Things – not – to do (When in London)

Wie immer im Leben, gibt es auch in London Dinge, die man machen muss: St. Paul‘s? Unbedingt! Windsor Castle? In jedem Fall! National Gallery? Aber klar! Andere Dinge kann man machen, muss aber nicht: London Eye? Och jo. Bootstour auf der Themse? Wem‘s gefällt. Stadtrundfahrt im Doppeldecker-Bus? Schon ok.

Und dann sind da noch die Dinge, die kann man machen – aber besser noch: sich sparen. Davon sei im Folgenden die Rede: überlaufene Plätze, Museen, die das Eintrittsgeld nicht wert sind, Fallen für Unkundige. Glücklicherweise scheinen Nepp und Bauernfängerei in London nicht allzu verbreitet, und die Liste ist (noch?) relativ kurz. Natürlich, London ist teuer, zumal nach kontinentaleuropäischen Maßstäben. Meist aber bekommt man für seine oft 14-16 Pfund Eintritt auch etwas geboten, über den Tisch gezogen wird man sehr selten, so jedenfalls meine bisherige Erfahrung.

Die folgenden Beispiele sind die unrühmlichen Ausnahmen, bei denen gelegentlich auch 5 Pfund Eintritt zu viel sein können. Auch sonst kann der Ausflug-Spaß aus unterschiedlichsten Ursachen reichlich getrübt werden. Sparen kann man sich zum Beispiel (den kostenlosen)…

…Wachwechsel am Buckingham Palace.

Es ist voll, man sieht nichts, es dauert ewig, bis die Fellmützen ihre tägliche Zeremonie beendet haben (von der man wenig hört und nichts versteht), und und wenn nicht einmal die Marching Band spielt (was bisweilen vorkommt), ist es öde bis zum Anschlag: Da guckt man sich besser irgend eine der vielen Dokus im Fernsehen an.

Wenn schon Wachwechsel, dann den am St- James‘s Palace, nur ein paar Schritte vom Buckingham Palace entfernt, gleich an der Mall. Der findet ungefähr zur selben Zeit statt, ist nach 10 Minuten vorbei und viel weniger überlaufen. Wer rechtzeitig da ist (und das heißt hier ein paar Minuten vorher und nicht: eine Stunde) kann gleich an der Absperrung stehen und auf Armlänge das Ritual besichtigen.

…das Sherlock Holmes-Museum in der Bond Street.

Fällt eindeutig in die Kategorie Touri-Falle. Vor dem Haus Nummer 221b, in dem der Meisterdetektiv laut seinem Erfinder gewohnt hat, versammeln sich täglich deutsche Schulklassen und chinesische Reisegruppen, und warten auf Einlass in das legendäre Heim von Sherlock Holmes. Die Tickets erhält man im Devotionalien-Laden nebenan, in dem gelangweilte Studenten in viktorianischen Kostümen dem Besucher 6 Pfund (Kinder 4) abnötigen.

Seit 1990 existiert das Haus als Museum, und es scheint, als sei es damals einmal eingerichtet worden und seitdem habe nie wieder jemand Hand angelegt. Selbst mit der Anwendung von Staubwedel und Poliertuch war man offenbar äußerst zurückhaltend, vermutlich aus konservatorischen Gründen…

Im ersten Stock gibt es den Nachbau des Holmes‘schen Schlafzimmers zu besichtigen (inklusive Hut, Vergrößerungsglas und Pfeife), sowie das Arbeitszimmer samt Arztkoffer von Dr. Watson. Darüber ein Wohnzimmer mit Holmes-Büste und diversen Asservaten verschiedener Abenteuer. Im dritten Stock schließlich sind einige Szenen aus Holmes-Romanen nachgestellt mit lebensgroßen Puppen, die auch schon bessere Zeiten gesehen haben: Professor Moriati, der Hund von Baskerville – was man so kennt. Urteil: Nur für Hardcore-Holmes-Fans, die unbedingt bei ihrem London-Besuch diese Pilgerstätte abhaken müssen.

Wenn man schon einmal nicht hier ist, kann man sich auch gleich den Weg sparen zu…

…Madame Tussaud‘s.

Nicht unbedingt deshalb, weil es nichts zu sehen gibt. Die Ausstellung ist weltberühmt, die Wachsarbeiten sicherlich meisterhaft. Aber die Wartezeiten!

„Kinder, wir fahren zu Madame Tussaud’s“, ruft der englische Vati deshalb gern zum Wochenende. Nicht, um James Bond, der Queen und Harry Potter von Angesicht zu Wachsgesicht gegenüber zu treten, sondern um sich über die kilometerlang um das Gebäude anstehenden Touristen zu amüsieren. Es sollen schon ganze Großfamilien gesichtet worden sein, die mit dem Besuch der kilometerlang mäandernden Warteschlange vor Madame Taussaud’s einen Gutteil ihrer Wochenend-Gestaltung bestritten haben. Also: Sein lassen, vor allem, wenn man nur wenige Tage in der Stadt ist. Besser die Ausstellungen in Berlin oder Paris besuchen, die sollen auch sehr ordentlich sein.

Von den Museen einmal abgesehen, sollte man sich nicht…

…am Piccadilly Circus länger als irgend nötig aufhalten.

Jeder Londoner umgeht den Platz so weiträumig wie möglich, wenn es sich einrichten lässt. Es ist laut, hektisch, und zu sehen gibt es außer der (weltberühmten, jaja, ich weiß) Leuchtreklame nur eine Million anderer Touristen, die sich ebenfalls wundern, was all die anderen Leute hier eigentlich machen.

Es gibt nur zwei Gründe, zielgerichtet zum Piccadilly Circus zu kommen. Der eine ist das hier ansässige, grandios ausstaffierte Criterion Restaurant, wo sich einst sowohl der König zum Mittagsmahl niederließ, als auch die Suffragetten nach erfolgreicher Demo stärkten (Motto: Steine für den Palast, Hummer für den Magen) . Der zweite Grund ist eine Aufführung der sehr amüsanten Slapstick-Komödie „The 39 Steps“ im angeschlossenen Criterion Theatre, des einzigen noch unabhängigen Theaters in London.

…sich auf der Westminster-Bridge von den Osteuropäischen Hütchen-Trick-Spielern abziehen lassen.

Im Frühjahr (5/2012) hat sich ein amerikanischer Tourist dort innerhalb von 90 Sekunden 120 Pfund abnehmen lassen – sportlicher Respekt für die Kleinkriminellen. Die sind im übrigen gut organisiert, an jeder Ecke der Brücke steht jemand Schmiere. Sobald es auch nur nach Polizei riecht, sind die Kollegen binnen Sekunden verschwunden – samt Stuhl, Tisch und Barem.

Nach mehreren Fehlversuchen hat die Met (die Londoner Stadtpolizei) zu einem ähnlichen Trick gegriffen wie die Schlitzohren auf der Brücke: Sie rückte mit einem gemieteten roten Doppeldeckerbus an, der mitten auf der Brücke anhielt, und eine Wagenladung Polizeibeamten in Uniform und Zivil ausspuckte. Damit hatten sie das ausgefuchste Warnsystem der Betrüger-Banden umgangen, mehrere dutzend Festnahmen waren die Folge. Aber natürlich ist das nur eine vorübergehend erfolgreiche Maßnahme. Und ganz ehrlich: Wer so dumm ist, sich auf dieses Spiel einzulassen…

Nicht strafbar, aber mittlerweile ziemlich ausgeleiert ist es…

…auf dem Zebrastreifen in der Abbey Road das Beatles-Cover nachzustellen.

beatles - abbey road

Das ist ungefähr so originell, wie auf dem Erinnerungsfoto aus Pisa den schiefen Turm durch Einnehmen der entsprechenden Pose scheinbar zu stützen. Jeden Tag unternehmen dennoch hunderte Touristen den Versuch, sich wie die vier Pilzköpfe beim Überqueren der legendären Straße fotografieren zu lassen – weshalb Auto fahrende Anwohner mittlerweile ziemlich genervt sind.

Eindrucksvoll dokumentiert das die Website abbeyroadcrossing.com, auf der sich jeden Monat hunderte Fans mit einem solcherart entstandenen fotografischen Werk verewigen. Wem das nicht reicht, dem sei die Webcam der Abbey Road-Studios empfohlen, die auf den Zebrastreifen ausgerichtet ist. Wer die Seite aufmacht, muss nicht lang warten, bis die ersten Scherzhansel sich polonaiseartig in Bewegung setzen, in der Straßenmitte erstarren und – klick – sich wieder in Bewegung setzen.

Das zu beobachten ist deutlich lustiger, als sich selbst zum Deppen zu machen, und es bewahrt einen selbst zudem vor den in schöner Regelmäßigkeit stattfindenden Jagdszenen, wenn herannahende Taxis beherzt und emsig hupend die Möchtegern-Beatles auf’s Korn nehmen (die Webcam überträgt auch den Ton).

Also: Im Interesse der eignen Gesundheit und der Völkerverständigung besser sein lassen!

Von all dem abgesehen, sollte man sich (nicht nur in London) davor hüten…

…auf einem Privatparkplatz unbefugt zu parken.

Was? Autofahren in London? Wirklich? Na, wer‘s gar nicht lassen kann, sollte zumindest im Hinterkopf behalten, dass Fahren das eine ist, die Karre aber auch irgendwo bleiben muss, so man sich mit dem Gedanken trägt, irgendwo auch wieder auszusteigen.

Kostenfreie Parkplätze gibt es in London exakt: 0. In regulären Parkhäusern zahlt man gern einmal 8 Pfund pro angefangener Stunde (zum Beispiel am Hyde Park). Auf den eingezeichneten Flächen am Straßenrand kann man parken, so man denn in der Lage ist, der komplizierte Anleitung am nächsten Laternenpfahl zu folgen, um per Handy, Kreditkarten-Nummer und zwei dutzend Zahlenkombinationen eine temporäre Parkberechtigung zu ersteigern.

Keinesfalls aber sollte man auf die Idee verfallen, auf einem Privatparkplatz ohne Einverständnis des Eigentümers zu parken. Da verstehen Briten aber mal gar keinen Spaß. Die entsprechend angebrachten Schilder sind unbedingt ernst zu nehmen. Wer sich nicht darum schert, hat binnen kürzester Zeit die angedrohte Kralle (Clamp) am Rad. Und die wird nur gegen Zahlung von schmerzhaften Geldsummen wieder entfernt – in der Regel zwischen 80 und 150 Pfund. Exekutivorgan dieser drakonischen Maßnahme sind auf diese besondere Form der Wegelagerei spezialisierte Privatfirmen, die das Wort Gnade noch nie gehört haben. Naja, sie leben auch davon.

Rechtlich zulässig ist diese Beraubung der Bewegungsfreiheit und das Vergreifen an anderer Leute Eigentum offenbar durch ein mittelalterliches Gesetz, das dem Inhaber von Privatgrund fast jedes Mittel einräumt, Fremde von selbigem fernzuhalten. Offenbar gibt es immer wieder Versuche, dieses Gesetzt zu ändern, aber der Engländer hängt an seinen Traditionen – for good or for worse.

So fragwürdig dieses Gebaren ist, wenn es um den Parkplatz vor der eigenen Haustür handelt, ein gewisses Verständnis kann wohl jeder dafür aufbringen, dessen Garageneinfahrt regelmäßig von Falschparkern blockiert wird oder wer nach nächtlicher Heimfahrt nicht auf den eigenen Stellplatz gelangt, weil es irgend jemandem gefiel, sein Auto ebendort zu parken.

Wie immer in solchen Situationen, gibt es Menschen, die daraus ein Geschäftsmodell entwickeln. Das musste der Autor selbst bereits einmal feststellen. Nicht in London zwar, aber gleich um die Ecke in Windsor, angelegentlich einer Besichtigung des Schlosses der gleichnamigen Herrscherfamilie. In dessen unmittelbarer Nähe liegen etliche öffentliche, städtische Parkplätze – und ein privat geführter.

Letzterer ist natürlich am leichtesten zugänglich und lauftechnisch am angenehmsten. Seltsamerweise gibt es keinen Schlagbaum mit Automaten, an dem man sein Ticket zieht. Und bezahlt wird die ausstehende Summe nicht wie üblich bei Rückehr, sondern perfider Weise – wie an der Parkuhr am Straßenrand – im Vorhinein, sodass, wer auch nur ein paar Minuten zu spät zurück kehrt, seinen Wagen clamped vorfindet, und daneben einen gelangweilten Mitarbeiter jener Privatfirma, der den Schlüssel zur Kralle verwaltet, und praktischer Weise die Kreditkarten-Lesemaschine gleich mit.

Wir waren zum Schluss unseres Rundganges durch die Schlossanlagen ein wenig weit die berühmte Allee hinaus spaziert, die auf das Schloss zuläuft. Der öffentliche Parkplatz aber liegt auf der anderen Seite. So erhöhten sich wegen 18 Minuten Parkzeitüberschreitung die eh schon saftigen Parkgebühren von 11 Pfund (für drei Stunden) um ein Vielfaches. Da half kein Flehen, Barmen, Bitten, kein Wüten, Toben, Drohen – 120 Pfund waren futsch. Noch einmal: nicht dass wir illegal geparkt, oder gar eine Feuerwehrzufahrt blockiert hätten. Wir haben des Wagen ordnungsgemäß abgestellt, die geforderte Parkgebühr bezahlt und die Parkzeit um einige Minuten überschritten.

Die ganze Geschichte ist natürlich darauf angelegt, dass die Leute zu spät zurück kommen, oder aber schon vorher so viel zusätzliche Parkzeit bezahlen, dass sie nicht in die Verlegenheit kommen. Aber wer kann schon genau sagen, ob er drei oder vier Stunden bei der Schlossbesichtigung verbringen wird? Wer im Bereich Parken zu den etwas nachlässigeren Zeitgenossen gehört, dem nutzt auch die rechtzeitige Rückkehr nichts: Autos, die nicht exakt auf den eingezeichneten Flächen stehen und einige Zentimeter über die Markierung geparkt sind, bekommen ebenfalls eine Kralle ans Rad.

In unserem Fall war der einzige Trost, dass wir nicht die einzigen waren, dusselige Deutsche, die keine Ahnung von den ortsüblichen Verhältnissen haben. Drei englische Familien hatte es ebenfalls erwischt, die nach eigener Aussage kaum 5 Minuten zu spät an ihrem Auto waren, und nun stinksauer, aber ebenso hilflos waren wie wir. Von ihnen erfuhren wir, dass ein juristisches Vorgehen gegen diese Abzocke vermutlich zwecklos sei. Entsprechende Recherchen in den einschlägigen Internet-Foren bestätigen das. Wie man liest, sind die Bürger Windsors ebenso peinlich berührt von der Sache wie hilflos. Entsprechende Eingaben haben offenbar zu nichts geführt.

Also, wer schon so unglücklich ist, sich mit dem Auto im Dunstkreis Londons bewegen zu müssen, der sollte möglichst stets einen faltbaren Parkplatz mit sich führen und ansonsten genau hinsehen, wo er parkt, um sich solch unangenehme Urlaubserinnerungen zu ersparen.

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