama nur auf der Bühne stattfindet und nicht im Bürzel. Der einzige Vorteil der Stehplätze in der Mitte: Kurz vor der Vorstellung tummeln sich die Schauspieler auf der Bühne und halten Schwätzchen mit den Zuschauern. Ob in ihrer jeweiligen Rolle, oder einfach nur so, ist nicht auszumachen.

Dann geht es los, mit handgemachter Musik und mit Gesang. Klingt erst mal nicht nach der schweren Kost, die wir erwartet haben. Kommt aber noch. Zunächst Auftritt King Lear, der keine Lust mehr auf’s Regieren hat, und sein Land und seine königlichen Pflichten gern an seine drei Töchter deligieren möchte, um sich auf sein Altenteil zurück zu ziehen. Keine unvernünftige Idee, das mit der Rente, und offensichtlich eine, der immer mehr gekrönte Häupter der Gegenwart einiges abgewinnen können, siehe  Beatrix, Benedikt, Juan Carlos (nur die hiesige Amtsinhaberin wird sich wohl weiter zieren). 1-IMG_5856Bei King Lear dürften sie es sich aber nicht abgeschaut haben. Denn nachdem er seine jüngste, aufrichtige Tochter aus purer Eitelkeit verstoßen hat, dankt es die übriggebliebene Brut ihrem Vater damit, dass sie ihm nicht einmal die 100 Ritter gönnt, die Lear sich zum eigenen Schutz ausbedungen hat (Frechheit!), was dazu führt, dass der König schließlich allein durch die Grafschaft Kent irrlichtert und dem Wahnsinn verfällt. Wer Kent kennt, weiß, dass diese Möglichkeit dort durchaus real ist…

Ansonsten aber handelt es sich  um eine ziemlich unausgegorene Geschichte aus Missverständnissen, Intrigen, Verrat, Visionen und Wahnsinn, Mord, Folter und Verstümmelung, bei der man sich fragt, mit welchen bewußtseinserweiternden Drogen Shakespeares Bill damals wohl experimentiert hat, als er sich daran machte, diese wirre Story aufzuschreiben. Egal, was es war, er hat jedenfalls zu viel oder zu wenig davon genommen, und kam damit vermutlich den diversen Variationen des im Stück dargestellten Wahnsinns näher als seine eigenen Figuren. Die wirken ziemlich unglaubwürdig und handeln allesamt wenig nachvollziehbar, allen voran der namensgebende König.

Das alles tut dem Kunst-Genuss keinen Abbruch: die Akustik ist grandios (auch wenn wegen des altertümlichen Shakespeare-Englisch das Verständnis einiger 1-IMG_5794Passagen für Nicht-Muttersprachler schwierig bleibt), die Schauspieler spielen hervorragend, die Inszenierung gerät trotz statischem Bühnenbild dynamisch bis rasant – inklusive filmreifer Schwertkampfeinlage – und das Publikum geht begeistert mit.

Lediglich die Tatsache, dass der Großteil des Theaters unbedacht ist, sorgt für Probleme: nicht, wie man vermuten könnte, weil es anfinge zu regnen, sondern im Gegenteil, weil die Sonne sticht, zusticht könnte man sagen. Theatermitarbeiter haben in weiser Voraussicht vor der Vorstellung zwar schon alberne aber zweckmäßige Papphüte im Publikum verteilt, und an jedem Ausgang stehen kostenlos Wasserflaschen bereit. Trotzdem sinken noch vor der Pause die ersten Zuschauer mit Kreislaufkollaps zusammen. Das kennt man hier offenbar, denn innerhalb von Sekunden steht jedes Mal ein Mitarbeiter mit einem Rollstuhl bereit und karrt den komatösen Kandidaten geräuscharm aus dem Rund.

1-IMG_5844Nach knapp drei Stunden senkt sich zwar kein Vorhang, aber wir wissen trotzdem, dass Schluss ist, insofern alle wichtigen Akteure tot sind – König Lear, seine drei Töchter, und auch der eine oder andere Lord. Der Applaus ist begeistert, wir auch, und nach drei imaginären Vorhängen verlassen wir die historische/historisierende Spielstätte zum Ruhme des englischen Barden, ein Loblied auf den Lippen für die Erbauer und Betreiber dieses neuen alten Theaters. Draußen empfängt uns das 21. Jahrhundert, wo wir in guter alter Southbank-Tradition zwar immer noch unsere Geldbeutel festhalten müssen, aber immerhin ist der Geruch aus der Themse deutlich angenehmer als zu seinen Zeiten, und das ist ja auch schon was.

Shakespeare’s Globe
21 New Globe Walk, Bankside
London SE1 9DT
020 7902 1400

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