Bücher über London: Fettnäpfchenführer

9783943176735_400Wer jemals bei Funk oder Fernsehen gearbeitet hat, der weiß: Hier wird das Medium täglich neu erfunden. Jede Sendung muss jeden Tag ganz anders, ganz frisch sein. Die Erzählform, die (Bild-)sprache, die Herangehensweise – alles so, wie man es noch nie gesehen, nie gehört hat. Das Endprodukt sieht dann meistens aus wie immer. Aber morgen dann ganz bestimmt…

In Teilen der ‚holzverarbeitenden Industrie‘ (Willy Brandt) sieht es in dieser Hinsicht noch etwas entspannter aus, aber auch da muss ab und zu mal was Neues her. Das gilt für die Tagespresse natürlich, ebenso für Wochen- und Monatsmagazine, aber auch für längerfristige, umfangreichere Vorhaben wie zum Beispiel Reiseführer. Derer gibt es viele, und London ist womöglich diejenige Stadt, die reiseführertechnisch den Rekord hält, zumindest im deutschen Sprachraum: 1009 Ergebnisse spuckt Amazon aus. Neben den üblichen Marco-Polo-Baedecker-DuMont-Polyglott-ADAC-Lonely-Planet-Überblicks-Guides findet sich London mit Kindern, Indisch Essen in London, Der perfekte Mädelsurlaub in London, Mit Sherlock Holmes durch London, und natürlich auch eine Kneipentour durch London. Schwer, da noch irgendetwas mit einem neuen Dreh zu finden, einem neuen Zugang, einer neuen Erzählform, die London dann auch in einem anderen Licht zeigt.

Der Fettnäpfchenführer London des Reisejournalisten Michael Pohl ist so ein Versuch. Ein geglückter? Nun ja, zum Teil. Da ist zum einen der Titel. Gleich im Vorwort räumt der Autor ein, dass es um die Fettnäpfchen in Großbritannien nicht so arg bestellt ist: „Man wird einen Aufenthalt in London auch irgendwie überstehen, wenn man sich mit den kulturellen Besonderheiten der Briten nicht auskennt. Aber lernt man dann eine Stadt wirklich kennen?“ Vermutlich nicht. Aber außer Allerwelts-Hinweisen für den Pub-Besuch (es muss an der Theke bestellt und bezahlt werden), ist das Thema Fettnäpfchen in dem Buch anfangs seltsam unterrepräsentiert.

Spannend und erhellend hätte da ein Kapitel über die zahlreichen Fallen und Fettnäpfchen sein können, die den Touristen/Zugereisten in der täglichen Kommunikation mit Engländern erwarten. Denn anders als in anderen Teilen der Erde, wo der kulturelle und sprachliche Unterschied unübersehbar ist, führt gerade die vermeintliche kulturelle Nähe zum angelsächsischen Sprachraum den schlicht geradeaus denkenden Teutonen geradewegs in die wunderbarsten Missverständnisse (’not bad,‘ sagt der Engländer, und der Deutsche versteht ’nicht schlecht‘. Gemeint ist aber ‚terrible‘. Nicht schlecht würde stattdessen heißen ’not bad at all‘. Feine, aber wichtige Unterschiede. Eine kleine Übersicht über typisch englisch-internationale Sprach-Fettnäpfchen habe ich hier zusammengestellt). Auch ein paar Sätze über die lokale Aussprache von Eigennamen hätte durchaus praktischn Nutzen gezeitigt (wem zum Beispiel auf die Frage nach der Tate Modern Gallery beschieden wird, diese befinde sich in ‚Ssethek‘, der wird daraus schwer entziffern können, dass das Stadtviertel Southwark gemeint ist – ein Artikel zur englischen Aussprache und Schreibweise gibt es hier). Stattdessen findet sich im Fettnäpfchenführer nur die Warnung, Gespräche mit den Eingeborenen der Insel möglichst stets unter Umschiffung von Politik und besserwisserischer Belehrung zu führen, solange diese nicht selbst auf das Thema zu sprechen kommen  – eine Bemerkung, die auch in jedem konventionellen Reiseführer zu finden ist.

Das zweite Problem des Buches ist der Versuch, durch reportageartige Elemente die typische, statische Erzähl-Form des Reiseführers zu durchbrechen, per Erlebnisbericht aufzulockern und persönlicher zu machen. Hierfür hat sich Journalist Pohl ein alter Ego zugelegt, Fabian, eine fiktive Person, die ziemlich – aber nicht ganz – mit der Person des Autoren übereinstimmen soll. Wofür dieser Winkelzug gut sein soll, verrät er nicht. Ich vermute aber mal böswillig, dass dieser fiktive Fabian auch manche fiktive Geschichte beschreibt, die der Autor so nicht, oder nicht so pointiert erlebt hat bei seinen London-Besuchen, und er sich auf diese Weise journalistisch ‚ehrlich macht‘ , wie das so schön heißt. Nur fragt man sich lange Zeit: Wozu? In den ersten Kapiteln kommt Fabian kaum zu Wort. Das, was er beschreibt ist nichts Spezifisches, es handelt sich nicht um echte Anekdoten, und bringt nur wenig Erkenntnisgewinn (so zum Beispiel ein Abschnitt über das Zählen der königlichen Schwäne auf der Themse, das seltsam detailarm erzählt wird). Vielmehr entsteht der Eindruck, als sei die Figur nachträglich eingeschmuggelt worden, um die Erzählung aufzupeppen, die vom Aufbau ansonsten eher in den Fußstapfen konventioneller Reiseführer folgt: Allgemeines über London, Anreise, Verkehrsmittel, Unterkunft, Der Londoner an sich, die Königsfamilie, Pubs, Shopping, Gentlemen’s Clubs etc. Lnge Zeit scheint der Führer selbst ein wenig orientierungslos zu sein, zumindest was die eigene Richtung betrifft.

Interessanterweise verliert sich diese nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Struktur, je weiter das Buch vorankommt – offenbar nachdem der Autor das Pflichtprogramm samt der üblichen Tipps-und-Tricks (Nutzwert! Nutzwert!) abgearbeitet hat: Die Reportage-Elemente werden länger, spannender, und sind näher dran am Leben. Und es gibt einiges zu lernen, auch wenn man schon ein bißchen was über London weiß. So ist das Kapitel über die britischen Währungen (sic!) sehr aufschlussreich, auch wenn mancher bereits wissen dürfte, dass in Schottland separate Pfundnoten gedruckt werden, die in England nicht anerkannt werden. Ebenso das Kapitel über den Musical-Besuch und die Hintergründe zum dort nicht vorhandenen Dresscode, ist gut erzählt und aufschlussreich. An solchen Stellen kommen denn auch endlich mal der Titel und die anekdotische Erzählweise sinnvoll zusammen. Wenn daran irgendetwas zu bemängeln ist, dann höchstens, dass die Kapitel oft arg kurz gehalten sind, man gern noch ein paar Absätze mehr gelesen hätte.

„Da ist schon viel schönes dabei“, sagt der Fernseh-Redakteur zum Autoren, wenn er ihm schonend beibringen will, dass letzterer den gesamten Film umschneiden soll. In etwa so fällt leider das Gesamturteil beim Fettnäpfchenführer aus, trotz einer Reihe schöner Einfälle und Geschichten vor allem im hinteren Teil.  Gegenüber klassischen Reiseführern bleibt er optisch zurück (die Seiten sind arg spartanisch möbliert), ebenso in Sachen Nutzwert. Gegen andere alternative London-Führer wie 111 Gründe London zu lieben, die im Plauderton über die britische Hauptstadt und ihre Bewohner berichten und en passant den einen oder anderen Tipp transportieren, ist der Fettnäpfchenführer etwas sehr kurz angebunden.

Mit seinem Preis von knapp unter 10 Euro ist das Buch wohl auf den klassischen Mitnahme-Kunden ausgerichtet, der in der Buchhandlung sich neben dem ’normalen‘ Reiseführer noch ein wenig leichte Reisekost einpacken bzw. zuschicken lässt („dieses Buch könnte sie ebenfalls interessieren…“). In diesem Segment dürfte das Buch seine Kunden finden – gerade jetzt zur Weihnachtszeit.

Michael Pohl: Fettnäpfchenführer London – Ein Reiseknigge für das größte Dorf Englands – Stadt-Edition, Conbook Medien-Verlag 2014, 320 Seiten, 9,95 Euro

Für diese Rezension wurde dem Verfasser vom Verlag ein Exemplar des Buches zur Verfügung gestellt.

Ein Gedanke zu „Bücher über London: Fettnäpfchenführer

  1. Danke für die Rezension! Ich habe mehrere Jahre in London gelebt und muss sagen, dass es recht schwer ist in irgendwelche Fettnäpfchen zu treten. Den einzigen Spruch, den ich mir häufiger von meinen Kollegen anhören musste: „Who eats, cheats!“ …Ich wollte doch tatsächlich vor dem Pubbesuch etwas essen gehen…

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