Reinschauen: 125 Jahre Savoy-Hotel

The Savoy Strand Front in the 1930s

(c) Savoy Hotel

Das hätte sich Peter von Savoyen nicht träumen lassen, als er 1246 vom englischen König einen Londoner Stadt-Palast geschenkt bekam: Ein halbes Jahrtausend später steht auf dem Platz ein schnödes Hotel mit seinem Namen. Immerhin, es ist nicht irgendeine Absteige. In diesem Jahr feiert es Jubiläum. Vor 125 Jahren wurde das Savoy am Londoner Strand eröffnet.

Schon der Empfang ist einzigartig: auf der Zufahrt zum Savoy gilt Rechtsverkehr – die einzige Straße in ganz England. Und das ist nicht die einzige Extravaganz. Vor 125 Jahren an der Flaniermeile Strand eröffnet, ist das Savoy bis heute eine der nobelsten Adressen im Königreich. Und die nobelste Adresse im Savoy belegt den gesamten 5. Stock: die Royal Suite – 325 Quadratmeter, gut 15.000 Euro pro Nacht – Butler inklusive.

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(c) Martin Herzog 2014

„Beim Eintreten haben Sie sicher gemerkt: Es gibt keine Zimmernummer, es ist schlicht die Royal Suite. wenn Sie mir bitte ins Speisezimmer folgen wollen…“ Sean Davorn führt uns durch die Räume. Er trägt den Titel Head Butler und ist Chef der 30 Butler des Savoy. Im Speisezimmer für 12 Gäste macht uns Sean auf die Spiegeltür am hinteren Ende aufmerksam. Dahinter befindet sich die Butler-Pantry. „Sie brauchen ihn nur zu rufen, er steht 24 Stunden zur Verfügung.“

Über Badezimmer („Dampfdusche, Jaccuzzi, Marmor-Waschbecken, Blick auf die Themse mit London Eye und Parlament“) und Ankleideraum („für den Butler das wichtigste Zimmer“) geht es ins Hauptschlafzimmer mit englischem Himmelbett (ein Gästeschlafzimmer gibt es natürlich auch noch, sowie ein großzügiges Wohnzimmer und ein Arbeitszimmer). „Nur eine Kleinigkeit: Die Matratze kostet 25.000 Pfund, rund 30.000 Euro. Jede Feder ist mit Kaschmir-Haar umwickelt. Wenn Sie also als Prinz oder Prinzessin darauf schlafen, wird keine Erbse darunter Sie stören. Sie werden hervorragend schlafen.“

(c) Martin Herzog 2014

Den ganz persönlichen Diener-Service hat das Hotel nach seiner Groß-Renovierung vor einigen Jahren wieder eingeführt, wegen der großen Nachfrage. Für Extrawünsche steht Chef-Butler Sean Davorn seinen Gästen rund um die Uhr zur Verfügung, auch für ungewöhnliche – „solange sie legal sind,“ fügt er schnell hinzu.

Und dann plaudert er aus dem Nähkästchen: Vom Gast, der ihn bat, ein Päckchen beim Juwelier abzuholen, das sich als Collier heraus stellte im Wert von mehreren Millionen Pfund. Vom globetrottenden Geschäftsmann, der in jedem seiner Stammhotels die identischen 200 Anzüge samt Hemden, Schips und Manschettenknöpfen gebunkert hat, und die er bei Ankunft in exakt der gleichen Ordnung vorzufinden wünscht. Vom Gast, der jedes mal mit einem Lineal nachmisst, ob die Überdecken auch exakt gefaltet sind und die Kissen an der gleichen Stelle liegen.

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(c) Martin Herzog 2014

„Einer unserer weiblichen Gäste badet stets in Ziegenmilch. In London kann man alles kaufen, also auch das – aber es muss frische Milch sein. Da wir nicht allzu viele Ziegenherden in London haben, müssen wir sie aus Wales heranschaffen. Der Chauffeur kostet knapp 700 Pfund, die Milch 25 Pfund. Ich erhitze sie in einem großen Topf, bringe es in Eimern hinauf und schütte sie ins Bad. Anschließend gehe ich wieder hinunter und erhitze den Inhalt von drei Dutzend Flaschen Evian-Wasser, damit die Dame sich damit abspülen kann.“ Sean zuckt mit den Schultern: „Ein solcher Wunsch ist etwas außerhalb des Normalen. Aber ich nehme jeden Wunsch eines Gastes ernst.“

Staff standing outside the new main entrance to The Savoy, 1904

(c) Savoy Hotel

So halten es die Mitarbeiter des Savoy schon immer, vom Butler bis zum Türsteher, seit das Grand Hotel 1889 im Theaterviertel Westend seine Türen öffnete. Sein Erbauer war der Inhaber des Savoy Theatre gleich nebenan – das erste öffentliche Gebäude Londons mit elektrischer Beleuchtung.

So setzte auch das Savoy-Hotel von Anfang an neue Maßstäbe: elektrisches Licht auf allen Etagen, Zentralheizung statt Kohleofen, die meisten Zimmer mit eigenem Bad, und mit fließend heißem und kaltem Wasser.

1926 Red Lift & liftman

(c) Savoy Hotel

„Als das Savoy eröffnete, war es technologisch allen anderen Hotels weit voraus“, erzählt Susan Scott, ihres Zeichens Archivarin des Savoy und damit die einzige Hotel-Historikerin weltweit. „Es scheint uns heute vielleicht amüsant, dass fließend warm Wasser eine unglaubliche Innovation bedeutete, aber das auf allen Etagen zu haben, war 1889 sehr ungewöhnlich. Nur zur Veranschaulichung: Das Hotel, das kurz vorher nicht weit von hier in der Northumberland Road eröffnete, hatte 400 Zimmer, davon ganze vier mit Badezimmer. Nicht, dass die Leute dreckig waren, die haben schon gebadet. Aber da musste eben Wasser heiß gemacht und aufs Zimmer gebracht werden. Das kostete dann natürlich extra, ebenso wie Kerzen, oder Kohle für den Ofen. Im Savoy dagegen kostete das Zimmer zwar mehr, aber dafür war das alles inklusive.“ (Fließend heiße und kalte Ziegenmilch sei auf absehbare Zeit allerdings immer noch nicht vorgesehen).

Und noch eine Neuerung gab es im Savoy. Statt einem großen Treppenhaus: elektrisch betriebene Aufzüge samt Liftboy sowie einer Sitzgelegenheit für ängstliche Gäste, die den fliegenden Zimmern anfangs oft nicht recht trauten. Versehen mit moderner Technik fahren sie auch heute noch.

Melba-1904

(c) Wikipedia

Ebenso ungewöhnlich wie die technischen Neuerungen, waren die kulinarischen Kreationen, die im Restaurant serviert wurden. Der erste Küchenchef Auguste Escoffier erfand 1893 für die weltberühmte Operndiva Nellie Melba ein heute weltberühmtes Dessert: Pêche Melba.

Im Savoy Grill steht der pochierte Pfirsich auch 120 Jahre nach seiner Erfindung auf der Karte: Wie sein Vorgänger, bereitet der aktuelle Küchenchef Andy Cook die Nachspeise ausschließlich mit Pfirsich, Himbeere und Vanille-Eis: „Die Chefköche haben das Gericht über die Jahre sehr unterschiedlich interpretiert, von sehr einfach bis sehr komplex. Wir versuchen es hier simpel zu belassen und dem Original-Rezept möglichst treu zu bleiben.“

So kann man im Savoy Grill vergangenen Zeiten hinterher schmecken und sich einreihen in die Riege großer Namen, die hier im Laufe der Geschichte Hof hielten, von Marylin Monroe und Humphrey Bogart über Elizabeth Taylor, John Wayne bis zu Präsident Harry Truman Queen Elizabeth.

(c) Savoy Hotel

Charlie Chaplin ist ebenfalls in den alten Gästekarten verzeichnet. Auch ist ein Foto erhalten, auf dem er auf dem Dach des Savoy zu sehen ist, und seiner Tochter zeigt, wo er auf der Southbank seine (reichlich traurige) Kindheit verbracht hat. Einige Jahre später tanzte an gleicher Stelle Fred Astaire. Überhaupt ist das Dach des Savoy Schauplatz einiger kurioser Geschichten. So schlug ein amerikansicher Profigolfer in den 30er Jahre von hier aus ab, und versuchte einen Eimer in einerm Boot auf der Themse zu treffen. Und zwei Angler verhakten sich in den 1920ern so in einer Diskussion darum, ob es vom Dach des Savoy aus möglich wäre, in der Themse zu angeln, dass die Polizei eines Sonntags morgens das gesamte Embankment sperrte, um genau das herauszufinden (man kann).

Winston Churchill at Savoy n.d. 600dpi

(c) Savoy Hotel

Einer der treuesten Stammgäste des Savoy aber war Winston Churchill. „Er liebte das Savoy. Er kam sein ganzes Leben hierher und brachte oft sein ganzes Kabinett mit zum Mittagessen. Er gründete einen Dinner-Club, The Other Club, der sich übrigens immer noch im Savoy trifft. Und sein letzter öffentlicher Termin war ein Dinner mit diesem Club.“

Manche brachten sogar ihre Haustiere mit, wie Roy Rodgers, der samt Pferd hier Hof hielt. Ein Rockstar, dessen Namen sie nicht verraten will, feierte im Savoy seine Hochzeit, bei der alles in Pink gehalten sein sollte – weshalb sich zwischen all der rosaroten Deko ein Schwarm lebender Flamingos fand. „Ein anderer Gast wollte zum Afternoon Tea seinen Leoparden mitbringen,“ schmunzelt Historikerin Scott, „aber da hat die Hotelleitung einen Strich gezogen. Das Tier musste vor der Tür angebunden warten, bis sein Besitzer zurück war.“

Cheetah

(c) Savoy Hotel

Die reiche Geschichte des Savoy wäre nicht komplett ohne die Hollywoodfilme, die hier gespielt haben. Die Addams Family war hier schon zu Gast, und auch Sean Connery und Catherine Zeta-Jones für den Film Entrapment aus dem Jahr 1999. Und in keine andere Hotelzufahrt hätte Hugh Grant seiner angebeteten Julia Roberts so schön nachjagen können wie im Savoy, in der London-Schmonzette Notting Hill, ebenfalls von 1999.

Die meisten Gäste nehmen sich glücklicherweise ein wenig mehr Zeit für das Savoy – und für London.

Der Beitrag 125 Jahre Savoy-Hotel ist im Kultur-Magazin Euromaxx der Deutschen Welle zu sehen (zum Stream geht’s hier)

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