Reinhören: 15 Jahre London Eye

Bewegt sich das überhaupt? Aus der Entfernung könnte man meinen, es steht. Eine halbe Stunde dauert die Runde mit dem einstmals größten Riesenrad der Welt, hinauf in 135 Meter Höhe und wieder hinunter. Nicht gerade eine Achterbahnfahrt. Na, dann mal los…

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(c) Martin Herzog 2014

Vor dem Eingang zum London Eye steht eine überschaubare Menge, und wartet auf Einlass in eine der 32 Kabinen. Zur Ferienzeit schlängeln sich die Wartenden im Zickzack der Absperrbänder schon mal einige hundert Meter, heute aber ist es entspannt.

Lautlos erheben wir uns über das südliche Themseufer, über die Hotdog-Stände, die fotografierenden Touristen und die Straßenkünstler der Southbank. Bald sind wir auf Zifferblatthöhe von Big Ben und schauen über London: „Ich genieße das, es ist jedes mal ein bisschen anders – andere Leute, anderes Wetter, die Aussicht ist anders, weil die Lichtverhältnisse andere sind. How can you be tired of London?“

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(c) Wikipedia

Julia Barfield begleitet mich. Zusammen mit ihrem Partner David Marks hat die Londonerin das Projekt Riesenrad 1993 ins Leben gerufen. Über 20 Jahre später schaut sie zufrieden auf die elegante Stahlkonstruktion, die uns in die Höhe hebt: „Wir wollten die Menschen zum Staunen bringen: Wie kann dieses Ding stehen, wieso ist es so leichtfüßig?“

Es sei aber auch darum gegangen, die die Bedeutung der Themse für die Stadt zu betonen. „Heute flanieren Tausende die Flusspromenade entlang, aber damals: Tumbleweed!“, lacht sie. „Wirklich, hier war kaum jemand. Anderthalb Millionen Menschen liefen jedes Jahr halb auf die Westminster Bridge, machten ein Foto vom Parlament, und kehrten wieder um. Ein Grund, warum wir die Genehmigung bekommen haben, war die Neugestaltung des Südufers der Themse.“ Dem Gewimmel unter uns nach zu urteilen, ist das wohl gelungen.

Die Idee für ein Riesenrad sei ihrem Partner David Marks auf dem Weg zur Arbeit gekommen. Damals hatte die Times einen Ideenwettbewerb für London ausgeschrieben, um mit einem ambitionierten Projekt den Jahrtausendwechsel angemessen zu würdigen. Ihm sei aufgefallen, dass es keinen Aussichtspunkt in London gibt, wie den den Eiffelturm in Paris, nichts, was der Öffentlichkeit zugänglich gewesen wäre.

Zu diesem Zweck hätte man natürlich auch einen Turm oder ein Hochhaus bauen können. Die Form des Riesenrades aber schien den beiden Architekten damals besonders geeignet: „Zum einen ist es eine sehr effiziente Methode, um viele Leute nach oben zu befördern. Aber es gab auch einen symbolischen Grund, denn es sollte das Millennium feiern, ein Symbol für das Verstreichen der Zeit. Der Kreis symbolisiert den Lebenszyklus, und so schien uns der Kreis angemessener als ein Turm.“

Die Juroren des Wettbewerbs überzeugte das nicht so recht, genauso wenig wie andere Konzepte, und sie vergaben überhaupt keinen Preis. Julia Barfield und David Marks aber hielten an ihrer Idee fest: London sollte das neue Jahrtausend mit ihrer Version einer jahrhundertealten Jahrmarkt-Attraktion begrüßen.

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(c) Wikipedia

Der Ursprung des Riesenrads findet sich auf dem Balkan. In Bulgarien, genauer gesagt. Im Jahr 1620 beschreibt ein englische Reisender, wie er in der Stadt Philippopolis Kinder auf „senkrechten Rädern“ beobachtete: „Wie ein großes Wagenrad, an dessen Außenseite kleine Sitze befestigt sind, worin Kinder saßen, und obwohl sie sich hoch und runter drehten und die Kinder manchmal auf dem oberen Teil des Rades waren, manchmal an dem unteren Teil, saßen sie doch stets aufrecht.“

Sonderlich riesig waren diese ersten Riesenräder nicht, kaum mehr als ein paar Meter hoch und handgetrieben. Das erste echte Riesenrad baute 1893 der amerikanische Brückenbau-Ingenieur George Ferris in Chicago. Seine 36 Gondeln schaufelten täglich 38.000 Passagiere hoch hinaus über die World‘s Columbian Exposition, für die es Ferris eigens entworfen hatte. Nach seinem Erbauer heißen Riesenräder bis heute im Englischen Ferris Wheel.

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Das erste echte Riesenrad, gebaut für die World Columbian Exposition in Chicago (c) Wikipedia

Nach Chicago wollten alle so etwas haben: 1897 entstand das Riesenrad im Wiener Prater, drei Jahre später das Grande Roue de Paris . Auch in London drehte sich zu dieser Zeit bereits ein veritables Rad: Das Great Wheel mit 94 Metern Höhe. Nach der Jahrhundertwende allerdings geriet das Riesenradbauen lange aus der Mode – bis sich auch das 20. Jahrhundert dem Ende zuneigte…

135 Meter, wir haben den höchsten Punkt erreicht – unter unseren Füßen wuselt London. Gleich nebenan Westminster Bridge mit Big Ben, dahinter Buckingham Palace, der Trafalgar Square, etwas weiter östlich St. Paul‘s Cathedral und das Bankenviertel, der Tower mit der Tower Bridge, davor der Shard, das höchste Hochhaus in West-Europa. Aus unserer vollverglasten Kapsel haben wir einen ungehinderten Rundumblick. Anders als bei herkömmlichen Riesenrädern, sind die tonnenschweren Passagierkabinen außen befestigt, so dass keine Teile der Konstruktion den Blick verstellen.

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(c) Wikipedia

Doch so wichtig wie der Blick aus dem Riesenrad, ist der Blick auf das Riesenrad, erzählt Julia Barfield: „Wir haben uns über hundert Entwürfe angeschaut, um sicherzustellen, dass es trotz seiner Größe Leichtigkeit vermittelt. Würde man das Rad auf die Größe eines Fahrrad-Reifens verkleinern, dann wären die Speichen nur einen viertel Millimeter dick. Wir haben die neueste Computer-Technologie genutzt, um es visuell so leicht wie möglich zu machen.“

Längst nicht alle sind damals von der Vorstellung begeistert, eine solche High-Tech-Konstruktion ins ehrwürdig-historische Herz Londons zu pflanzen: „Wir haben das Projekt der Royal Fine Art Commission vorgestellt – damals das Gremium, in dem alle saßen, die Rang und Namen hatten – und der Vorsitzende machte sehr deutlich, dass er gar nichts davon hielt. Wir haben viele Vorträge gehalten, und jeder hatte eine Meinung, weil es von überall zu sehen sein würde. Wir mussten alle 32 Stadtviertel konsultieren, also sind wir herumgereist und haben mit den Leute gesprochen.

Schließlich bekommen sie die Genehmigung, auch wenn das vielen gar nicht schmeckt: „Das London Eye ist letztlich nur eine gigantische Jahrmarkt-Attraktion, die man mitten in London geklotzt hat,“ schimpft der Architektur-Kritiker des Daily Telegraph noch zwei Jahre nach der Eröffnung, unter der Schlagzeile: „Reißt das London Eye ab!“: „Wie ein Kuckuck im Nest, verzerrt und entwertet es alles drum herum.“

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(c) Martin Herzog 2014

Allein, das London Eye befindet sich damit in guter Gesellschaft: London liebt es, seine neuen Bauwerke zu hassen. Schon immer. Gerade die, die man vom Riesenrad besonders gut sieht. Beim Bau des Buckingham Palace ereiferte sich ein Zeitgenosse über „diese monströse Beleidigung der Nation, dieses sperrige Getürm, dieses Monument rücksichtsloser Extravaganz!“

Gleich, ob bei der Tower Bridge („eine beispiellose Abwesenheit aller Proportion“), bei der National Gallery („die Defekte im Inneren stehen den Absurditäten des Äußeren in nichts nach“) oder jüngst beim Shard („Es gibt kein Entkommen!“) – überall die gleiche schrille Tonlage, oft schon bei der Planung.

Gebaut wurde natürlich trotzdem immer. Und nach kurzer Zeit waren die geschmähten Bauten aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. So fotografieren sich heute die Touristen auf der Westminster-Bridge fleißig gegenseitig vor dem London Eye. Fünfzehn Jahre nach seiner Einweihung ist es, als habe es schon immer dort gestanden. Und eine Fahrt gehört zum Standard-Touri-Programm.

Das London Eye brüstet sich damit, dass es mehr Besucher anzieht als das Taj Mahal. Über 3,7 Millionen Tickets werden pro Jahr verkauft – trotz der saftigen Preise von 21 Pfund für die halbstündige Rundfahrt, rund 27 Euro. Wer noch ein bisschen mehr anlegt, kann hier abends auch edel dinieren, und von oben London bei Nacht bestaunen. 70 bis 80 Paare heiraten jedes Jahr im London Eye, und noch viel mehr halten es für eine gute Idee, am höchsten Punkt der Fahrt bei einem der Mitreisenden um die Hand anzuhalten. 5000 Heiratsanträge sind haben die Betreiber gezählt. Allerdings sollte man sich sicher sein, dass die Antwort auf die große Frage positiv ausfällt. Ansonsten könnte die restliche Fahrt lang werden…

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(c) Martin Herzog 2014

Wir stehen. Das große Rad hat sanft gehalten, ungefähr auf Höhe der Nabe – vermutlich, damit unten jemand mit Rollstuhl oder Kinderwagen zusteigen kann. Ansonsten dreht sich das London Eye stetig mit exakt 26 Zentimetern pro Sekunde. Die Geschwindigkeit ist kein Zufall, sondern von einer französischen Ingenieurfirma experimentell ermittelt, berichtet Julia Barfield: „Sie haben eine Attrappe der Kabine gebaut, in der Nähe von Grenoble, und ein ganzes Dorf engagiert, um in Echtzeit zu testen, mit welcher Geschwindigkeit sich die Kabinen bewegen mussten, damit die Leute leicht ein- und aussteigen können.“

Die größte Herausforderung aber war, das riesige Rad in die Senkrechte zu bringen. Die Teilelemente wurden zunächst per Schiff angeliefert und wochenlang auf Pontons in der Themse zusammengefügt. Anfang September 1999 war es soweit: „Es war damals das größte, schwerste Objekt, das jemals in die Vertikale gebracht worden war. Das Rad ist aufgehängt an gespannten Seilen. Wenn man es in der Mitte anhebt, spannen sich nicht unbedingt alle Kabel in gleichem Maß.“ Um die wackelige Konstruktion zu stabilisieren, wurden unten Haltekabel angebracht, die die Speichen unter Spannung halten sollten.“Eins dieser Haltekabel riss bei einem Test. Die gesammelte Weltpresse war eingeladen, und als sie das Kabel auf Überlastung testeten, war es hin.“

Schöne Pleite! Das gerissene Seil kostete die Ingenieure vier wertvolle Wochen. Am 10. Oktober 1999 schließlich der zweite Versuch: „Natürlich waren wir dabei – sehr spannend,“ lacht Architektin Barfield. Mit ihrem Partner waren sie an diesem Tag zum Zusehen verdamm: „Wir haben auf einer Bank auf der gegenüberliegenden Flussseite gesessen und zugesehen, wie es auf halber Höhe über der Themse hing, denn es musste in mehreren Etappen aufgerichtet werden: zunächst soweit, dass der Antrieb montiert werden konnte. Am Wochenende darauf wurde es dann in die Senkrechte gebracht und die Fahrgastkabinen installiert.

Pünktlich zur Jahrtausendwende 12 Wochen später wurde das Millennium-Wheel eingeweiht. 6 Jahre lang blieb es das größte Riesenrad der Welt. Dann wurde es abgelöst vom Star of Nanchang in China, das wiederum kurz darauf vom Singapore Flyer, welches schließlich vor ein paar Monaten dem High Roller in Las Vegas Platz machen musste.

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(c) Wikipedia

Das Millennium Wheel war nicht als Dauereinrichtung gedacht. Fünf Jahre lang sollte es sich an der Themse drehen, und dann demontiert werden. Doch schon 2002 stellten die Betreiber den Antrag, es dauerhaft an seinem Standort zu belassen: „Das Prater-Rad in Wien läuft seit 100 Jahren, und dieses hier wird sich so lange drehen, wie es gewartet wird und Leute damit fahren wollen. Es gibt eine jährliche Überprüfung, für die es eine Woche lang geschlossen wird. Solange man sich darum kümmert, wird es auch noch in 100 Jahren laufen.“

Das Zeitzeichen: „10. Oktober 1999 – Das Riesenrad London Eye wird aufgerichtet“ läuft am 10.10.2014 um 9:05 Uhr auf WDR 5, um 17:45 Uhr auf WDR 3, um 20:05 auf NDR Info (alle Angaben deutsche Zeit), und ist anschließend als Podcast abrufbar.

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