Things to do (when in London)

Big Ben gesehen? St. Paul‘s besichtigt? Hyde Park durchwandert? Mit dem London-Eye gefahren? Fish&Chips gegessen? Chinatown besucht? Hier sind ein paar Tipps, die in den wenigsten Reiseführern verzeichnet sein dürften. Dabei handelt es sich nicht um große Ausflüge, sondern eher um kleine Abstecher für den Fall, dass man eh in der Ecke ist.

Am Trafalgar Square nicht nur die Säule von Admiral Nelson bestaunen, sondern auch die kleinste Polizeistation der Welt…

Sie ist in einer Laternensäule untergebracht, wenn man in Richtung British Museum guckt, am rechten Rand. In die Polizeistation passt genau ein Polizeihauptwachtmeister – aber leider auch jede Menge Gerümpel: die Station ist seit einigen Jahren geschlossen. Betrüblicherweise hat die Stadtverwaltung stattdessen allerlei Leitern und Putzzeug dort gebunkert.

Seit 1826 war der überdimensionierte Lampenpfosten der Beobachtungsstand der des diensthabenden Officers, von wo aus er die Aktivitäten auf dem Platz überblicken konnte, denn Trafalgar Square ist traditionell der Versammlungsort der Politisierten und Unzufriedenen. Kundgebungen fanden früher vor allem hier statt, Demonstrationen begannen oder endeten hier – weshalb die Ein-Mann-Polizeistation schon früh mit einem Telefon ausgestattet war. Seit 1926 existiert eine Standleitung zum Scotland Yard, gleich um die Ecke.

…die Referenz-Platten für die Imperialen Längen-Maße entdecken…

Wer sich gesteigert und ausdauernd über den Unsinn britischer →Maßeinheiten in der heutigen Zeit aufregen kann (wie zum Beispiel der Autor), der findet die Objekte seines Hasses am hinteren Ende des Trafalgar Squares, eingelassen in die Wand, hinter der sich ein kleines Café und die öffentlichen Toiletten befinden (rechts und links davon führen die Stufen hoch zur National Gallery).

Es ist dies sozusagen der Altar für alle Jünger des imperialen Maßes und Klagemauer für alle rationalen Menschen, vulgo: Anhänger des metrischen Systems. Denn hier sind sie alle versammelt, bei exakt 62 Grad Farenheit vermessen, sodann in Bronze gegossen und für die Ewigkeit festgehalten: Inch, Foot, Yard und so seltsame Dinge wie Link (eine „nicht dem Internationalen System konforme Einheit“, wie Wikipedia festhält. Link steht dabei für „Kettenglied“ und wird wie folgt umgerechtnet: 1 li. = 0,22 Yard = 0,66 ft. = 7,92 in. = 0,201168 m = 20,1168 cm; 1 statute mile = 8 furlong = 80 chain = 320 rod = 8000 link – leuchtet ein, oder?).

… und die Mitte des Britischen Empires…

Das hat er eigentlich nicht verdient: Auf einer schäbbigen Verkehrsinseln vor Trafalgar, und mißachtet von den Schülergruppen, die an seinem Sockel Pause machen, steht die Reiterstatue von König Charles I. umflossen vom Stadtverkehr. Noch viel weniger Beachtung findet die Bronzeplakette, die hinter dem Standbild in den Boden eingelassen ist. Die meisten Touristen trampeln einfach darüber hinweg. Und das völlig zu Unrecht, markiert die Tafel doch die Mittel Londons, und damit des Britischen Empires. Von exakt diesem Punkt aus werden sämtliche Entfernungen gemessen: Wer wissen möchte, wie weit Bombay, Belfast oder Birmingham entfernt liegen, der fängt hier an zu messen.

Allerdings handelt es sich nicht um die geografische, sondern um die historische Mitte Londons. Der Punkt ist die Nahtstelle zwischen der City of London, dem heutigen Finanzdistrikt, und der City of Westminister, dem Regierungsviertel. Zusammen bilden „die beiden Londons“ den Kern dessen, was heute die Hauptstadt darstellt.

Über die geografische Bedeutung hinaus war dies auch der Punkt von dem die Bezahlung der Regierungsbeamten im 19. und 20. Jahrhundert bemessen wurde: Jeder, der im Umkreis von 6 Meilen um diese Bronzeplakette wohnte, erhielt einen Zuschlag.

Ursprünglich hieß diese Stelle übrigens King’s Cross. Aus Publicity-Gründen für die neue Bahnstation und das zugehörige Hotel wurde der Name dann einen Steinwurf weiter nach Osten verlegt. Auf dem Weg von Trafalgar nach King’s Cross treffen wir auf die nächsten Sehenswürdigkeiten, und zwar in der ruhigen Craven Street, die gleich neben dem Bahnhof Richtung Themse führt. Obwohl klein und unscheinbar, ist Craven Street voll von Londoner Geschichte. Heute ist sie ein ganzes Stück von der Themse entfernt. Doch vor den 1880er Jahren, bevor die Gezeiten durch das Embankment gebändigt wurden, endete die Straße direkt am Flußufer. Es ist eine der letzten engen Straßen, durch die Kohle und andere Wagen von Schiffen zu den wartenden Wagen und Karren geschafft wurde. Literarisch unsterblich wurde Craven Street durch Dickens‘ A Christmas Carrol. Denn hier verwandelt sich ein löwenköpfiger Türknauf in Marleys Weihnachtsgeist. Welcher Türknauf das sein mag, muss man aber selbst herausfinden. Gleich am Anfang der Straße jedenfalls, auf der linken Seite, kann man…

…das einzige Glasaugen-Museum der Welt besichtigen…

London ist bekannt für seine absonderlichen Museen. Neben dem Zahnmuseum das absonderlichste dürfte wohl dieses sein, betrieben vom Kollegium der Optometristen. Ich hatte noch keine Gelegenheit, einen Blick hinein zu werfen, da es geschlossen war, als mich meine Schritte dorthin lenkten, aber Besucher berichten davon, dass der Herr am Eingang ebenso freundlich wie sachkundig durch die kleine Ausstellung führt.

Thematisch durchaus mit dem otpischen Museum verknüpft findet sich ein paar Häuser weiter die Straße runter…

…und das Wohnhaus von Benjamin Franklin…

Ja, man glaubt es kaum: Der Vater der amerikanischen Verfassung hat einige Jahre in London gewohnt, und zwar genau hier, in der Craven Street 36. 1790, im Jahr seines Todes, hat er zudem die binokulare Lesehilfe erfunden, vulgo: Die Brille. Die Nachbarschaft zum Glasaugenmuseum scheint aber zufälliger Natur zu sein.

In seinem Wohnhaus ist heute ein kleines Museum untergebracht, das von der britischen National-Lotterie finanziert wird. an mehreren Tage in der Woche finden hier historische Führungen in ebenso historischen Kostümen statt.

Einen kleinen Gruselfakor bietet das Museum auch: Bei der Sanierung des Hauses wurden im Keller zahlreiche Menschenknochen gefunden, die zum Anatomie-Institut William Hewsons gehörten, einem engen Freund Franklins. Offenbar war der Naturforscher regelmäßig bei Sektionen anwesend.

Rund um Buckinghm Palace

Das Dreieck zwischen Green Park, Picadilly Circus und Mall ist vollgestopft mit wunderbaren Geschäften und Geschichten. Auf dem Weg zum Buckingham Palace, dem Epizentrum des Britischen Empires sollte man es aber nicht vor Aufregung versäumen…

…im Eingang zur Royal Academy of Arts nach der ältesten Telefonzelle Englands zu suchen:

Die meisten Kunstbegeisterten laufen auf dem Weg zu den Ausstellungen schlicht an ihr vorbei: Die K2 (so der romantische Name) des Designers Sir Giles Gilbert Scott hat hier im Eingangsbereich des Burlington House ihren Platz gefunden. Sie liegt ein wenig versteckt hinter einer Säule. Der Prototyp von 1924 hat tatsächlich bis heute überlebt, und steht unter Denkmalschutz. Dass es sich tatsächlich um den Prototypen handelt, lässt sich daran erkennen, dass er nicht aus Metall gefertigt ist, wie die Serienmodelle, sondern aus Holz.

Das ikonische Design ist zu einem Wahrzeichen Großbritanniens geworden, die rote Farbe war tatsächlich als Signal gedacht, um in Notfällen schnell eine Telefonzelle zu finden (ja, es gab Zeiten, da hatte nicht jedermann sein eigenes Telefon in der Tasche). Das typische Kuppeldach des original Telefonhäuschens hat Scott übrigens nach dem Dach des Mausoleums eines anderen Londoner Designers entworfen, dem Mausoleum des Architekten John Soane.

einmal quer über die Straße von Burlington House kann man bei

…Fortnum & Mason shoppen gehen:

Aber nicht, ohne vorher einen Blick auf die quietschbunte Fassade geworfen zu haben. Anders als die roten Einhörnern und anderem Fantasie-Getier erahnen lassen, handelt es sich nicht um ein überdimensioniertes Spielwarenfachgeschäft, sondern um den Hoflieferanten ihrer Majestät für Wurst, Käse, Gemüse – und Konserven-Futter. Aber dazu gleich mehr.

Wer zufällig zur vollen Stunde hier vorbei kommt, oder die Geduld aufbringt, so lang zu warten, der kann an der großen Uhr ein kleines Schauspiel beobachten: Beim ersten Glockenschlag öffnen sich die Türen links und rechts, und heraus kommen die Figuren der Geschäfts-Gründer William Fortnum und Hugh Mason, die sich sodann voreinander verbeugen.

Die beiden gründeten ihren königlichen Gemischtwarenladen zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit einer simplen Geschäftsidee. William Fortnum war ein so genannter Footman, ein Lakei am Hof von Queen Anne. Zu seinen Aufgaben gehörte es dafür zu sorgen, dass regelmäßig die zahllosen Kerzen im Palast ausgetauscht wurden. Die abgebrannten Stumpen durfte er behalten. Und weil Kerzenwachs im 18. Jahrhundert äußerst wertvoll war, startete der pfiffige Palastdiener einen schwunghaften Handel – einen sehr lukrativen Handel obendrein, obwohl vor allem die ärmsten der Armen diese Stumpen kauften.

Nachdem Fortnum aus den Diensten ihrer Majestät ausgeschieden war, nutzten die beiden Masons Laden, der gleich um die Ecke des Palastes lag, um selbigen mit allerlei Waren zu beliefern. Bevor Buckingham Palace Königs-Sitz wurde, war St. James offizielle Residenz, und dort hatte Fortnum jahrelang gedient, und wusste, wonach es der Monarchin verlangte – ebenso wie der benachbarten Nobilität von Mayfair, die sich in ihrem Geschmack natürlich nach dem Hofe richtete. Die Geschäfte liefen bald so gut, dass Fortnum und Mason Kutschen und Fahrer anmieteten und einen florierenden Versandhandel betrieben.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Fortnum&Masons für ihre Auswahl an exotischen Früchten berühmt, viele davon hatte man bis dato noch nie in England gesehen. Entdecker William Perry ließ 1819 Segel setzen, um die Nord-Westpassage zu finden, aber nicht, ohne 200 Zentner Kakaopulver von Fortnums zu bunkern.  Königin Victoria bedachte Florence Nightingale mit einem Präsentkorb mit Tee aus dem Hause F&M, und die Familien von Kolonial-Offizieren sandten ihren Liebsten Fresspakete in die Ferne. Weil die Wege lang und die Konservierungsmöglichkeiten beschränkt waren, handelte es sich meistens um Eingedostes. Allerdings sprach sich schnell herum, dass sich in den Kartons von Fortnum&Mason leckere Dinge verbargen, und nachdem ein Großteil der Proviant-Sendungen dem Empfänger in beklagenswert unvollständigem Zustand erreichten (oder auch gar nicht), entschloss man sich, auf den Aufdruck des Haus-Logos künftig zu verzichten.

Bis heute findet man in den Warengängen des Kaufhauses viel edles Dosen-Futter. Berühmt sind aber vor allem  die damit bestückten Präsent- und Picknick-Körbe, die man bei Fortnum & Mason bestellen kann. Das funktioniert ganz einfach: Hinein gehen, in der Lebensmittelabteilung einen der bis zu schrankgroßen Weidenkörbe aussuchen, die gewünschte Menge Hummer, Foie Gras, Veuve Clicquot sowie Salt&Vinegar Chips angeben, die 786,63 Pfund bezahlen und Lieferadresse angeben (bei größeren Gesellschaften expediert F&M den Einkauf gern auch nach Ascot oder Wimbledon).

Fortnum & Mason ist eines der wenigen Kaufhäuser, das die Queen mit ihrer Anwesenheit ehrt. So geschehen, im Frühjahr Anno 2012, als das Oberhaupt aller Briten sich persönlich hierher verfügte, um gemeinsam mit Kate und Camilla die Jubiläums-Spezial-Edition jener Präsentkörbe in Augenschein zu nehmen, für die das Haus F&M seit je berühmt ist. Es versteht sich von selbst, dass dieses Jahrhundertereignis des shoppenden Damen-Trios  vom Staatsfernsehen BBC landesweit live übertragen wurde und einen Großteil der Sendezeiten der Abendnachrichten in Anspruch nahm.

Doch verlassen wir diesen kulinarischen Ort. Vom Seiteneingang des Kaufhauses gelangt man zur der Einkaufsstraße für den Mann von Welt, zu den…

…Herrenausstattern in der Jermyn Street

…bei denen es alles zu kaufen gibt, was ein Gentleman bedarf: Anzüge, natürlich, aus feinstem Tuch, vom gepflegten Dreiteiler bis zum exzentrischen Austin-Power-Fummel, Bowler-Hüte, Hemden, edle Schuhe, Bürsten, Kämme, Schuhanzieher, Rasierwasser, Rasierpinsel, Rasierspiegel, Nassrasierer hundertfach. In den Passagen hin zu Picadilly kauern kleine, wenige Quadratemter große Läden, die nur Manschettenknöpfe verkaufen, andere nur Krawatten und Fliegen, Flachmänner für den schlimmsten Brand unterwegs, Pralinen zur Besänftigung der Angetrauten,  Käsespezialitäten aus aller Welt… – gut, die fallen wohl eher in die Kategorie Feinkost, aber auch sie werden hier zu Preisen gehandelt, für die man sich andernorts kommod einkleiden könnte.

Da ist zum Beispiel das Haus Brigg, in dem man Regenschirme erstehen kann. Herrenschirme natürlich, keine plebejischen Knirpse mit automatischer Öffnungsmechanik. Nein: seidenbespannt, schwarz, mit rundem oder eckigen, jedenfalls hölzernen Griff, und (sollte es wirklich mal nicht regnen) als Spazierstock zu verwenden. Auch Prinz Chales beschirmt sich mit einem Brigg. Um die 600 Pfund muss man für so einen Edelschirm anlegen, aber was dem ewigen Thronfolger recht ist, kann einem Gentleman nur billig sein…

Doch genug von Königs geredet: Auf zum Palast! Wobei es sich sehr empfiehlt…

…auf dem Weg zum Buckingham Palace auf die kleinen Dinge zu achten:

  • den roten Straßenbelag: Alle Wege und Plätze in königlichem Besitz sind nicht schwarz asphaltiert, sondern rot, so wie „The Mall“, die Hauptallee, die auf den Palast zuführt (aber nicht nur dort – auch an anderen Orten kann man am roten Pflaster erkennen, dass dieser Grund der Queen gehört)
  • die Fahnenmaste und Laternen, die die Mall säumen: Erstere tragen eine Krone als Zeichen dafür, dass sich die Straße in königlichem Besitz befindet. Letztere sind als einzige heute noch gasbefeuert, und beleuchten damit eine gewisse Ironie, denn die Mall war auch die erste Straße Londons (und vermutlich weltweit), die per Gas erhellt wurde: Im Jahr 1807 installierte Albert Winsor dieses Wunderwerk der Technik – ein deutscher Ingenieur (selbstverständlich: Der König war damals deutsch, der halbe Hof bestand aus Deutschen, und alles Deutsche war so was von in Mode!)                                                                                      Als das Gaslicht zum ersten Mal erstrahlte – besser gesagt: erglimmte – war London erschüttert und gerührt. In einer Zeit, in der Nachts auf den Straßen selbst der größten Stadt Finsternis herrschte, und man sich als rechtschaffender Bürger nach Einbruch der Dunkelheit besser nicht mehr auf die Gasse traute, weil selbst die Polizei ganze Stadtteile mied; in einer solchen Zeit musste das nächtliche Erhellen eines ganzen Straßenzuges wie Science Fiction erscheinen (die es damals nicht gab). Ein Journalist der Pall Mall Gazette schrieb: London saw something so strange in the Mall of late that our parents and grandparents having seen it would take to their beds quaking with fear that the end of the world and the general loss of sanity have come. the distinguished Mr. Winsor threw light along this royal road in a manner unprecedented and we are left wondering as much at his audacity as at his ingenuity.
  • Das Denkmal für den Duke of York auf etwa der Hälfte des Weges: Außer Schuldenmachen besaß dieser Bruder von George III. wenig Qualifikationen und noch weniger Sympathien in der Bevölkerung, weswegen niemand für die Errichtung seines Denkmals aufkommen wollte, nicht einmal der König selbst. Also veranlasste letzterer, dass alle Soldaten seiner Majestät einen Tagessold für die Errichtung abzutreten hätten, was dazu führte, dass einige der ärmsten Untertanen für einen der reichsten und ungeliebtesten Aristokraten das Denkmal finanzierten.

Zum Buckingham Palace selbst mag ich mich nicht weiter äußern, denn über ihn steht nun in wirklich jedem Reiseführer genug Zeug, und schließlich geht es uns ja um die kleinen Geschichten links uns rechts davon.

Wo wir schon einmal von seltsamen Denkmalen sprechen, können wir  gerade noch eine Ecke weiter gehen und…

…im St. James‘s Square der Reiterstatue von William III. die Ehre geben:

Ist das wirklich ein Maulwurfshügel, auf den das Pferd gerade dabei ist zu steigen? Nun, es könnte tatsächlich einer sein – und falls nicht, ist es auf jeden Fall eine gute Geschichte:

William III. – der wohl eher ein Wilhelm war – war der protestantische König, der aus Holland nach England geholt wurde, um den letzten katholischen Herrscher zu ersetzen: King James. Als es nun darum ging, dem neuen König eine Statue zu setzen, verfiel man auf den Park im St. James‘s Square. Grundsätzlich eine feine Idee, meinten die Anwohner, denn der Park war damals zu einer ziemlichen Müllhalde verkommen, voll von „Küchenabfall, toten Katzen, Bretterhaufen und Bergen von giftigem Müll“, wie ein Zeitgenosse schrieb. Die wohlhabenden Nachbarn also hätten liebend gern eine Statue finanziert – aber keine von diesem William, und so zögerten sie das Projekt ein wenig hinaus: 70 Jahre lang.

Als es sich 1806 nicht mehr verhindern ließ, kam das ungeliebte Denkmal mit einer kleinen Gemeinheit: eben jenem Maulwurfshügel unter dem Huf des Pferdes, auf dem Wilhelm sitzt. Denn der Herrscher über das Reich der Briten starb, als sein Pferd in einen Maulwurfshügel trat, und der König, den Gesetzen von Beschleunigung und Schwerkraft folgend, sich beim Sturz den Hals brach (vom Schicksal des Pferdes ist nichts bekannt).

Noch heute trinken die Katholiken des Viertels auf das wohl jenes kleinen „Gentleman in velvet“, auf den „samtenen Herrn“ Maulwurf, dessen kleiner Hügel den großen König zu Fall brachte.

Am University College

Ein wenig ab vom (touristischen) Schuss liegt das University College London (UCL). Doch der Abstecher nordöstlich des Oxford Circus lohnt sich. Denn London ist zwar bekanntermaßen voll von Exzentrikern. Hier aber, mitten im Hauptgebäude der Universität, sitzt wohl der exzentrischste von allen. Auf dem Weg dorthin kommen wir aber zunächst am…

…Zoologischen Museum des University College…

…vorbei. Und weil der Eintritt kostenlos ist, lenken wir unsere Schritte hinein in diese merkwürdige Ausstellung, die so zusammenhanglos zusammen gewürfelt ist, wie die meisten Sammlungen aus ihrer Zeit. Secret London beschreibt sie treffend als „Mischung aus dem Viktorianischen Dachboden eines zwanghaften Sammlers und dem Atelier von Damien Hirst“. Der durchgeknallte viktorianische Sammler heißt in diesem Fall Robert Grant, und war seines Zeichens der erste Professor für Zoologie und vergleichende Anatomie in England, Pionier der Evolutionstheorie und Mentor von Charles Darwin.

Weil es ihm zunächst an Anschauungsmaterial gebrach, nahm er alles, was er an vormals Lebendigem in die Finger bekommen konnte. So kamen nach und nach 62.000 Exemplare zusammen, die nun samt und sonders hier auf der Fläche einer kleinen Institutsbibliothek zusammengepfercht ihr fast unvergängliches Dasein fristen. Von der Empore grüßen freundlich Primaten-Skelette und die Schränke und Vitrinen sind vollgestopft mit allerlei Viehzeug in Aspik, liebevoll seziert und konserviert.

Da gibt es die knochigen Reste einer 250-Kilogramm-Anaconda zu bestaunen, ein ganzes Bonbonglas voll eingelegter Maulwürfe in Formaldehyd oder auch Hunde-Embryos. Wer sich in ein Ausstellungsstück besonders verliebt, der kann es gegen eine Spende adoptieren. Das Tierchen trägt fortan den edlen Namen des stolzen Spenders.

Für empfindsame Seelen funktioniert die Ausstellung übrigens wunderbar als Appetitzügler. Auch wenn wir das zoologische Institut nun verlassen, bleiben wir inhaltlich beim Thema, denn nun geht es, wie versprochen zum…

größten Exzentriker Londons….

…der sich im neoklassizistischen Hauptgebäude der Universität findet, vom Museum nur einmal quer über die Straße. Dabei handelt es sich um niemand geringeren als den Philosophen und Vater de Utilitarismus Jeremy Bentham (für die Massen der Ethik-Interessierten da draußen: Das ist derjenige, der den Gedanken vom größten Glück für die größtmögliche Zahl populär machte).

Bentham war nicht nur ein Menschenfreund und Mitbegründer der Londoner Universität (der ersten, die unterschiedlos Studenten annahm, und nicht nach Rasse, Religion oder politischer Überzeugung fragte). Er besaß offenbar auch einen sehr eigenen Humor: In seinem Testament verfügte er, dass er auch nach seinem Tode die universitäre Gesellschaft mit seiner Anwesenheit beehren möchte. Das Kollegium zeigte Verständnis für diesen letzten Willen, und kümmerte sich um die technischen Details. In einer Zeit, in der als anatomische Studienobjekte ausschließlich gehenkte Verbrecher zur Verfügung standen, waren die Studenten sicherlich froh, anhand des Philosophen „eine Reihe von Lehrstunden zu illustrieren, zu denen sämtliche Wissenschaftler und Literaten eingeladen werden sollen“, wie es in der Verfügung heißt.

Aber das war noch nicht das ganze Testament, denn trotz wissenschaftlicher Sektion wollte er der Gelehrten-Gesellschaft auch postum erhalten bleiben. So sitzt er denn nun da, auf seinem Lieblingsstuhl, angetan mit Hut und Stock und Ausgehrock, aus einem Holzverschlag im rechten Seitenflügel des Hauptgebäudes dem akademischen Nachwuchs nachdenklich hinter drein blickend.

Aufgrund allgemein mangelhafter Expertise auf dem Arbeitsfeld Einbalsamierung zur Zeit seines Todes, besteht Professor Bentham mittlerweile unter seiner Original-Kleidung zum größten Teil aus Stroh, wiewohl das Skelett noch erhalten sein soll und durch Drähte zusammengehalten wird, wie sich einer Tafel neben dem Verblichenen entnehmen lässt. Auch der Kopf besteht heute nur noch aus einem Wachs-Imitat – das aber bloß als Vorsichtsmaßnahme, nachdem der Original-Schädel 1975 von einer studentischen Guerilla-Gruppe gekidnappt und erst nach Zahlung von Lösegeld in Form einer Spende für eine Wohltätigkeitsorganisation zurückgegeben wurde. Meister ihres räuberischen Fachs können die Herrschaften nicht gewesen sein, ließen sie sich doch von 100 geforderten Pfund auf 10 herunter handeln. Wie auch immer, Benthams Kopf ruht nun getrennt vom Rest irgendwo in den Katakomben der Universität.

Dennoch nimmt Professor Bentham bis auf den heutigen Tag an sämtlichen Gremiensitzungen der Universität teil und im Protokoll wird stets gewissenhaft vermerkt: „Jeremy Bentham anwesend – hat aber nicht mit abgestimmt.“

Ich weiß nicht, wer als exzentrischer einzustufen ist: Bentham mit seinem kruden Wunsch, ausgestopft zu werden, oder die Universität, die das für eine prima Idee hielt. Wer möchte, kann sich zu dieser Frage im Jeremy Bentham Pub bei einem Pint standesgemäß seine eigenen Gedanken machen. Danach geht es zurück in den Trubel Richtung Oxford Street, aber nicht, ohne kurz am…

…Eisenhower-Centre…

…um die Ecke in der Chenies Street vorbei zu schauen. Viel zu sehen gibt es nicht, heute liegen in diesem Gebäude die Film-Büchsen des privaten Doku-Senders Channel 4 archiviert und Paul McCartney soll hier seine unzähligen Gold- und Platin-Platten bunkern. Im Zweiten Weltkrieg aber war es das Hauptquartier des Amerikanischen Oberbefehlshabers – daher der Name. Von diesem Bunker aus, der ursprünglich Teil einer neuen U-Bahnlinie sein sollte, plante Dwight D. den nach ihm benannten D-Day (nein, kommt natürlich von Doomsday oder Decision Day!). Also, Helm ab zum Gebet.

Nördlich von St. Paul’s

Er ist der letzte seiner Art. Nirgends in London gibt es ihn noch, den einst allgegenwärtigen blauen Police Post, in dem die lokale Polizei-Schmiere im Notfall ein Telefon vorfand mit Direktleitung zu Scotland Yard, um Verstärkung zu rufen. Dieser hier, an der Verbindungsstraße zwischen St. Paul’s Cathedral und dem Londoner Stadtmuseum, ist als einziger übrig geblieben – so behauptet es jedenfalls der Stadtführer Secret London. Wer allerdings beim Spaziergang die Augen aufmacht, der wird bald die eine oder andere Polizeibox zu Gesicht bekommen.

Ich selbst habe Exemplare an der Tube Station Earl’s Court gesehen, und an der Ecke von Grosvenor’s Garden, gleich gegenüber der amerikanischen Botschaft, in allerdings eher beklagenswertem Zustand (im Gegensatz zu den anderen ließ sich jedoch noch die Klappe an der Vorderseite öffnen, und tatsächlich: Darin befand sich ein Telefon – ob es noch funktioniert, habe ich nicht ausprobiert). Aber dieser Post hier ist besonders schön wieder hergerichtet und verweist auf die Tage, als Polizeifunk noch in weiter Ferne lag.

Zudem dient die Box als pittoresker Leuchtturm für den unscheinbaren Eingang zum…

…kleinen Postman’s Park

Diese kleine Grünanlage ist einer jener vielen winzigen Oasen, in denen der Londoner Stadttrubel von einer Sekunde zur nächsten ganz weit weg ist. Dies hier ist eine ehemaliger Friedhof, einige verwitterte Grabsteine zeugen davon. Am hinteren Ende beheimatet er eines der erbaulichsten unter den zahllosen Londoner Denkmalen.

Keiner Königin ist es gewidmet, nicht den Kriegstoten und keinem Staatsmann, sondern echten Helden. Der Künstler George Frederic Watts kam Ende des 19. Jahrhunderts auf die Idee, einen Ort für all die sonst ungenannten Menschen zu schaffen, die zwar keinen beeindruckenden Titel besaßen, aber den Mumm, andere Menschen aus einer Lebensgefahr zu retten, und dabei selbst ums Leben kamen.

Was bleibt von solchen Rettern, außer vielleicht einer Notiz in der Lokalzeitung unter der Rubrik Vermischtes? fragte sich Watts, und begann damit, Geld für eine Gedenkmauer zu sammeln, in die er Marmor-Tafeln einlassen wollte. Doch das Projekt schleppte sich dahin, die Begeisterung potenzieller Geldgeber blieb zurückhaltend für einen Gedenkort mit nur kleinen statt klingenden Namen. Lag es daran, dass Watts‘ Denkmal sich nicht zur staatlichen Selbstbeweihräucherung eignet, oder daran, dass der Initiator überzeugter Sozialist war – weder König noch Parlament noch sonst jemand sprang auf seine Idee an. So finanzierten er und seine Frau Mary es kurzerhand selbst.

Die erste Plakette wurde im Jahr 1900 angebracht, und erinnert an eine Frau namens Alice Ayres, die Tochter eines Maurers, „who by intrepid conduct saved three children from a burning house in Union Street, Borough, at the cost of her own young life, April 24, 1885.“ (dies ist auch die einzige Geehrte, die es zu einiger postumer Berühmtheit brachte, was sehr ungewöhnlich war: eine Frau als strahlende Heldin, von niedrigem Stand und ungebildet dazu,  war im viktorianischen England ein äußerst ungewohntes Konzept. Im Hollywood-Film Closer kommt sie zu späten Ehren. Die Anfangsszenen spielen im Postman’s Park und die gerade einem Unfall entkommene Natalie Portman stellt sich ihrem Retter Jude Law als Alice Ayres vor).

13 weitere Plaketten folgten während Watts Lebenszeit, 34 ließ seine Frau danach anbringen. Anstatt für Marmor reichte Watts‘ Geld nur für Keramik. Aber auf eine merkwürdige Weise verleiht gerade dieses bescheidene Material den Namen und Daten eine eigene, anrührende Würde.

Für viele Platten wäre noch Platz gewesen, doch die meisten Reihen blieben leer. Erst vor wenigen Jahren kam eine weitere hinzu, nach fast 80 Jahren Pause, und zwar für einen Leigh Pitt, der beim Versuch starb, einen ertrinkenden Jungen aus einem Kanal zu retten. Ob die Tradition fortgesetzt wird, weiß ich nicht. Watts hatte gehofft, dass in anderen Städten ähnliche Denkmale errichtet würden, um die zu ehren, die nicht zuerst an sich denken. Das im Postman’s Park blieb aber das einzige.

Wenn man einmal in dieser Ecke der City of London unterwegs ist, liegt ein…

…Besuch des Museum of London

nah, das hier in Steinwurfweite seine Räumlichkeiten hat. Der Eintritt ist frei, wie bei allen städtischen und staatlichen Museen. Vorher aber geht es von Great Britain nach Little Britain. So heißt eine kleine Straße kurz vor dem Stadt-Museum. Ob der Name in einem plötzlichen Anfall von imperialer Bescheidenheit zustande kam, ist mir nicht bekannt. Kurz also noch ein Foto…

… und hinein geht’s ins Musem: Von der Geschichte der Kelten-Siedlung in den sumpfigen Themse-Auen über Modelle der Römerfeste Londinium und den ersten hölzernen Tower of London unter William dem Eroberer, die Pest und das vernichtende Große Feuer im 17. Jahrhundert, bis zum Nachbau einer viktorianischen Einkaufstraße und der Mode während der Beatle-Mania – alles da und alles spannend aufbereitet. Eines der Highlights: die Prunk-Kutsche, mit der der Lord Mayor alljährlich sechsspännig durch die Straßen der City paradiert (nicht zu verwechseln mit Boris Johnson, dem Mayor of London, der für Greater London zuständig ist). Der Lord Mayor hat zwar in der Stadt nicht mehr allzu viel zu sagen, aber von „Pomp & Circumstance“ hat so etwas die Briten ja noch nie abgehalten…

Das Ganze ein schöner Streifzug durch zweitausend Jahre Geschichte. Allerdings ist der Besuch von Ausländern eher nicht vorgesehen, jedenfalls nicht von solchen, die des Englischen nicht mächtig sind (soll es ja auch geben): Erklärungen in Französisch, Japanisch, Russisch, Chinesisch oder gar Deutsch sind an keinem der Exponate zu finden, einzig ein dürres Faltblatt mit kurzen Texten zu den 10 Highlights der Ausstellung verteilen die Museumsleute an die wenigen fremdsprachigen Touristen, die sich hierhin verirren. Wie auch immer: Zwei bis drei Stunden sollte man sich für Londons Geschichte ruhig Zeit nehmen.

Nicht ganz so lang benötigt man für

…das Clockmakers‘ Museum

der Worshipful Guild of the Clockmakers, das sich folgerichtig in der Guildhall der City findet, nur zwei Straßen vom Museum of London entfernt. Auf dem Weg lohnt ein Blick auf die Straßenschilder in dieser Gegend, die bewohnt ist von Prachtbauten des 19. und Glaspalästen des 20. Jahrhunderts. Die Straßennamen lassen ahnen, wie es hier früher ausgesehen haben mag, in den engen Gassen der Londoner City vor dem großen Brand 1666. Bread Street und Milk Street und Wood Street heißen die Straßen hier und geben damit Auskunft, womit in dieser Ecke der Stadt vornehmlich gehandelt wurde. Ein Straßenname hat mich allerdings ratlos zurück gelassen. Was da wohl feilgeboten wurde?

Nun aber ins Uhrmachermuseum, das gleich an der Ecke liegt. Der Eingang versteckt sich an der Seite der prächtigen Guildhall in einem modernen und wenig glamourösen Anbau, vorbei an einem gelangweilten Pförtner. Aber nicht abschrecken lassen! Auch hier ist der Eintritt frei und meist wird man sich allein in den bescheidenen Räumen wiederfinden, wo man ungestört Navigationsuhren, Wanduhren, Taschenuhren und allerlei Kuriositäten bestaunen kann –

und nebenbei etwas über die lange Geschichte der englischen Uhrmacherei erfährt, die eng mit der Seefahrt verbunden ist. Denn zur genauen Bestimmung des Längengrads, auf dem sich die Schiffe ihrer Majestät gerade befanden, brauchte es präzise Uhren. Und das war trickreich, denn die genauesten Uhren liefen damals per Pendel, was sich auf einem schaukelnden Schiff eher schlecht macht.

London war bis ins 19. Jahrhundert das Zentrum europäischer Uhrmacherkunst – bis die Konkurrenz aus Übersee den Markt mit billiger Ware aus Massenproduktion überschwemmte und die edle Handwerkskunst auf der Insel zerstörte. Und wer war’s, wer hat’s erfunden? Natürlich, die Schweizer, und daneben die Franzosen, vor allem aber die Deutschen. Typisch, immer das gleiche…

Je nach Lust und Ausdauer wird man nach einer bis anderthalb Stunden aus der Uhrmacher-Ausstellung wieder heraus fallen. Erholung nach dem Museums-Marathon bieten…

…die Bänke auf einem kleinen Platz gegenüber der Guildhall.

Dort steht marmor-besockelt eine Büste des größten aller englischen Dichter. Das Denkmal allerdings gilt nicht direkt dem britischen Barden, sondern zweien seiner Freunde, ohne die wir von Shakespeare vermutlich nichts wüssten. John Hemminge und Henry Condell haben Shakespeares Werke (oder wessen Werke auch immer) zusammengetragen und 1623 als First Folio veröffentlicht, ohne jegliches Eigeninteresse und ohne Rücksicht auf die eigenen schmalen Finanzen, wie die Tafel im Denkmalsockel vermerkt. Chapeau vor so viel Uneigennützigkeit und aufopferndem Liebesdienst. Aber kein Wunder: Die beiden lebten hier, gleich an der Love Lane…

Gern würde ich behaupten, ich hätte all diese versteckten Ecken durch genialen Findungsgeist und persönliche Spannkraft aufgestöbert. Tatsächlich standen mir zwei sehr empfehlenswerte Bücher zur Verfügung:

Secret London – an unusual Guide, sowie

London’s Strangest Tales – Extraodanary but true stories.

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