Reinschauen: Der Club der drögen Gentlemen

Leland Carlson ist hin und hergerissen: Eigentlich ist das alles zu viel Aufregung. „Wir waren ziemlich überrascht von den Reaktionen, es ist fast beängstigend. Wir müssen uns mal ein paar Tage Auszeit gönnen von all der Aufmerksamkeit der Medien. Nach dem Interview werde ich erst mal zu einem Freund hier um die Ecke gehen, und mich ein bißchen hinlegen.“

Leland Carlson, Gründer und Aushilfs-Vize-Präsident des Dull Men Club (c) Martin Herzog 2014

Leland Carlson, Gründer und stellvertretender Vize-Präsident des Dull Men’s Club (c) Martin Herzog 2014

Der stellvertretende Hilfs-Präsident des Dull Men’s Club (das höchste Amt, das der Verein zu vergeben hat) sitzt im Café der Buchhandlung Stanford in Covent Garden und rührt in seinem Milch-Kaffee (entkoffeiniert) und seufzt: „Aber auch das wird vorbei gehen und gemächlichere Zeiten werden kommen.“

Er sagt natürlich nicht gemächlichere Zeiten, er sagt duller times. Das Wort dull bedeutet so viel wie trübe, matt, dumpf, öde, lau. Jemanden als dull zu bezeichnen ist also nicht unbedingt ein Lob. Der Dull Men‘s Club allerdings nennt sich nicht nur so, sondern ist auch noch stolz darauf. Motto: Öde ist das neue Cool.

Für’s kommende Jahr gibt der Dull Men‘s Club einen Kalender heraus, der für einen ziemlichen Presserummel gesorgt hat (eine Fotostrecke mit den Motiven des Kalenders gibt es zum Beispiel hier). Darauf zu sehen: 12 sehr englische Herren mit ihren öden Vorlieben. Vertreten ist zum Beispiel der Milchflaschensammler Steve Wheeler. 20.000 davon besitzt er, obwohl er gar keine keine Milch mag. Einmal im Jahr putzt er sie. Alle. („Aber seine Frau hilft ihm dabei“, sagt Vize-Präsident Carlson). Soeben verkündete der Blog des Dull Men’s Club für seine Verhältnisse einigermaßen Atemlos die Breaking News, dass Steve mit dem anbau eines weiteren Schuppens begonnen habe, um sein privates Milchflaschen-Museum zu erweitern.

Postkasten-Spotter Peter Willis ist im Kalender ebenso vertreten wie David Morgan, der die weltgrößte Sammlung von Verkehrs-Hütchen sein Eigen nennt. Mister Januar im Kalender heißt Kevin Beresford, auch Herr der Ringe genannt. Der 62-Jährige aus Birmingham ist Präsident der Britischen Kreisverkehr-Würdigungs-Gesellschaft.

Bildschirmfoto 2014-11-17 um 21.56.32Wir treffen ihn an seinem Heimat-Kreisel in Redditch in der Grafschaft Worcestershire (man spreche: Oußterscher, mit tonlosem E am Ende): „Es gibt nichts Ausdrucksstärkeres als den ‚Einweg-Rundverkehr‘,“ strahlt er. „Man kann alles mögliche in die Mitte des Kreisverkehrs stellen. Ich habe schon Brunnen gesehen, Statuen, Loks, Boote, Flugzeuge, Kneipen, Kirchen, sogar Windmühlen. Diese Vielseitigkeit macht sie so besonders, und jede Gemeindeverwaltung, die auf sich hält, setzt etwas Besonderes in die Mitte.“ In der (zugegebener Maßen nicht allzu riesigen) Szene der Kreisverkehr-Spotter ist Kevin weltbekannt, Fotos von besonders schönen Exemplaren erreichen ihn aus allen Ländern, „eines sogar aus Strahlsund, mit einem großen Schiffspropeller in der Mitte.“

(c) Kevin Beresford

(c) Kevin Beresford

Neben der bautechnischen Vielfältigkeit entspreche der Kreisverkehr dem britischen Charakter viel mehr als die automatisierten Straßenkreuzungs-Regelsysteme per Lichtzeichen: „Dem Kreisverkehr nähern wir uns in unserer eigenen Geschwindigkeit, nehmen aufeinander Rücksicht, sind höflich zu anderen Autofahren und verständigen uns mit ihnen nach typisch englischer Art – ’nach Dir…‘, ’nein, nach Dir…‘ – anstatt uns von einer Maschine diktieren zu lassen, wann wir zu fahren und wann zu halten haben.“ Soweit jedenfalls die Theorie, die vielleicht hier in Redditch die Realität ein wenig akkurater beschreibt als im Chiswick Roundabout in London.

Hugh Barker, Hecken-Entusiast und Autor des einschlägigen Standardwerkes 'Hedge Britannia' (c) Martin Herzog 2014

Hugh Barker, Hecken-Entusiast und Autor des einschlägigen Standardwerkes ‚Hedge Britannia‘ (c) Martin Herzog 2014

Hugh Barkers Vorliebe gilt der gemeinen Gartenhecke. Sogar ein Buch hat er darüber geschrieben: Hedge Britannia. „Hecken sind ein erstaunlich wichtiger Teil unserer Landschaft. Mich interessiert ihre Geschichte, ihre symbolische Bedeutung, aber auch all die seltsamen Formen, in die manche ihre Hecken trimmen, und was das über die Menschen aussagt – sowohl das Alberne wie das Ernste.“

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(c) Hugh Barker

Dafür haben ihn die Medien zum „Langweiligsten Londoner“ gekürt. Ein Problem hat er damit nicht. „Es ist gut, öde zu sein. Das Vereinsmotto lautet ‚Celebrating the Ordinary.‘ Wir feiern die Normalität. Vieles, was uns interessiert, scheint seltsam, aber es gibt viele Menschen mit schrägen Interessen, meist Männer, und daran ist nichts falsch, dafür muss man sich nicht schämen.“

Mastermind hinter Kalender und Club ist Oberlangweiler Leland Carlson. Vor 30 Jahren gründete der gebürtige Amerikaner den Dull Men‘s Club in New York. „Es begann als Unterabteilung des Athletic Club. In dessen Monatszeitschrift berichteten alle möglichen Abteilungen über ihre aufregenden Aktivitäten: Tennis, Tauchen, Wandern, Karate, solche Dinge. Irgendwann saßen wir an der Bar und sagten: ‚Wir machen nichts von all dem. Ja, meinte ein anderer, wir sind ziemlich öde – lass uns darüber einen Artikel schreiben.'“ Aus dem Artikel wurde eine regelmäßige Kolumne und schließlich der Club. Allerdings sahen sich die bekennenden Langeweiler bald genötigt, einen Aufnahmestopp zu verhängen, und die Zahl der Mitglieder auf 17 zu beschränken. Das war die Zahl der Stühle im Versammlungsraum. Aus dem gleichen Grund verwehrt man bis heute Frauen die Aufnahme („Das wäre zu aufregend! Die fangen dann an, die Möbel umzuräumen oder so – bloß nicht!“)

Bildschirmfoto 2014-11-17 um 21.59.21Als Leland Carlson nach England umzog („Winchester, sehr beschaulich. Das müssen selbst die meisten Engländer auf der Karte suchen“), brachte er den Club mit hierher. Der Kalender hat nun seinem Verein viel Aufmerksamkeit von Seiten der Medien gebracht. Deren Hang zur Übertreibung allerdings ist ein Problem für die Dull Men. „Die Presse macht daraus „die ödesten Männer“. Wir sind nicht die ödesten! Das wäre schon wieder zu extrem. Wir versuchen nicht öder zu sein als alle anderen. Wir feiern die Normalität. Mit den einfachen Dingen im Leben zufrieden zu sein, ist viel besser als Fallschirmspringen zum Beispiel. Da machen wir lieber ein Nickerchen.“

Geschätzt 5000 Mitglieder weltweit hat der Club der öden Gentlemen bereits, die meisten davon – natürlich – in Großbritannien. Neue Anwärter sind aber stets willkommen, die Aufnahmekriterien sind entspannt. Im Kalender findet sich ein Beitritts-Zertifikat, in angemessen öder Farbgebung: „Wir sind sehr stolz auf das Design. Zwei hübsche Grautöne mit einem Hauch von Beige – zwei unserer Lieblingsfarben.“ Woher aber weiß man, dass man ausreichend öde ist für den Verein? Leland verweist auf eine lange Liste mit den Vereins-FAQ’s im Kalender: „Frage Nummer 20 lautet genau so: Was qualifiziert mich als Dull Men? – Nun, wenn Du das alles bis hierhin wirklich gelesen hast, dann bist Du auf dem besten Weg. Und wenn die Antwort auf Frage nach Deiner Lieblingsfarbe ‚Grau‘ ist, ist das sicherlich auch ein Schritt in die richtige Richtung.“

Bildschirmfoto 2014-11-17 um 22.00.13Auch ohne Mitgliedschaft wollen viele Briten an der versammelten Ödnis teilhaben. Sagt jedenfalls Tony Maher vom Kalender-Spezialisten Standford: „Wir verkaufen tausende Kalender pro Woche, und Dull Men of Great Britain 2015 ist momentan unser Bestseller. Es spricht die englische Vorliebe für alles Exzentrische an, Engländer lieben diese Art Humor. Solche Kalender waren schon in den vergangenen Jahren erfolgreich, und der hier wird dieses Jahr wohl unsere Nummer eins werden.“ Der größte Bestseller vergangenes Jahr: Roundabouts of Britain, ein Werk des Kreisverkehr-Fans Kevin Beresford, der auch das Projekt Dull-Men’s-Kalender wesentlich vorantrieb.

Bildschirmfoto 2014-11-17 um 22.00.56Jenseits allen schrägen Humors, scheinen die Dull Men einen Nerv zu treffen. In einer hektischen, überdrehten Gesellschaft setzen sie in ihrer Langweiligkeit einen Kontrapunkt. So sieht das auch die Wissenschaft. Der Club der öden Männer mit ihren öden Interessen hat für Psychologen Mark Coulssonvon der University of Middlesex London therapeutische, fast buddhistische Züge: „Das ist im Prinzip ein uraltes Konzept. Untersuchungsergebnisse zeigen: Wer seine Interesse auf einen sehr bestimmten, engen Bereich konzentriert und ein einfaches Leben führt, der führt ein glückliches Leben. Die heutige Gesellschaft präsentiert uns zu viele Möglichkeiten, zu viele Optionen. Wenn man sich außerhalb dieses Rahmens bewegt und sich auf die eigene Leidenschaft konzentriert, ist das wohl der direkte Weg zum Glück. Wenn man dagegen den Leuten dauernd einbläut, sie müssten außergewöhnlich sein, dann ist das sehr gefährlich.“

Bildschirmfoto 2014-11-17 um 22.01.48 So sehen dann also glückliche Menschen aus! Weil sie stoisch ihren langweiligen Interessen folgen, und dem dauernden Druck widerstehen von Medien, Werbung und Gesellschaft, immerzu cool, schick und aufregend sein zu müssen. Wenn jeder versucht außergewöhnlich zu sein, außergewöhnliches zu leisten, dann werden die wenigen, die sich nichts davon  antun, zur Avantgarde. Bildschirmfoto 2014-11-17 um 22.21.57„Es is trendy, öde zu sein,“ strahlt denn auch Kevin Beresford, der Kreisel-König. „Wir sind der Beginn einer Art Kult-Bewegung, wir loten die Grenzen aus. Die Leute glauben vielleicht, dass wir öde sind, aber in gewisser Weise sind wir das Gegenteil, Pioniere, wenn man so will.“

Der Avantgarde-Kalender für 2016 ist jedenfalls in Planung. Gebucht sind bereits ein Schotte, der seit 20 Jahren penibel Buch über sein Rasenmäh-Verhalten führt (welches damit zu einem Schatz für Klimaforscher wurde), sowie einem Waliser, der hauptberuflich Farbe beim Trocknen zuschaut. Bildschirmfoto 2014-11-17 um 22.21.36Man sieht schon das zugehörige Werbebanner: Dull Men of Great Britain 2016 – Jetzt noch öder! Leland jedenfalls freut sich darauf: Um so einen Kalender zu organisieren, hat man ziemlich viel ziemlich langweilige Arbeit zu tun. Sie sollten mal meine Excel-Tabellen sehen! Seiten um Seiten – herrlich!“

Der Beitrag Dull Men’s Club ist in der Sendung Euromaxx der Deutschen Welle (DW) zu sehen.

Den Kalender Dull Men of Great Britain 2015 kann man bei der Londoner Buchhandlung Stanford’s online bestellen.

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